Das ist keine Kampfkandidatur. Das ist Demokratie, wenn man Auswahl hat. Renate Künast

Schluss mit der „Schaun-wir-mal“-Gesellschaft

Nur der Moment zählt? Die Snapchat-Instagram inspirierte „Schau-ma-mal“-Lebensphilosophie führt zur einer riskanten „Ver-Tinder-isierung unserer Gesellschaft – zum unverbindlichen „Wisch und weg“! Was wird das erst für die Politik bedeuten?

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Jeder hat es schon erlebt: Es beginnt mit einer einfachen Essenseinladung oder Dinner-Runde, wo sich keiner so recht „committen“ möchte, ob er auch wirklich kommt. „Ist es ok, wenn ich Dir erst zwei Tage davor Bescheid gebe?“ „Ich muss erst noch schauen, ich hab da noch einen anderen Termin …“ „Ich komme gern, aber …!“ Wie soll man die Tischreservierung umsetzen – oder den Einkauf organisieren? Wer wird auftauchen, wer nicht? Und wie soll man je gar ein richtiges aufwändiges Treffen unter Freunden organisieren, wenn keiner je so richtig fix zusagt.

„Schau ma mal“ – „Ich weiß noch nicht!“ – „Ich melde mich noch mal!“

Das kleine unscheinbare Wort „Vielleicht“ ist zu einem der neuen großen Schlüsselbegriffe geworden, – zur neuen Lebenseinstellung: Niemand will sich klar festlegen, jeder sich alles offen halten. Aus den unspektakulären Momentaufnahmen der erfolgreichen Trend-Online-Portale wie Snapchat, Instagram, Tinder und Facebook hat sich still und heimlich ein scheinbar cool-lässiger Verhaltenskodex entwickelt, der die Unverbindlichkeit des Moments zur neuen Glücks-Doktrin verklärt: Lege Dich nur auf das fest, was Dir in den nächsten „Instant-Momenten“ gefällt – Fotos für wenige Minuten, 30-Sekunden-Shortstories und Video-Clips, die nach 24 Stunden verschwinden – vielleicht gut, vielleicht schlecht: „Schau ma mal!“

Immer nur „vielleicht“, immer nur der Augenblick. Es scheint fast wie eine innere Panik: Wer sich zu arg bindet, riskiert Genuss und Wohlbefinden – im Sinne seines tag-täglichen „best of“-Deals: Man könnte ja einen anderen, möglicherweise „besseren“ Genuss-Moment verpassen! „Vielleicht“ kommt was Neues? Besseres Essen, bessere Leute, besserer Zeitpunkt. „Ich fühle mich eingeengt“, erklärt eine Bekannte voller Überzeugung, „so wie das scheinbar 90 Prozent meiner Mitmenschen tun, wenn ich mich festlege. Ich will sagen: … erspart einem eine Menge Diskussionen und Ärger, und entspricht womöglich der Natur des Menschen, Entscheidungen lieber spontan zu treffen. Festlegen kann einfach anstrengend sein.“

Das Internet hat eine neue Philosophie der Unverbindlichkeit geprägt. Nur der momentane digitale „Gefällt mir“-Genuss gilt als Maßstab. Digitaler
Vorreiter in dieser Richtung war „Snapchat“, das es sich zum Programm gemacht hatte, kurze Bildmomente gerade mal für wenige Sekunden den Freunden zum Anschauen zur Verfügung zu halten. Dann verschwinden die Fotos – für immer. Und dann zog die Konkurrenz nach: „Instagram“ setzt auf „Instant“-Motive, die gerade mal kurze harmonisch-positive Einblicke in die Erlebniswelt bieten: unkomplizierte kleine Fluchten in schöne Traumwelten. Oder die neuen “Shortstories“ auf der gleichen App, die ebenso wie bei Facebook nur für 24 Stunden aktiv bleiben, um zu erzählen, was gerade passiert. Und dann sind sie wieder weg. Spurlos – und für immer.

