Aluhüte werden Visionäre

von Stefan Andersen18.07.2013Medien, Wirtschaft

Prism zeigt, dass wir zu leichtfertig mit unseren Daten umgegangen sind. Um in Zukunft unerkannt zu bleiben, geht die Arbeit jetzt erst richtig los.

Auch Wochen nach den Enthüllungen von Edward Snowden kocht die Diskussion um das passende Gleichgewicht zwischen Privatsphäre im Internet und Verbrechensbekämpfung. Was als politische Debatte begann, weitete sich in Windeseile zu einem Geheimdienst-Thriller mit Asyl-Schach aus und hat nun auch spürbare Auswirkungen auf die ökonomischen Mächte im Netz. Sicherheit als „Supergrundrecht“? Da hat sich der Innenminister das falsche Territorium ausgesucht – denn das Netz ist sehr, sehr wandlungsfähig.

Sie sind jetzt auch NSA-Kunde

Seit jeher werden Werbeeinnahmen zur Monetarisierung beliebter Netzknoten verwendet. Gern mit einer Prise Personalisierung, schließlich will man sich ja von Holz- und anderen Massenmedien abheben. Der übliche Deal: Sag uns, was du suchst und wen du kennst, im Austausch für den Mehrwert, den wir dir mit unserem Service bieten. Das klingt erst mal fair.

Zwar gab es schon immer kritische Stimmen, die gegen die Datensammel-Kraken wetterten, doch den „Die wollen doch immer nur das Eine“-Meckermob gibt es ja auch irgendwie überall. Für den überwiegenden Teil der Netzgemeinschaft gab es an dem Deal nie etwas auszusetzen. Zu abstrakt war das Gefahrenpotenzial, zu gefühlt-anonym die Verwertung persönlicher Daten für harmlose kommerzielle Interessen. Ein paar private Daten zur Finanzierung seiner Lieblingsanwendung wurden unter Schmerzen, aber scheinbar ohne Verluste in die Registrierungsformulare der Anbieter getippert.

Mit der Etablierung Sozialer Netzwerke, im Zuge derer es en vogue wurde, die wenig kreativen Spitznamen gegen den realen Klarnamen zu tauschen, zuckte kurz das Privatometer in Richtung Datenschutzskandal. Jetzt war jedem klar: Die Verknüpfung zwischen einer Google-Suche zum Thema S/M-Spielzeug mit der realen Identität des Suchenden ist keine Utopie mehr, sondern ein realer Trend der werbeunterfütterten Internet-Industrie. Doch selbst diese dunklen Wolken am Horizont der Privatsphäre konnten das Nutzerverhalten nicht nachhaltig erschüttern – es wurde weiter fröhlich gegoogelt, geliked und gefaved.

Doch nun, mit den Enthüllungen von Edward Snowden, ist die fein säuberlich justierte Grenze zwischen Geben und Nehmen in der über Jahre gewachsenen Netz-Economy unwiederbringlich dahin. Ausgelöscht. Umgewälzt. Unreparierbar sabotiert. Jetzt ist auch dem letzten CDU-Wähler klar: Meine Suchanfragen, Statusmeldungen und Privatnachrichten sind nicht mehr nur eine Sache zwischen mir, einem Google und ein paar Werbepartnern. Nein, sie sind ebenfalls die primäre Informationsquelle für eine aus den Fugen geratenen Sicherheitsarchitektur, die mich womöglich bei einem falschen Smiley in die Terroristen-Most-Wanted-Liste einsortiert. Jetzt bin nicht mehr nur ein Kunde bei Amazon, Ebay und Zalando, sondern – ohne je die AGBs abgenickt zu haben – ein Kunde der NSA. In Zeiten einer globalen Antiterrorabwehr bin ich zum natürlichen Feind geworden.

Schon früh haben wir gelernt: Gelegenheit macht Diebe. Niemals kämen wir auf die Idee, unseren Kram irgendwo unbeaufsichtigt herumliegen zu lassen. Ungeachtet dessen lassen wir unsere Kommunikationshistorie quer über den Globus verteilen. Tagtäglich, ohne Hürde für den Dieb, der sich unsere Wertsachen im Zweifel sogar schon auf dem Transportweg unter den Nagel reißt – via U-Boot wohlgemerkt, kein Witz.

Vom Aluhut-Spinner zum Visionär

Nun ist es leider so, dass Software nur das kann, was sie eben kann und wenn der Lieblingsservice keine Möglichkeiten zur Verschlüsselung anbietet, dann steckt der Schutz der Privatsphäre in der Sackgasse. Wo die einen „Ungerecht!“ schreien, denken sich die anderen: „Market Opportunity!“

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