Überwacht und abgemahnt

Stefan Andersen15.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Wir schlittern in die Angstgesellschaft. Weil Abmahnanwälte im Internet jagen, wird 1984 ganz real.

Auf das deutsche Abmahnsystem konnte man sich stets verlassen. Insbesondere dann, wenn man Sporthosen aus Synthetik mit den drei unverkennbaren Streifen einer deutschen Sportartikelmarke verschönerte oder Aufkleber mit angebissenen Äpfeln auf mattschimmernde Magnesium-Aluminium-Oberflächen klebte ohne das kalifornische Örtchen „Cupertino“ zu erwähnen. Für deutsche Unternehmen war es stets die elegantere Art der Auseinandersetzung.

Denn während im angelsächsischen Raum üblicherweise recht zügig vor Gericht die Fetzen fliegen, startet man hierzulande gerne locker in die erste Runde. Das bedeutet: Ein nett verklausulierter Warnflirt statt millionenschwerer Justizartillerie. Eine unschlagbar günstige Methode, um die widerspenstige Konkurrenz aus dem hellen Schein des eigenen Glanzes zu vertreiben. Deutsche Regelwerke haben selten ihre Fans, doch in diesem Fall ist klar: „Günstig Abmahnen statt teuer Klagen“ hätte das Zeug zum Trend. Schachspiel der Könige statt Krieg der Bauern – ein Evergreen.

Elite macht nur Spaß, wenn man es sich leisten kann

Wer früher Abmahnungen erhielt, der war definitiv „Elite“. Denn das Abmahnspiel, das spielten eigentlich nur die ganz Großen. Doch im Informationszeitalter werden Abmahnschreiben nicht mehr nur von adretten Verwaltungsfachangestellten in lichtdurchfluteten Rechtsabteilungen geöffnet, sondern auch vom untersetzten Familienvater, der seinen Briefkasten nach einer knochenharten Nachtschicht in der Konservenfabrik leert.

Tatsächlich flatterten bereits über vier Millionen Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen im Internet in die Briefkästen deutscher Privathaushalte. Wegen Hollywood-Filmen, Hip-Hop-Alben und japanischen BDSM-Pornos. Abmahnung – das klingt zunächst nach Hausverbot in der Eckkneipe und nicht nach „Gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie nie wieder irgendwo Geld ohne sofortige Pfändung ein“. Doch mit imaginären Streitwerten im hohen fünfstelligen Bereich lassen sich völlig legal Abmahngebühren im Wert von vielen, vielen Nachtschichten konstruieren. So hat das Internet nicht nur die Musikindustrie auf dem Gewissen, sondern auch noch die fein ausbalancierte deutsche Sprache, in der das Wort „Abmahnung“ nun im Allgemeinen eher nach „Finanzieller Ruin aus dem Briefkasten“ klingt. Elite macht wirklich nur Spaß, wenn man es sich leisten kann.

Es zieht sich jedes Mal ein nostalgisches Grinsen über mein Gesicht, wenn ich darüber fantasiere, wie mein zwölfjähriges Ich sein Monatstaschengeld an einen Abmahnpolizisten auf dem Schulhof überreichen muss, weil der die Übergabe eines Videospiels beobachtet hat. Der Engel auf meiner linken Schulter schreit: „Das war ja auch Unrecht!“, der Teufel auf meiner rechten Schulter gähnt: „Solange kein Plutonium im Spiel war“.

Eigentlich hat sich nichts verändert. Menschen tauschen ihre Habseligkeiten mit anderen Menschen – einfach so, wenn sie es können, weil sie es können. Auch im Internet. So wurde aus dem aufblühenden Netz so ganz nebenbei ein Land, in dem unendlich viel virtuelle Milch und Honig fließen. Es wurde zum ultimativen Test im Trockendock; ein Test, ob wir eine derart märchenhafte Utopie ertragen können, oder ob wir die Milch- und Honigflüsse lieber selbst vergiften, um die Ehre der Milchbauern und Imker zu retten.

Ruinöse Abmahnungen aufgrund von ein paar Klicks im Internet sind nichts weiter als der verzweifelte Versuch, die utopischen Bedingungen im Netz auf die „Von-nichts-kommt-nichts-Realität“ herunterzuskalieren; ein Fingerklopfen für jeden, der sich am unendlich weiten Erdbeerfeld bedient. Doch wer glaubt, vor dem Urteil des Telekom-Mitarbeiters, der emsig Abmahnadressen aus seiner Datenbank fischt, wäre jeder gleich, der täuscht sich gewaltig.

Wir schlittern in die Angstgesellschaft

Längst haben sich „Secret Societies“ herausgebildet, die sich dem Abmahnsystem dauerhaft entziehen können und für die es absolute Normalität ist, sich völlig frei im Netz zu bedienen. Denn während sich der 0815-Privathaushalt mit der WLAN-Verschlüsselung herumschlägt und verzweifelt darum bemüht ist, die digitale Umtriebigkeit des Nachwuchses zu zügeln, schlendert der Berliner Hipster seelenruhig in ein x-beliebiges Café mit High-Speed-WLAN, wirft sein Dual-Core-Smartphone auf den Tresen und zieht sich alle Teile von „Dark Knight“ im Zeitraum eines White Americanos. Wer auf die dekadente Infrastruktur einer Großstadt zurückgreifen kann, der kann sich den Flug unter dem Radar leisten – der Rest legt mit der Titanic ab.

In so manch fragwürdiger Gesellschaft gewinnt man gar den Eindruck, dass die Anmeldung eines einfachen Heimzugangs heutzutage ebenso unvorsichtig ist, als würde man einen Nachtspaziergang durch die Slums von Rio de Janeiro planen. Der eine tunnelt seinen Datenverkehr durch die Virgin Islands, ein anderer traut sich nur noch über das Tor-Netzwerk an die unberechenbare Datensuppe. Offenbar brauchen wir gar keinen allmächtigen 1984er-Überwachungsstaat, um in die Angst-Gesellschaft zu schlittern – dafür genügen schon ein paar Abmahnanwälte.

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