Vorwärts in die Vergangenheit

von Stefan Andersen15.08.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

In Mainz stehen die Züge still. Schuld ist nur vordergründig die Personalpolitik der Deutschen Bahn – das Unternehmen hat Grundlegendes verpasst.

Die Bahn ist kaputt. Also, noch mehr und auch anders als sonst. Eigentlich hatte ich mich schon lange an die defekte „Oh, schon wieder Winter? Surprise!“-Klimaanlage gewöhnt. Vielleicht mit dem Gedanken im Hinterkopf: Schlimmer kann es jetzt eh nicht mehr werden. Doch nun ist nicht nur die Technik dahin, sondern auch das Personal. Nein, nicht die allseits beliebten „Zugbegleiter“ hat es erwischt. Sondern die unsichtbare Basisbelegschaft, die in den Stellwerken dafür sorgt, dass sich in der unübersichtlichen Schienenwelt der Bahn nicht die Züge übereinander stapeln. „Schienenwelt“ – ein grandioser Buchtitel. Ohne Copyright an jeden abzugeben, der sich an die Umsetzung eines Science-Fiction-Titels heranwagt, bei dem die Bahn im Mittelpunkt steht.

Irgendetwas ohne den klischeehaften Steam-Punk. Vielleicht was mit Loopings und Lava-Höhlen – man muss schließlich an die Filmrechte denken. Götz George als Lord Mehdorn, das wäre der Knaller! So einfach bekommt man Lust auf die Bahn. Leider ist das in der Realität nicht annähernd so einfach.

Als Infrastrukturunternehmen ist man immer der Depp

Meine letzte Erfahrung mit der Bahn begann auf einem westfälischen Bahnhof und endete auch dort. Kurz vor der Abfahrt wurde es finster im Abteil – der Strom war ausgefallen. Unglücklicherweise war damit nicht nur die Klimaanlage dahin, sondern auch der Mechanismus zum Öffnen der Türen. Ein paar Hundert Menschen waren gefangen in einer Sauna-Büchse – stehend, im Bahnhof. Die einzige Rettung: das allseits beliebte „Bistro“, und das machte wahrscheinlich das Geschäft des Jahrhunderts. Kundenbindung par excellence! Nach 2 Stunden Saunieren bei 5-€-Wasser wurde der Zug evakuiert. Entschädigt wurde ich zwei Monate später mit einer kleinen Packung Pralinen. Die Pralinen waren – zugegeben – ziemlich lecker. Doch leider schmeckt nichts so gut, wie sich „Am-Ziel-Ankommen“ anfühlt.

Unfair aber wahr: Als Infrastrukturunternehmen ist man letztendlich immer der Depp. Was vor 100 Jahren noch aufregendes technologisches Neuland war, ist heute so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Das Zugpferd einer technologischen Revolution ist die Bahn schon lange nicht mehr. Vermarktet wird sie heute als Ökomobil und kaum mehr als eisernes Rennross. Mobilität via Schiene ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit, und das ist wirklich angenehm. Schlecht allerdings, dass wir genau deshalb die Bahn nicht mehr richtig wertschätzen. Klar, die Bahn ist so günstig nicht. Aber dafür muss sie auch an jeder Gießkanne halten, oder anders ausgedrückt: verlustreiche Standorte akzeptieren, ohne etwas dagegen tun zu können. Nur an einer Schraube kann sie drehen: die Zusammensetzung der Belegschaft. Skandal? Aber nein, denn – bitte nicht hyperventilieren – genau das soll sie auch! Manche mögen mich jetzt für herzlos halten. Doch die Welt ist nun mal, wie sie ist, also: „Don’t shoot the Messenger“!

Leider hat die Bahn den wichtigsten Teil beim Personalabbau vergessen. Und zwar, das eingesparte Personal durch Roboter und Algorithmen zu ersetzen. Schließlich befinden wir uns im Jahr 2013! Unbemannte Drohnen fliegen durch die Gegend, Raumsonden lassen Roboter auf den Mars hinunter schweben und ein deutsches Staatsoberhaupt hat zugegeben, dass es das Internet wirklich gibt!

Für eine allumfassende Vollautomatisierung ist die Bahn ohnehin der perfekte Kandidat. Wenn sich jemand im Stellwerk kurz einen Kaffee holen geht, prallen gleich die Züge aufeinander? Das klingt für mich nicht nach einem soliden Workflow. Selbst mein Telefon kann mich unfallfrei durch verwinkelte Großstadtstraßenzüge navigieren, unter Berücksichtigung von Verkehrsaufkommen, Windstärke und Tweets-pro-Kopf. Züge automatisch an Station A starten und an Station B stoppen lassen, klingt dagegen nicht gerade wie _Rocket Science_.

Gier-getriebenes Personalmanagement ist schlimm. Aber dass so ein Stellwerk heutzutage überhaupt noch Personal benötigt, ist der weitaus größere Skandal. Die Diskussion um den Zustand der Bahn ist in Wahrheit keine Personaldiskussion; es ist eine Diskussion um den Fortschrittswillen eines in die Jahre gekommenen Staatsbetriebs.

Geburtswehen eines neuen Zeitalters

Dem Druck, menschliche Arbeitskraft durch Technologie zu ersetzen, wird sich auch die Bahn nicht entziehen können. Selbst Apple ist im Begriff, seinem Mordor – besser bekannt als Foxconn – nach Jahren der erfolgreichen Kooperation die Freundschaft zu kündigen. Die Produktion von iPhone, iPad und Co. wird bald wieder den heimischen Hi-Tech-Robotern überlassen. Die arbeiten eben schneller als die chinesischen Wanderarbeiter, und außerdem springen die nicht gleich vom Dach. Win-Win.

Sehr viel weniger Win bedeuten die sprunghaften Fortschritte der Roboterindustrie für Jobs aus der Kategorie „Aushilfe“. Während mir zu Schulzeiten das Rasenmähen beim Nachbarn noch die DVD-Sammlung finanzierte, tuckern heutzutage kleine Mähroboter von Bosch über die Rasenflächen. Bald schon wird auch Treppensteigen, Wände streichen, Geschirr spülen und Hund ausführen zu den Standard-Features der gut-verchromten Top-Modelle gehören. Die Altenpflege, in der schon seit Langem stellwerkartige Zustände herrschen, wird ebenfalls in naher Zukunft keine andere Wahl haben, als die wachsende Kundschaft via Robotik zu versorgen. Unterbezahlung, Überstunden und ungesunder Stress sind nicht nur die Symptome eines außer Kontrolle geratenen Kapitalismus. Manchmal sind es auch die Geburtswehen eines neuen Zeitalters.

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