Auf die Nervenprobe gestellt

von Stefan Andersen16.05.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Revolution der Piraten ist so schwer, wie es Revolutionen eben immer waren. Aber wie zur Hölle verkauft man dem Wähler eine Art Linkspartei ohne Internetanschluss?

„Es lebt“, möchte der politisch interessierte Durchschnittsbürger rufen, wenn er sich die Ergebnisse des Zombiepiraten-Parteitags vom letzten Wochenende anschaut. Ein solides Wahlprogramm mit bedingungslosem Grundeinkommen, Mindestlohn und Pro-Bildung-Statement steht auf der Habenseite. Zudem lässt die Amtseinführung der überaus kompetenten @kattascha als neue Politische Geschäftsführerin die Sonne über der Pirateninsel wieder aufgehen. Das war insgesamt deutlich mehr, als ich erwartet hatte.

Ein Glück, schließlich sind die Umfragewerte der Piratenpartei seit geraumer Zeit als konstant „bearish“ zu bewerten, um es mal im Wall-Street-Fachjargon zu formulieren. Doch trotz dieser schlechten Vorzeichen haben sich die Piraten an diesem Wochenende durchgebissen, und das auch noch im verschlafenen Süden. Hut ab für diese Nerven!

Linkspartei ohne Internetanschluss

Es könnte alles so schön sein, wenn da nicht diese Sache mit diesem Internet wäre. Ja genau, schon wieder diese verflixte Sache mit dieser widrigen SMV, der „Ständigen Online-Mitgliederversammlung“. Es will und will einfach nicht gelingen, diese Partei ans Netz zu bringen, und so langsam wäre es eigentlich an der Zeit, die Geduld zu verlieren.

Bisher verkaufte sich die Piratenpartei bei Cocktailpartys wie geschnitten Brot, und zwar immer wieder auf Grund von zwei Kernthemen: bedingungsloses Grundeinkommen und Mitbestimmung via Internet. Teilhabe, sowohl ökonomisch als auch politisch. Das ist der Stoff, aus dem Wählerträume gemacht sind. „Linkspartei mit Internetanschluss“, giftete so manch greiser Politfunktionär des Imperiums, und das war gar nicht mal so weit daneben.

Doch wie verkauft man eine „Linkspartei _ohne_ Internetanschluss“? Lange Zeit klappte das ganz hervorragend, schließlich ließ sich stets auf den nächsten Bundesparteitag verweisen, auf dem dann mit begründeter Verspätung die SMV beschlossen werden würde. Kann man machen, aber nicht sehr lange. Besonders bitter ist diese ewige Durststrecke für die Berliner. Seit jeher ist dort die SMV ein fester Bestandteil „piratiger“ Kultur, gar eine Art ungeborener Messias. Ohne ein Statement Pro-SMV durfte sich ein Pirat bei der Bewerbung für die Berliner Landesliste seinerzeit kaum Chancen ausrechnen. In der Hauptstadt gilt schlicht: SMV is law.

Kaum vorstellbar, wie die Piraten zur Bundestagswahl diesen Teil ihres Selbst verleugnen wollen. „Internet? Kennen wir nicht“, wird es dann am Infostand heißen müssen. Vielleicht wird die Art dieser Persönlichkeitsstörung als das „Netzverweigerungssyndrom“ in die Geschichte der Psychologie eingehen. Nicht bei Günther Jauch werden die besten Geschichten des Bundestagswahlkampfs zu hören sein, sondern bei der psychologischen Piratennotbetreuung. Aber die Piratenpartei bezeichnete sich ja schon immer gern als Experiment. Jetzt experimentiert sie eben mit sich selber und der Nervenstärke ihrer Mitglieder.

Die Angst ist stark

Dabei ist doch eigentlich alles ein großes Missverständnis. Piraten lieben das Netz. Aber noch mehr lieben sie eben Showeinlagen mit Zeitreisen, die von Handpuppen vorgetragen werden. Dieses Woodstock, das sie Bundesparteitag nennen, ist ja auch irgendwie nett. Es ist schön, mit alten Weggefährten Club Mate zu trinken. Neuerdings tragen Kamerateams und Journalisten das süße Gefühl der Wichtigkeit zwischen die vernetzten Tische. Die Bedeutung eines solchen Events womöglich schwächen, nur um dezentrale Online-Abstimmungen zu etablieren? „Niemals“, denkt sich der Alt-Pirat – und das ist nur allzu menschlich. Das Netz wäre zwar effizienter, doch trotz aller Social Media durchweg unattraktiv, kalt und frei von sprechenden Handpuppen.

Die Angst ist stark mit ihr, dieser jungen Partei. Genauso stark wie die Macht der Komfortzone, aus der sie keinen Ausweg findet. Ohne Zweifel ist es anstrengend, einen ausreichend gelungenen Datenschutz für ein komplexes Online-Tool zu gewährleisten. Ganz sicher kostet es Nerven, sich auf einen tauglichen Kompromiss für eine maximal machbare Anonymität aller Beteiligten zu verständigen.

Das alles ist schwierig, so wie es alle revolutionären Entwicklungen in allen Epochen immer waren. Wer etwas Einfaches möchte, der beschließt halt ein bedingungsloses Grundeinkommen und geht dann semi-zufrieden nach Hause. Da freut sich die sprechende Handpuppe und der politische Gegner sowieso. Denn der wünscht sich nichts so sehr wie einen hoffnungsvollen Neueinsteiger, den er schnell in seine Welt ziehen kann. In eine Welt, in der die altbewährten Regeln gelten. Denn in dieser Welt, mit diesen Regeln, dort kennt er sich bestens aus.

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