Der Info-Overkill macht uns alle verrückt

von Stefan Endrös23.06.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Lange wollten wir es nicht wahrhaben, dass die Veränderungen der Kommunikationswelt auch tatsächlich unsere Welt verändern. Jetzt wissen wir es! Der Multi-Channel-Info-Overkill legt das Gehirn lahm – und letztlich sogar das ganze System: MAD – das „mediale Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“ bedroht uns.

__Lange wollten wir es nicht wahrhaben, dass die Veränderungen der Kommunikationswelt auch tatsächlich unsere Welt verändern. Jetzt wissen wir es! Der Multi-Channel-Info-Overkill legt das Gehirn lahm – und letztlich sogar das ganze System: MAD – das „mediale Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“ bedroht uns. In der Flut an Infos, Postings, Meldungen, News, Botschaften, aus Fakten, Halb-Fakten, Wahrheiten und Halbwahrheiten, Lügen und Fakes verlieren wir die Orientierung – und unsere gemeinsame Kommunikationsbasis.__

Angenommen, wir wollen etwas erzählen. Und dann fällt uns nichts ein. Angenommen, wir wollen etwas verstehen – und es gelingt uns nicht. Oder: Man redet und redet und redet – und keiner reagiert. Man erzählt spannende Geschichten und niemand verspürt das geringste Prickeln. Stellt Euch vor: Ihr kommuniziert und merkt nicht, ob jemand zuhört. Unklar, ob es Euch gelingt, Euren Gegenüber zu faszinieren – oder zu langweilen. Stellt Euch vor: Ihr nutzt unzählige trendige Kommunikationsmittel wie Facebook, Twitter oder Online-Plattformen – und findet doch nicht mehr Freunde.

Höchste Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Denn ob wir uns in Zukunft noch miteinander verständigen werden können, ist keine Nebensache und kein Randthema. Es ist die entscheidende Frage, wie sich Geschichte entwickelt, Menschen miteinander kommunizieren, wie Ereignisse hervorgerufen und begleitet werden. Was gab es da in den letzten Jahren nicht für enorme Umwälzungen, ausgelöst von neuen Kommunikations-Technologien, von der Facebook-Revolutionen im Nahen Osten über „Anonymous“-Hacker-Attacken bis hin zu politisch hochbrisanten „WikiLeaks“ Online-Aufdeckungs-Skandalen, Shitstorms und Social-Media-Lügenkampagnen.

Insofern sind wir heute immer häufiger „Betroffene“, vielleicht sogar Opfer, von Kommunikation. Auf vielen Gebieten fühlen wir uns verloren in einem sich kontinuierlich vergrößernden Vakuum, einem luftleeren Raum, der uns immer mehr in vielen essentiellen Bedürfnissen alleine lässt: Jeder ist auf sich allein gestellt, wenn es im Info-Overkill von Inputs, Inhalten, Ideen darum geht, Orientierung, Anhaltspunkte und Hilfestellung zu finden. Was ist eine Botschaft, was ist eine kleine Neben-Info, was ist wichtig, was ist nebensächlich? Auf welchem Weg erreichen mich welche Botschaften? Was habe ich von wem zu erwarten? Wem kann ich glauben?

Die Welt wird zum Gegner. Die scheinbaren Lügen, Betrügereien, Täuschungen, schaffen Verwirrungen, erzeugen falsche Zielvorstellungen und führen zu unerreichbaren Träumen. Vielleicht löst dieses Orientierungs-Chaos zu guter Letzt gar den aktuell so gerne zitierten „Burn Out“ aus: Feuer erloschen; Weil nichts zusammenpasst, wird alles falsch?

Wenn jeder von uns in seinem eigenen Universum unterwegs ist, wie sollen wir uns dann noch verstehen. Wenn sich unsere Kommunikation in Abermillionen Teilchen-Partikeln von Worten, Aussagen, News, Informationen und Bildern zerspalten hat und unsere persönliche Kommunikations-Umwelt in Einzelteile zerlegt: Mini-Bruchteile am Computer, kurze Twitter-Zeichen am Handy, per SMS oder per E-Mail.

Das mediale Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom

Zurück bleiben wir Menschen, gefangen in einem System, dem wir nicht mehr gewachsen sind. Denn wenn alles so perfekt ist, perfekt individualisiert, perfekt aufbereitet, perfekt angepasst, wird die Perfektion zur Bedrohung. Die Überforderung steigt. Die Überflutung, das Ausnützung technischer Möglichkeiten, führt zwangsläufig – keineswegs nur medizinisch – zu einer Art medialem Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom, „die bei Erwachsenen auftretende Form der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“, ausgeliefert den – laut Marketing- und Kommunikations-Strategen – „snackabel Info-Happen“ ohne inhaltliche Tiefe, die uns „all channels“ überfluten.

Die Konsequenzen, egal ob als Krankheit oder als Lebenserfahrung, führen dazu, dass Psychologen raten, abzuschalten, dicht zu machen. Egal, ob als User, Leser, „Zielgruppe“ betroffen, so die dringliche Empfehlung, müssen wir reagieren, müssen lernen zu filtern, selbst zu definieren, zu beherrschen – aus der Opferrolle zu schlüpfen. Jeder einzelne von uns, aber auch Medienmacher, Werbe-Fachmann oder Kommunikationsexperte, muss auf diese Entwicklungen dringend reagieren, um sich fit für die Zukunft zu machen und das Vakuum kommunikativer Hilflosigkeit und kontinuierlicher Überforderung zu überwinden.

Notwendig: das Zeitalter der Zeichensetzer

Ist also unsere Kommunikation am Ende – und damit unsere (Kommunikations-)Kultur. Das kommunikative Erfolgs-Motto lautet: lieber selbst bestimmen, als eingeordnet werden, gerastert, erfasst. So ist das im Leben – und so ist das auch in der Kommunikation. Moderne Kommunikation – egal ob von Personen oder Unternehmen – kann in Zukunft gar nicht mehr ohne authentische Aussagen und glaubwürdige Persönlichkeiten auskommen. Man glaubt nur jemanden, der „echt“ wirkt und „echt“ rüberkommt. Man kann überhaupt nur jemanden verstehen, dessen Aussagen mit seiner Persönlichkeit übereinstimmt.

Jeder muss deshalb seine eigenen, echten „Zeichen setzen“ – für sich und seine Persönlichkeit: Haltung und Orientierung bieten in einem Meer an Inhalten. Dies ist die Aufgabe, die es anzupacken gilt: als Firma, als Medienmacher, als Mensch. Die Aufgabe lautet: positiv auffallen – und durch ein klares Profil und deutliche Charaktermerkmale in den Untiefen an Infos, Kanälen und Daten relevant „Charakter“ zu zeigen.

Gehört und verstanden wird in Zukunft nur noch derjenige werden, der glaubwürdig, ehrlich und mit klarem Profil seine Position darstellt. Das ist der entscheidende Schlüssel, um sich gegen den Verlust an kommunikativer Selbstbestimmung und die komplette Info-Überflutung zu schützen. Und um sich mit seinen Mitmenschen, Partnern und Zielgruppen verständigen zu können – in einer gemeinsamen, verantwortungsvollen und werthaltigen Sprache. Stellt Euch vor, wir sprechen miteinander – und verstehen uns!

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