Es gilt, die Wunde offen zu lassen

Klaus Staeck25.05.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Verhaftung des regimekritischen chinesischen Künstlers Ai Weiwei ist bestürzend und ruft zurecht die Frage nach den Möglichkeiten des Kulturaustauschs auf. Solange der verschleppte Ai Weiwei nicht wieder unversehrt in Freiheit ist, gilt es, diese Wunde offen zu lassen.

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Ai Weiwei ist nicht der einzige, aber neben dem Nobelpreisträger “Liu Xiaobo(Link)”:http://www.theeuropean.de/wenzel-michalski/5132-friedensnobelpreis-fuer-liu-xiaobo der bekannteste Künstler, der derzeit in China gefangen gehalten wird. Vermehrt verschwinden wieder Rechtsanwälte, Menschenrechtsvertreter und Umweltaktivisten. Das Wort Verschwundene erinnert fatal an die Zeit der südamerikanischen Militärdiktaturen, als Tausende nach ihrer Verhaftung nicht mehr auftauchten.

Ai Weiwei ist nicht gefällig, sondern ein Aufklärer

Wenn man seine Interviews gelesen und seine künstlerischen Aktivitäten verfolgt hat, weiß man, dass nur wenige so offen und energisch die Freiheitsrechte in China immer wieder angemahnt haben. “Er ist kein Freund des gefälligen _L’art pour l’art,_ kein Dekorateur der Macht, sondern ein Aufklärer, der stets auf die Kraft seiner Kunst vertraut(Link)”:http://www.theeuropean.de/sophie-diesselhorst/690-der-kuenstler-ai-weiwei-und-die-menschenrechte-in-china. Jemand, der Kunst und Leben zusammenbringt, bei vollem Risiko über die möglichen Folgen seiner Arbeit. Ai Weiweis Verhaftung kurz nach der Vernissage der Ausstellung “„Die Kunst der Aufklärung“(Link)”:http://www.kunstderaufklaerung.de im neuen Pekinger Nationalmuseum im Beisein des deutschen Außenministers muss als besondere Provokation empfunden werden in einem Land, in dem auf die Wahrung des Gesichtes traditionsgemäß so großer Wert gelegt wird. Seltsam ist es schon, dass eine Weltmacht, die wirtschaftlich vor Kraft kaum laufen kann, sich vor einem weltbekannten Künstler fürchtet, der nichts weiter tut, als demokratische Rechte einzufordern. Entsprechend deutlich war auch der Protest gegen seine Verhaftung und sein Verschwinden im Reich der Mitte. Sogar die oft zerstrittene Kunstszene zeigte sich ungewohnt einig in der Verurteilung des Vorgehens der chinesischen Sicherheitsorgane. Diverse Resolutionen kreisen, Mahnwachen und Sitzblockaden wurden organisiert. Während einer großen Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste forderte der Kulturstaatsminister in ungewöhnlich scharfen Worten die Freilassung des Künstlers. Diese internationale Künstlergemeinschaft wählte ihn jetzt zu ihrem Mitglied. Die Berliner Universität der Künste bietet ihm eine Gastprofessur an. Diese institutionellen Engagements garantieren eine gewisse Nachhaltigkeit, wenn es darum geht, Ai Weiwei im Bewusstsein zu halten, wenn unsere flüchtigen Medien das Interesse an einer Berichterstattung verloren haben und der Kampf gegen das Vergessen beginnt.

Alle bilateralen Kulturbeziehungen stehen zur Disposition

Nur von den deutschen Kapitalisten, die mit den chinesischen Kapitalisten so prächtige Geschäfte machen, ist in der ganzen Auseinandersetzung bisher nichts zu hören. Prahlten doch unsere Autokonzerne gerade noch nach dem Ende des Shanghaier Autosalons von zweistelligen Zuwachsraten. Die Duplizität der Ereignisse Ausstellungseröffnung und Verhaftung hat noch eine andere Diskussion ausgelöst. Die Frage nach dem Sinn solcher Mammutausstellungen mit jahrelanger Vorbereitungszeit, die ganz automatisch zum Politikum werden in diktatorisch regierten Staaten. Sollte man da nicht lieber alle Energie darauf verwenden, einen breiteren Künstleraustausch zu fördern? So stehen auch nach den jüngsten Vorfällen in China alle bilateralen Kulturbeziehungen zur Disposition bei der Suche nach effektiveren Möglichkeiten, wenn es um Staaten geht, die alles andere als demokratisch sind. Nach einer anfangs sehr heftig geführten Debatte reden nur noch wenige einer Schließung der Pekinger Ausstellung das Wort. Einig ist man sich aber in der Änderung des Begleitprogramms. Solange der verschleppte Ai Weiwei nicht wieder unversehrt in Freiheit ist, gilt es, die Wunde offen zu lassen.

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