Der 20.000-Punkte-DAX

von Stefan Andersen28.11.2013Wirtschaft

Es war ein gutes Jahr. Zumindest für Aktionäre, Investoren und Finanzdienstleister.

Das Jahr ist fast rum, und es war ein gutes Jahr. Jedenfalls für Aktionäre, Investoren und Finanzdienstleister. Selbst wer blind irgendeinen x-beliebigen Titel wählte, konnte wenigstens einstellig im Plus landen – mit Ausnahme von allem, was mit dem Schlagwort „Energiewende“ verwandt, verschwägert oder auch nur lose in Kontakt war. So manch ein Profi konnte sein Portfolio im zwei- oder gar dreistelligen Prozentbereich vermehren. Ganz klar: Das war ein Ausnahmejahr. Doch geht es so weiter? Wer weiß! Ein gutes Indiz für eine Fortsetzung 2014 sind die bloggenden, kolumnenschreibenden Warnleuchten, die bei jedem Punkt, den der DAX hinzugewinnt, eine neue Blase wittern. Krise, Bankster, Crash. Die Revolution steht quasi vor der Tür – nicht. Aber gut so. Denn bisher kam die Krise immer nur dann, wenn niemand etwas dergleichen vermutete.

Alien-Invasion oder zehn Jahre Party

Tatsächlich gibt es derzeit keine, aber auch gar keine objektiv messbaren Kriterien, die auf eine bevorstehende Durststrecke hindeuten würden. ZEW- und Ifo-Index leuchten grün, der Iran wird entsanktioniert, Deutschland hat einen frisch gewählten Bundestag (ohne die AfD), die operativen Gewinne der großen Unternehmen sind so hoch wie nie. Selbst Griechenland und Spanien haben ihre Hausaufgaben gemacht. Kurz: Wenn nicht in nächster Zeit eine Alien-Invasion stattfindet, dann erwarten uns womöglich zehn Jahre Party. Zielkurs: ein DAX mit 20.000 Punkten.

Für manche ist sonnenklar, wohin dieser Trend führt: zum mattschwarzen Lamborghini. Doch abseits aller Konsumträume entpuppt sich derzeit womöglich ein einzigartiges globales Experiment. Den Startschuss lieferte die amerikanische Subprime-Krise vor fünf Jahren. Bis dahin hatte eigentlich alles seine Ordnung. Amerika konsumiert das, was China produziert und Deutschland produziert die Maschinen, mit denen China produziert. Japan deflationiert vor sich hin, Russland macht Öl und Italien wählt Berlusconi. Doch Schluss, aus.

Nach dem sündhaft teuren Irak-Krieg war die Subprime-Krise der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mit dem üblichen Repertoire eines Staates war dem Schlamassel nicht mehr beizukommen. Einziger Ausweg: ein Mini-Leitzins und eine amerikanische Notenbank, die sich bis heute mit monatlichen Käufen von US-Anleihen zum größten Hedge-Fonds der Welt entwickelt hat. Inspiriert von dieser Methodik wechselten Japan und zuletzt auch Europa ins Lager der Niedrigzinspolitik. Was die chinesische Währung wirklich wert ist, das weiß sowieso niemand.

Nur eines ist sicher

Die aktuelle „Hausse“ am Aktienmarkt ist im Wesentlichen direkt auf die Niedrigzinspolitik zurückzuführen. Kleiner Schönheitsfehler: Gutes Management lässt sich derzeit nicht so einfach von purer Party-Stimmung unterscheiden. Gut möglich, dass viele Unternehmen den Sekt, den sie ausschenken, nie bezahlt haben. Viel verstörender ist allerdings die enorme Staatsverschuldung, die insbesondere Japan und die USA wie eine bleierne Kugel hinter sich herziehen. Alleine für Zinszahlungen müssen die Japaner beinahe die Hälfte ihrer Steuereinnahmen aufwenden und treiben daher auf den nahen fiskalischen Untergang zu.

Doch bei all den Schuldenwarnungen darf nicht vergessen werden, wie die Kollegen Staatenlenker es vor 100 Jahren mit der Krise im Allgemeinen und im Detail hielten. Statt Fremdkapital war Sparsamkeit das Mittel der Wahl – eine ganz schlechte Idee, die nicht wiederholt gehört. Der Gedanke, dass ein Staat „bankrott“ geht, ist ohnehin ebenso kleingeistig wie: „In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben!“ Mit viel Fantasie endet die USA schlussendlich im Sozialismus und bedankt sich für die aktuelle Börsen-Party mit zusätzlichen Abgaben auf Grundbesitz und Schusswaffen. Der Solidaritätszuschlag hat hierzulande schließlich auch niemanden in die Revolution getrieben. Alles in allem ist die aktuelle Situation ein interessantes, quasi-globales Experiment, mit den USA, Japan und Europa an der Spitze. Wie es ausgeht, ist ungewiss. Doch eines ist sicher: Den Berlusconi wählt niemand mehr.

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