Wenn der Mensch nur noch Multitasking macht, dann kommt er nicht mehr zum Nachdenken. Frank Schirrmacher

Uns geht es gut

Es gibt viele Gründe, Angela Merkel wiederzuwählen. Zum Beispiel den Dauerregenbogen oder die Anerkennung von Neuland.

Na, ist denn nun schon Wahlkampf? Schwer zu sagen. Sah nicht so aus im „TV-Duell“. Das sah eher aus wie ein Sommer-Interview im Doppel. Oder wie ein Probearbeitstermin für einen in die Jahre gekommenen Komiker, der auf der Suche nach einem zweiten Karrierestandbein ist.

Die Strategie von Peer Steinbrück war klar: Bloß nicht zu viel Krawall machen. Die längst verrentete Wählerzielgruppe soll schließlich noch bis zum 22. September überleben. Von der Kanzlerin bekam man vor allem den Eindruck vermittelt, dass sie die Kanzlerin ist. Sie, nicht Peer. Niemand könnte behaupten, dass sie damit nicht die Wahrheit sagt, doch so richtig weitergeholfen hat ihr dieser Auftritt nicht. Dabei gibt es doch eigentlich viele Erfolge, vor denen sich die Kanzlerin nicht verstecken muss.

Es gibt sogar viele Gründe, sie auf jeden Fall wiederzuwählen:

1. Offene Türen sind immer offen

Das Wahlvideo der Kanzlerin war wirklich großes Kino! Angela Merkel sitzt in einem Raum. Keine Pointe. Allerdings: Die Tür zu diesem Raum ist offen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist es egal, was die Kanzlerin sagt, denn ihre Tür, die ist offen. Das schafft Vertrauen. So wie der Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Der ist zwar nur ein Mal im Jahr, und von acht Stockwerken können auch nur zwei besichtigt werden, aber: Die Tür ist offen. Eigentlich unfair. Schließlich ist bei den Bürgern, dank NSA & Co. im Vollspionagerausch, nonstop Tag der offenen Tür.

2. Dauerregenbogen

Ich glaub kaum, dass wir uns jemals wieder an einen Kanzler in Anthrazitgrau gewöhnen können. Zu verwöhnt sind wir von knalligem Orange, frischer Minze und königlichem Königsblau aus dem Fundus der Merkel’schen Blazer-Sammlung. Erst seit Angela Merkel macht „Tagesschau“ auf LSD wieder Spaß.

3. Bescheidenheit

Im Gegensatz zu ihren extrovertierten Vorgängern stellt sich die Kanzlerin nur höchst ungern in den Mittelpunkt. Bei wichtigen Ereignissen überlässt sie die Show meist ganz und gar ihrem Kabinett. Zum Beispiel dem Innenminister Friedrich, der ganz allein in die USA reisen durfte, um mit Vizepräsident Joe Biden über die NSA-Abhöraktionen zu sprechen. Das „Lob“ für die Resultate durfte der Innenminister dann auch ganz für sich behalten. Auch Kanzleramtsminister Pofalla kam nicht zu kurz. Immerhin durfte er – an Stelle der Kanzlerin – die NSA-Abhöraffäre für beendet erklären. Traumjobs.

4. Gastgeberqualitäten

Beim ersten Besuch von Barack Obama in Berlin war alles noch „arm aber sexy“. Siegessäule statt Brandenburger Tor, Menschen aus allen Schichten statt VIPs. Erst dieses Jahr bekam er seine Brandenburger-Tor-Show, und – wer hätte es anders erwartet – alles war perfekt. Keine nervigen Grummelberliner, nur ausgewählte Gäste. Schön ruhig war es, vor allem dank der weiträumig abgesperrten, menschenleeren Innenstadt. Obama war schnell wieder weg, geblieben ist nichts. Außer Strafzettel und horrende Rechnungen für abgeschleppte Autos.

5. Anerkennung von „Neuland“

Das hätte es unter Schröder nie gegeben: Ein deutsches Staatsoberhaupt gibt zu, dass es das Internet wirklich gibt. Unfassbar! Aus diplomatischen Gründen wurde es „Neuland“ getauft. – Mit einem Internet kann man schließlich nicht über die Grenzen verhandeln. Über das Botschaftsgelände ist noch nichts bekannt, über den Botschafter ebenso wenig.

6. Eine übersichtliche CDU

Guttenberg? Weg. Wulff? Weg. Koch? Schon lange weg. Einst ging es bei der CDU zu wie bei Ocean’s Eleven. Viele Charaktere mit Charisma, Programm und Ehrgeiz. Ob Zufall oder nicht, mit jedem Jahr Kanzlerschaft wird es ruhiger in der CDU. Irgendwie gemütlicher. Niemand nervt mit innovativen Ideen und unharmonischer Kritik. Außer der Seehofer, aber der ist ja weit weg.

7. Förderung der Naturwissenschaften

Alle Politiker sind Juristen. So dachte man bisher. Doch nicht so die Kanzlerin! Angela Merkel ist Physikerin und wird nicht müde, ihren guten Draht zu den Naturwissenschaften zu betonen. Ein gutes Vorbild für das Volk der Tüftler und Erfinder. Vielleicht inspiriert die Kanzlerin junge Menschen zu einem naturwissenschaftlichen Studium, damit diese letztendlich nicht so etwas wie Ingenieur, sondern – natürlich – Politiker werden.

8. Königliche Amtsführung

Die Illuminaten-Pyramide ist out – die Kanzlerinnen-Raute ist in. Die Raute ist das Symbol der Macht, die Krone der Königin. Angela Merkel ist nicht nur eine Marke. Sie ist zu einer Religion geworden. Das hat nicht mal Margaret Thatcher geschafft.

9. Alternativlosigkeit

Sorry, AFD. Aber eine „Alternative für Deutschland“ kann es nicht geben. Es gibt keine Alternativen für gar nichts mehr, denn wir befinden uns im Zeitalter der „Alternativlosigkeit“. Wie viele Kanzler läuten schon ein neues Zeitalter ein? Das ist groß, ganz groß. Es wird Zeit für eine „Alternativlosenstatistik“, und für ein „Bundesministerium der Alternativen“. Man muss ja mit der Zeit gehen.

10. Geschmeidiges Auszählen

Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen, aber ich denke nicht, dass die Wahlhelfer dieses Jahr ins Schwitzen kommen werden. Viel zu schwache Widersacher und eine runde ökonomische Lage werden die Armee der Nichtwähler nicht in Wechselstimmung bringen. Klingt nach Politikverdrossenheit, ist aber auch das Resultat einer außerordentlich großen Zufriedenheit in der Bevölkerung. Eine geringe Wahlbeteiligung und die Wiederwahl von Angela Merkel wird am 22. September nur auf eine Weise interpretiert werden können: Uns geht es gut.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Andersen: Der 20.000-Punkte-DAX

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