Das heiß erwartete neue … gähn

von Stefan Andersen13.06.2013Medien

Ein neues iOS? Apple ist inzwischen so innovativ wie eine restaurierte Küche. Und Google baut Brillen – eines der unattraktivsten Accessoires überhaupt! Wo bleibt das nächste Game-Changing-Gadget für die Massen?

Da war sie wieder, die WWDC. Apples heiß ersehnte – Pardon – kaum mehr relevante Entwicklerkonferenz. Im Vorfeld der WWDC wurde nie viel versprochen, doch irgendwie hat es sich in die Erwartungshaltung eingebrannt, dieses „One More Thing“. Damals, als der leibhaftige schwarze Rollkragenpullover zum Ende einer jeden Konferenz doch noch ein Kaninchen aus dem Hut zauberte und iPhone, iPad und Co einer breiten Öffentlichkeit präsentierte. Das waren die magischen Sekunden; das war Weltgeschichte.

Doch das, was auf der diesjährigen WWDC präsentiert wurde, war nicht die Bandbreite wert, auf der es gestreamed wurde. Ein neues übersichtliches iOS? Das ist ja wie die alte Küche, über die man sich freut, weil sie mal aufgeräumt wurde. Das Schärfste ist eigentlich der neue „Hochleistungsrechner“ in Form eines R2D2 – Disney lässt grüßen. Doch wieso Apple so viel Energie in die Bespaßung von „Performance-Nerds“ investiert, obgleich ein Milliardenpublikum nach massentauglichen Gadgets lechzt, wird auch nach dieser WWDC ein großes Rätsel bleiben.

Technologien, die zuvor nie ein Mensch gesehen hatte

Aber Apple hat genug für die Gadget-Welt getan, so viel ist sicher. Eine Innovationspause zum Rundoptimieren Jobs’scher Meisterwerke sei dem Unternehmen gegönnt. Doch wie soll es denn nun weitergehen? Kommt der iSchal oder eine TV-Revolution? Wann wird es wieder heißen „One More Thing“? Wahrscheinlich nie wieder. Denn tatsächlich hat der Nachfolger des legendären schwarzen Rollkragenpullovers, Tim Cook – zu erkennen an der oft nüchternen Hemd-Shirt-Kombination in Asphaltfarben –, das Unternehmen bereits komplett umgebaut.

Apple wurde als Hype-Unternehmen konzipiert, einhergehend mit der Aussicht auf galaktische Wertsteigerungsraten. Doch das Unternehmen war nicht nur bei Spekulanten gefragt. Wer Apple-Aktien erwarb, der investierte in die Zukunft der Welt; in Star-Trek-Technologien, die zuvor nie ein Mensch gesehen hatte. Es wurde zum Sammelbecken für all die Techno-Nostalgiker, die NASA & Co nichts mehr zutrauten. Zum ersten Mal nach Jahrzehnten war Technologie nicht nur potenziell gefährlich, sondern auch visionär und ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ausgerechnet eine Brille?

Dieses Apple war einmal. Jetzt gibt es nur noch das Rentner-Apple, mit voraussichtlich etwa drei Prozent Dividendenrendite im Jahr 2014. Das sind drei Prozent mehr als im Jahr 2011 und eine harter Kurs in Richtung Buy-And-Hold-Cashcow. Das bedeutet auch: keine großen Experimente mehr, sondern Investitionen in Patentanwälte und Lobbystrukturen. Business as usual. Das iPhone war für Apple das, was Windows XP für Microsoft war – ein „Once in a lifetime shot“. Solche Erfolge kann niemand im jährlichen Rhythmus reproduzieren. Zur Erinnerung: Es vergingen Jahrzehnte der Entwicklung, bis Apple alle benötigten Technologien für das iPhone zur Hand hatte!

Doch was treibt eigentlich die Konkurrenz? Nun, Google versucht sich an einer Brille. Applaus. Immerhin eine gute Investition für Leute, die sich zu Karneval als Tron-Man verkleiden wollen. Nein, im Ernst, so manch renommierter Autor schwelgt bereits in Traumuniversen unendlicher Cyborg-Brillen-Welten und interpretiert Googles neues Gadget als die logische Konsequenz in der Fortentwicklung der elektronischen Medien. Also doch ein „Game-Changing-Gadget“ für die Massen?

Ich denke: nein. Zu oft hat Google sich an Hardware versucht und stets war das Resultat ziemlich ernüchternd. Technisch okay, aber irgendwie unsympathisch – so wie das Unternehmen auch. Selbst das so erfolgreiche Android brauchte erst ein Samsung, um wirklich glänzen zu können. Mal davon abgesehen: Warum musste es ausgerechnet eine Brille sein? Eines der unattraktivsten Accessoires überhaupt! Viele Generationen haben schon versucht, Brillen „cool“ zu machen. Alle – bis auf ein paar beratungsresistente Hipster – sind gescheitert. Internetzugang und Sprachsteuerung werden daran kaum etwas ändern.

Das Netz ist tot

Ich hoffe für Google, dass es noch heimlich an einem Google-U-Boot oder einem Google-Flugzeug arbeitet. Denn die Google-Adwords-Gutscheine, die in immer kürzeren Abständen in meinen Briefkasten flattern, lassen immer wieder Zweifel an der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells aufkommen. Verpasst Google nur einen wichtigen Gadget-Hype, dann fällt das regenbogenfarbene Werbekartenhaus in sich zusammen.

Das Netz ist tot, es lebe das Gadget-Ökosystem. Nur das muss man dann eben selber bauen, um es beherrschen zu können. Märkte werden nicht erobert, Märkte werden geschaffen – das wissen die Jungs und Mädels aus der New Economy eigentlich ziemlich gut. Ob Apple, Google oder gar Microsoft das nächste Mikrouniversum erschafft, steht weiterhin in den Sternen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu