Gut-Bürger – werdet Wutbürger!

von Stefan Endrös30.03.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Es gibt Zeitgenossen, die mit skurriler Emotion, deplatzierten Demos, abartigen Facebook-Posts, Lügen, Denunziation, Hass und Wut Politik machen – und populistisch die Welt verändern. Wollen wir das zulassen? Nein. Wir dürfen die politische Emotionalität nicht preisgeben.

__Lange Zeit haben wir uns lässig entspannt zurückgehalten: politisches Engagement, laute Diskussionen, echter Streit – all das haben wir „den anderen“ überlassen. „Es wird schon alles geregelt sein.“ „Es gibt ja genug vernünftige Menschen.“ „Es läuft doch alles ganz gut.“ Und plötzlichen merken wir: Es gibt Zeitgenossen, die mit skurriler Emotion, deplatzierten Demos, abartigen Facebook-Posts, Lügen, Denunziation, Hass und Wut Politik machen – und populistisch die Welt verändern. Wollen wir das zulassen? Nein. Wir dürfen die politische Emotionalität nicht preisgeben. Unser Motto: „Gut-Bürger“ werden Wutbürger!__

Könnt ihr euch noch erinnern, als viele von uns früher auf die Straße gingen bei den Friedensdemos, wo wir engagiert und mit viel Idealismus großen Zielen und Ideen hinterher gelaufen sind. Laut, mit Trillerpfeifen, Spruchbändern, Geschrei – und einer gehörigen Portion Power im Bauch. Millionenfach. Als wir uns politisch engagiert haben, weil wir uns nicht sicher waren, ob unsere Zukunft tatsächlich sicher auf ihren Beinen steht, ob es ein Atomkrieg auf Basis des kalten Kriegs gibt, ob die Welt im Chaos versinkt, ob die Erde den Prognosen des „Club of Rome“ entsprechend bald am Ende ist. Wir hatten Ideale – und die Politik schien sie nicht zu haben.

Dafür war es wert zu kämpfen. Nicht immer nur mit Fingerspitzengefühl und sensiblen Argumenten, sondern mit voller Power. Mit Überzeugung. Mit innerer Berufung und dem Herzen folgend. Vielleicht war es keine „Wut“, eher Angst, Unsicherheit, Misstrauen. Aber es war Ernst, es war kompromisslos – und es war hochgradig emotional.

Die 68er-Studentenunruhen hatten die bürgerliche Fassade angestoßen, bis hin zum Straßen- und Kulturkampf. Die nächste Generation hat die Strukturen innerhalb ihrer selbst verändert, sich engagiert, ist zu Friedens-Demos gefahren, hat Menschenketten gebildet, Lichter angezündet, friedlichen Widerstand geleistet, und so letztlich Politik positiv umgebaut, quasi „gut“ gemacht. Willy Brandt hat uns dann ans Ziel geführt, mit Reformen, Gesten und Versöhnungen. Wir wurden verstanden, Emotionalität war Teil der Politik. Wirkung erzielt: alles gut?

Dann kam die Ära der Rationalisten

Mit dem Hamburger Helmut Schmidt begann die Ära der „Sachentscheider“, der kühlen, sach-orientierten „Macher“, die auf Basis der Lage und Notwendigkeiten ihre Politik gestalteten. Die sich nicht von Gefühlen leiten liessen, sondern von der Analyse: Europa als gut organisierte und verwaltete Staatengemeinschaft, Zukunftsplanung als vorgegebener Prozess. Selbst Gerhard Schröder folgte dem Diktum unabdingbarer Entscheidungen. Keine Frage: Diese von Angela Merkel noch auf die Spitze getriebene Ratio-Politik hat uns lange Zeit scheinbar gut geleitet: klare Strukturen, eindeutige Denkmuster: analytisch, sezierend, argumentierend.

Wir selbst haben uns dabei entspannt zurückgelehnt. Ein bisschen diskutiert, ein bisschen Meinung ausgetauscht, wir sind zum Wählen gegangen, – manchmal auch nicht. Wir haben unseren Kindern beigebracht, dass es wichtig ist, gut gebildet Karriere zu machen, aber auch das Leben zu genießen. Wir waren der Meinung, die Politik folgt den Aufgaben, die Aufgaben werden gelöst. Und ab und an reden wir ein bisschen mit, wenn es um einzelne Detailfragen geht. Wir waren gute Bürger, „Gut-Bürger.
Was sollen wir uns also aufregen?

Auf dem falschen Fuß erwischt

Doch plötzlich war alles anders: Eine „Pegida“ im Osten ging mit Trillerpfeifen, Spruchbändern und Geschrei auf die Straße. Und veranstaltete ständig überall Demos. Es gab Menschen, die mit Wut, auch Aggression, und lauten Parolen losmarschierten, sich engagierten und mit selbstempfundenem Idealismus ihren Zielen und Ideen hinterherliefen. Es gibt Le Pen in Frankreich, Wilders in den Niederlanden, den Brexit in Großbritannien. Strömungen und Entscheidungen, die offensichtlich mit Lageanalyse und kühler Sachpolitik nicht mehr viel gemein haben. Trump in den USA setzt auf pure Emotion statt Argumentation: emotionale Aussagen stehen über den Fakten – und sie setzen sich durch.

Und wir? Wir schauen auf einmal dumm aus der Wäsche. Wir wundern uns. Verstehen das nicht so recht. Wie kann man nur so einseitig in der Politik auftreten, wie kann man solche nationalistisch-unausgewogenen Meinungen haben? So komisch „populistisch“?

Zurücklehnen – oder zurückschreien?

Vielleicht hatten wir lange die Hoffnung: Das wird sicher wieder vorbeigehen, das kann sich letztlichen nicht durchsetzen. Aber jetzt merken wir: Es geht nicht! Wollen wir das Feld politischer Emotionalität wirklich „den anderen“ überlassen? Wo wir doch selbst mal so emotional, überzeugt und engagiert auf die Straße gegangen sind, um eine Welt zu erkämpfen, die sich an unseren Werten, an den „guten“ Werten orientiert. Wollen wir uns mit unseren eigenen Waffen von damals schlagen lassen?

Es bleibt uns nichts anderes übrig: Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln. Denn wir können uns nicht mehr sicher sein, was wir schon damals anzweifelten: „ob unsere Zukunft tatsächlich weiterhin sicher auf ihren Beinen steht“. Und wir müssen das nicht nur mit dem Kopf machen, sondern mit dem Herzen, mit Einsatzwillen kämpfen.

„Gut“ zu sein allein, genügt nicht. Es erfordert vermutlich weit mehr emotionalen Einsatz, als wir denken. Vermutlich braucht es sogar eine Form von Wut. Eine neue, eine positive Wut: angetrieben von dem Willen, den anderen Einhalt zu gebieten für die damals erkämpften Werte einzustehen, nicht nachzugeben. Und um dem aggressiven Meinungs-„Populismus“ ein klares Stopp-Zeichen entgegenzusetzen. Politiker wie Martin Schulz versuchen schon ein Stück, den guten Bürger wieder mit Emotion zu vereinen. Oder Emmanuel Macron in Frankreich.

Es ist ein Versuch mit offenem Ausgang. Weil die „anderen“ radikaler sind, noch ungestümer, noch kompromissloser. Deshalb bleibt uns letztlich nur ein Weg: Wir dürfen die politische Emotionalität definitiv nicht preisgeben. Wir müssen uns zu einer emotionalen Form politischer Auseinandersetzung bekennen – und dafür aktiv eintreten, in unserer Art und Weise:
Aus uns „Gut-Bürgern“ werden Wutbürger!

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