Wisch & Weg. Das „Tinder“-Modell wird zur neuen „Benchmark“: Bei dem großen digitalen Kennernlern-Portal werden die Fotos potentieller Liebes- und Lebenspartner ganz kurz ¬– mit höchstens ein paar netten Worten garniert – angezeigt, bevor man sie negativ zur Seite wischt – oder als „gut“ markiert. Genau so hat sich die Diktatur des schnellen Blicks längst in unser gesamtes soziales Miteinander gearbeitet, ins Leben – und in die Haltung zum Leben. Wenn der erste Eindruck nicht passt, dann heißt die Konsequenz: kurz überlegen, dann einfach wegklicken. Wenn die ersten Aussagen einer Kommunikation nicht passen, einfach das „Match“ wieder auflösen. Keine großen Worte drum herum machen. Denn schon das nächste „Match“ könnte das Bessere sein. Warum sich also festlegen? „Schau ma mal“ – „Lass uns sehen!“

Es gibt inzwischen sogar noch eine Steigerung dieses neuen „flexiblen“ Beziehungs-Managements: „Ghosting“ nennt sich der Trend, Freundschaften, Bekanntschaften, gar Beziehungen, einfach dadurch zu beenden, dass man sich online, am Smartphone, bei Mails, WhatsApps oder Anrufen einfach gar nicht mehr meldet: keine Antworten mehr auf Fragen, einfach sich tot stellen – wie ein „Geist“ verschwinden. Ehemals Freunde werden kurzerhand „blockiert“, der digitale Strang ist abgeschaltet. Freundschaft beendet. Basta. Klares Motto: „Hat nicht mehr gepasst, weg damit!“

Glücksmoment schlägt Glücksplanung?

Nichts hat Bestand. Nur der Moment zählt. Wenn sich sogar Zwischenmenschliches, Gefühle, Empfindungen und Erlebnisse ins Momentane verlagern, wenn sich alles aus dem augenblicklichen Gefallen definiert, geht jegliche Verbindlichkeit verloren: Kurzfristig intuitive „Gefällt-mir“-Antriebe dominieren die Entscheidungsprozesse. Was bleibt? Die Menschheit wäre wohl sicher im steinzeitlichen Stadium hängengeblieben – und längst verhungert, hätte sie sich schon immer primär an dieses fröhliche Spontan-Prinzip gehalten: Was mich anmacht, ist mein Maßstab. Aber ob es mich wirklich anmacht, weiß ich jetzt doch nicht.

Denn wie soll sich aus einer Aneinanderreihung spontaner Entscheidungen je ein interessantes, reichhaltiges Leben entwickeln, das nach vorne zeigt? Wie aus lauter kleinen Plus-„Augenblicken“ eine attraktive Entwicklungs-Perspektive? Wie aus kleinen Kurzzeit-Genüssen ein erfülltes Leben? Oder aus der Summe einzelner kleiner „Gefällt-mir“-Momente ein genussvolles „Gesamtbild“? Das kann letztlich genauso wenig funktionieren, wie dass sich aus lustig-nebensächlichen Short-Stories oder kurzen „Snaps“ eine attraktive Geschichte, gar ein Roman – oder ein gutes Film-Drehbuch entwickelt. Keine Dramaturgie, kein Handlungsstrang, kein Finale.

Dennoch kommt dieser neu wirkende amerikanische Silicon-Valley-„Instagram-Snapchat-Shortstories“-Trend keineswegs aus dem Nichts: Er hat eine lange, geistig-spirituelle Geschichte: In der Diskussion mit einem Freund kommt das große Argument: „Du weißt doch: Was uns alle sehr inspiriert hat, war der Buddhismus und seine Lehre: ‚Genieße den Moment’, ‚Der Weg ist das Ziel!’.“ Noch immer gilt das Hippie inspirierende Credo als Maßstab intellektueller Wahrheiten: Buddhas Pfade dienen als wesentliche Inspirationsquelle, um christlichen Schweregefühlen zu entkommen. „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ war der Aufruf zur entspannten, freien Genusserfahrung. Gegen den stets drohenden Sündenkatalog bei Freude, Liebe, Freiheit.

„Blowin in the wind“ prägte als Song die Generation. Er demonstrierte die Lockerheit des Augenblicks, die Befreiung aus den bürgerlich-einengenden Zwängen. Bob Dylans Hymne zelebrierte ebenso den (Aus-)Weg wie Jimmy Hendrix mit seinen legendären Woodstock-Songs. Später – lange nach den kalifornischen Blumenkinder-Hippie-Impulsen – haben die Punks im Angesicht der gesellschaftlichen Verkrustungen voller Wut wieder dazu aufgerufen, nur noch auf das „Jetzt“ zu setzen. „Live and loud“ – die Sex Pistols, Clash oder in Deutschland Fehlfarben postulierten: „Lebe im Jetzt, denn morgen könntest Du schon längst tot sein.“

Riskantes Lebens-Paradoxon

Mit anderen Worten: Das Dilemma hat eine lange Geschichte.

