Raubkopierer werden Opfer von Raubkopierern

von Stefan Andersen9.05.2013Medien

Eigentlich interessiert sich unser Kolumnist nicht für Computerspiele. Doch wie die Branche neuerdings mit Raubkopierern fertig wird, ist viel zu interessant zum Wegschauen.

Zugegeben – seit gefühlten Äonen bin ich nicht mehr das, was man im allgemeinen Grundrauschen des Konsumdiktats als einen „Gamer“ bezeichnen würde. Schon lange bevor global vernetzte Elfen-Clans in „World of Warcraft“ gemeinsam gegen (oder für) die Mächte der Finsternis kämpften, habe ich kaum noch einen Funken Begeisterung für die Simulationen künstlicher Lebenswelten aufbringen können. Was sich in den Nullerjahren durch die fortschreitende Vernetzung und exponentiell wachsende Grafik-Power zu einer gigantischen Blase virtueller Möglichkeiten aufblähte, schrumpfte für mich in nur ein paar Jahren auf zwei bis drei fordernde Partien Schach die Woche zusammen.

Schach ist wohl das, was übrig bleibt, wenn am Ende einer Gamer-Karriere vor allem die maximale Wiederspielbarkeit zählt und sich das triefende Sabbern nach oberflächlichen Details bombastischer Grafik abgenutzt hat. Ab dann ist jeglicher Spielspaß einzig und allein auf die Wertigkeit eines inneren Kerns zurückzuführen, wodurch 99 Prozent der Titel schon von vornherein aus dem Raster fallen. Es sollte zur gesetzlichen Verpflichtung werden, ein neues Warnschild auf alle Spielpackungen zu drucken. Dort heißt es dann: „Achtung, der visuelle Eindruck dieses Unterhaltungsproduktes wird Sie nicht dauerhaft glücklich machen. Halten Sie für den Notfall ein Schachbrett bereit.“

Ein besonderer Hackentrick

Obwohl ich die Entwicklungen in der Games-Branche höchstens noch mit einem Achtelauge verfolge, ging die Geschichte von „Game Dev Tycoon“ nicht an mir vorüber. Wie der Titel bereits vermuten lässt, handelt es sich um ein Spiel, mit dem sich das Company-Building in der Games-Branche von null auf hundert simulieren lässt. Ein Spiel, in dem es das Ziel ist, Spiele zu entwickeln – soso [Augenbraue hoch]. Erinnert auf den ersten Blick ein wenig an die Leute, die sich mittels Social Media über Social Media unterhalten oder an ähnliche intrakulturelle Phänomene, die immer dann entstehen, wenn das Werkzeug mehr vergöttert wird als der Output, der damit erzeugt werden kann. Zum Release des Titels hatten sich die beiden Macher von „Game Dev Tycoon“ einen besonders interessanten „Hackentrick“ einfallen lassen.

Denn zeitgleich zum Release der offiziellen Version brachten sie via Torrent eine modifizierte Variante des Spiels in Umlauf. Der Clou bei dieser Variante: Irgendwann im Laufe des Spiels beginnen die virtuellen Kunden die virtuell entwickelten Spiele „raubzukopieren“, woraufhin das virtuelle Entwicklungsstudio insolvent geht und das Spiel vom Spieleentwickeln ein viel zu frühes Ende nimmt. Oder anders ausgedrückt: Der Spieler, der sich offensichtlich das Spiel via Torrent raubkopiert hat, wird wiederum selbst im Spiel zum Opfer von Raubkopierern. Ein klassischer Rollentausch, der den Raubkopierer in die emotionale Rolle des „Geschädigten“ drängt. Es ist das bisher interessanteste Experiment zum Thema Raubkopien und trug bisher schon so manch seltsame Blüte. Im offiziellen Forum hagelte es Beschwerden über dieses unausweichlich frühe Game Over. Jemand erkundigte sich gar, ob es wohl möglich sei, die virtuell entwickelten Spiele mit Hilfe eines virtuellen Kopierschutzes zu schützen – Doppelmoral Deluxe.

Obgleich Spiele schon seit der ersten Stunde zum Opfer ihres digitalen Mediums wurden und stets in Windeseile eine Vervielfältigungswelle auslösten, waren die genauen Ursachen für diesen Effekt stets ein Quell unendlicher Diskussionen. Manch einer sah den Grund in den überhöhten Preisen der Industrie, die Industrie selbst vermutete hinter jeder unberechtigten Kopie regelmäßig ein überaus hohes Maß an krimineller Energie – ganz besonders im bösen Wild-West-Internet der Jahrtausendwende. Mit einem Preis von knapp acht Dollar kann „Game Dev Tycoon“ kaum als Hochpreistitel bezeichnet werden. Trotzdem wanderte die vergiftete Torrent-Variante knapp zehn Mal öfter auf die Festplatten der Konsumenten als die offizielle Version – schade, die Hochpreistheorie ist wohl für immer aus dem Rennen.

Was treibt den Raubkopierer an?

Ist es etwa doch die kriminelle Energie, die den Wald-und-Wiesen-Raubkopierer antreibt? Vielleicht. Ich persönlich tendiere eher dazu, den Raubkopierer an sich als Opfer festverdrahteter psychologischer Mechanismen zu begreifen, die zu Zeiten entstanden sind, als es weder Internet noch MP3-Player gab. Zu Zeiten, in denen der Weg mit dem geringsten Widerstand über Leben oder Tod entscheiden konnte. Den Weg mit den unwägbaren Widrigkeiten – giftige Schlangen, skrupellose Wegelagerer, unüberwindbare Schluchten – nahm der zum Überleben geneigte Mensch zu jenen Zeiten besser nicht. Genauso vorsichtig wird heutzutage der Weg des digitalen Einkaufs beäugt, auf dem Abofallen, Newsletter-Spam und lasche Datenschutzkriterien bei der Verarbeitung von Kreditkartennummern lauern. Bei solchen Aussichten wirkt der Torrent-Weg wie eine Rheinkreuzfahrt bei Kaffee und Kuchen – einfach angenehm und sicher.

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