Es ist ein brutales Lebens-Paradoxon: Planst Du viel oder alles, kannst Du nicht genießen! Aber genießt Du nur, hast Du keinen Plan.

Ein riskantes Balance-Spiel: Wer alles seiner „Strategie“ unterwirft, verliert seine Emotionalität, Spiritualität, Genuss- und Lebensfähigkeit. Wer nur seine aktuellen „Gefällt-mir“-Häppchen über alles stellt, steht am Schluss ohne verbindlich-verlässliches Lebensmodell da – ohne nachhaltiges Fundament für eine schöne, gesicherte Zukunft und klare Perspektive? Für sich – und für die anderen.

Plötzlich ist dann – worst case – nichts mehr übrig zum „Gefallen“ in einer ungeplant planlosen „Umwelt“? Das Risiko ist groß: Denn die „Schau-mal-mal“- und „Wisch- und Weg“-Methode kann nicht wirklich funktionieren bei größeren gesellschaftlichen Aufgaben. Wenn sich jeder aus allem heraus hält, bis man nicht mehr weiß, was man braucht, was man will, was gut und was schlecht ist, kann sich kein nachhaltiges Bild formen. Dann gibt es keine Verantwortungs-Themen wie Umweltschutz, soziales Miteinander, Respekt und Nachhaltigkeit.

Letztlich ist sogar die Politik oft genug schon zur „Gefällt-mir-Moment-Show“ geworden, zu „Insta-Politics“ mit Snap-Meinungen und „Twitter“-Botschaften auf 140 Zeichen. Kurzfristigkeit regiert. Politische Entscheidungen und Richtungen werden zum populistischen Spielball momentan angesagter „Gefällt-mir/Gefällt-mir-nicht“-Empfindungen: Alles orientiert sich am augenblicklichen Stimmungsbild.

Trump hat diesen neuen Politik-Stil des schnellen „Schaun-wir-mal“ ebenso perfektioniert wie die populistischen Politikvertreter in ganz Europa: Was im Moment gefällt, wird gefordert! Was danach kommt, zählt nicht. Es ist nicht Twitter als Kommunikationsmittel, das diesen Weg so „unklar“ macht, sondern die Beliebigkeit der „Gefällt mir“-Entscheidungen: Gefallenspunkte als Standpunkte. „Vielleicht“ ist es heute so, „vielleicht“ anders. Festlegen gilt nicht, – ist zu „anstrengend“. Morgen könnte alles schon ganz anders sein. Je nach Tendenz: Daumen hoch, Daumen runter.

„Vision“ statt Wischen

Doch das Motto müsste stattdessen lauten: Vision statt „wisch & weg“.

Gegen die „Ver-Tinder-isierung“ des Augenblicks steht die nachhaltig wirkende Verbindlichkeit. Eine ineinandergreifende Verkettung sinnvoller „Gefällt-mir“-Erlebnisse, die „strategisch“ aufeinander aufbauen, sich ergänzen, – und sich dadurch zu noch mehr positivem „Gefallen“ steigern. Wo das Potential da ist, dass sich Ideen entwickeln, positive Inspirationen verstärken, wo auch der zweite Blick eine Chance hat und positive Genussmomente kulmulieren, weil sie sich von den vorhergegangen nähren – und dadurch noch mehr Tiefgang und Wertigkeit gewinnen.

„Momente“ sind dann Bausteine auf dem Weg zu einem guten Karma. Zu einer Lebens-Vision, einer Gesellschafts- und Zukunft-Vision. Erst wenn sie sich richtig, miteinander verbunden, zusammensetzen, werden sie zu einer verbindlichen Glücksformel. Zu einem Glück, das auch ein Morgen hat – nicht nur ein Heute. „Schaun wir mal“, ob’s klappt: Vielleicht!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Markus Ehm, Dietmar Bartsch, Viola Neu .

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