Egal ob Christ oder Humanist

von Jens Spahn13.11.2014Innenpolitik

Heute befasst sich der Bundestag mit der Sterbehilfe. Fest steht: weder darf Sterbehilfe ein Geschäftsmodell werden, noch kann der Staat sich anmaßen, den Einzelfall per Gesetz regeln zu können.

Wie möchte ich sterben? Den Gedanke an den eigenen Tod verdrängen wir nur all zu gern. Und das ist auch gut so, wie schrecklich wäre ein Leben im ständigen Denken ans Sterben. Eigentlich wünschen wir uns doch alle, bis ins hohe Alter fit und gesund zu bleiben und dann plötzlich, unerwartet und schnell etwa an einem Herzschlag oder einfach im Schlaf zu sterben.

Nur: So kommt es selten. Die Kehrseite der Segnungen moderner Medizin ist es, dass immer mehr Menschen teilweise über viele Jahre ihre eigene Gebrechlichkeit oder gar leidvolle Krankheiten er- und durchleben müssen. Und obwohl sich eigentlich fast jeder wünscht, zu Hause zu sterben, ist der Tod im Krankenhaus oder Pflegeheim eher die Regel als die Ausnahme. Und so ist es vor allem die Angst vor lähmenden Schmerzen, heftiger Atemnot, qualvollem Ersticken oder unaufhaltbarer Demenz, die das Bild vom Sterben prägt.

Das kann, darf und soll nicht die Politik entscheiden

Am heutigen Donnerstag nimmt sich der Deutsche Bundestag vier Stunden Zeit für eine Orientierungsdebatte zur Sterbehilfe. Schon die Länge der Debatte ist Ausdruck des Respekts vor einem hochsensiblen Thema, das eine fundierte wie ausgewogene Betrachtung verdient hat. Aus meiner Sicht geht es um drei Fragen: Was ist die richtige Antwort des Staates auf die Angst vieler Menschen vor einem qualvollen Tod? Wie weit reicht das Selbstbestimmungsrecht am Ende des Lebens? Ist die Hilfe beim Sterben so etwas Normales, dass es ein Geschäft oder etwas, das der Arzt wie jede andere Behandlung auch abrechnet, sein kann? Was kann der Staat tun?

Wenn es darum geht, die Angst vor einem qualvollen und schmerzhaften Dahinsiechen zu nehmen, dann ist die Palliativ- und Hospizversorgung die richtige Antwort unseres Gesundheitssystems. Hier ist den letzten Jahren schon viel passiert. Es gilt nun deutschlandweit ein flächendeckendes Angebot auszubauen, abgestuft nach den jeweiligen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten. Denn jeder Mensch hat ein Recht darauf, so friedvoll und schmerzfrei wie möglich zu sterben. Die Palliativmedizin bietet hier heute unglaublich viel mehr Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren.

Im gleichen Moment stellt sich für viele Schwerkranke, ihren Familien und den behandelnden Ärzten oftmals die Frage, ob tatsächlich immer die Möglichkeiten moderner Gerätemedizin bis zum bitteren Ende ausgereizt werden müssen, um Leben zu erhalten, wo der Körper es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen würde. Auf den Punkt gefragt: Darf man einem abgemagerten 92-Jährigen mit schwerer Lungenentzündung auch das friedliche Sterben unter palliativer Begleitung anbieten statt einer möglichen Maximalbehandlung mit ungewissem Erfolg? Das kann, darf und soll nicht die Politik entscheiden, sondern das sind höchst individuelle Fragen. Aber mit der Patientenverfügung und dem Recht, sich einer weiteren Behandlung zu verweigern, haben wir für diese höchstindividuelle Entscheidung einen verbindlichen rechtlichen Rahmen gesetzt. Leider wird zu oft berichtet, dass eine vorliegende Patientenverfügung oder die Einschätzung der Angehörige von behandelnden Ärzten einfach ignoriert wird. Das ist inakzeptabel und bedarf auch einer breiteren Diskussion innerhalb der Ärzteschaft.

Auch im Sterben gibt es eine Verantwortung für andere

Wie weit reicht das Selbstbestimmungsrecht? Mord steht in Deutschland unter Strafe. Selbstmord nicht. Das ist richtig so. Aber wenn ich mich ernsthaft damit beschäftige, meinem Leben ein Ende zu setzen, muss ich mich dann nicht auch ehrlicherweise mit der Frage auseinandersetzen, wen diese Entscheidung noch betrifft? Denn die Folgen nicht auch zu bedenken, die der eigene Wunsch zu Sterben für nahestehende Menschen in der Familie, im Freundeskreis oder den Kranken begleitende Pfleger und Ärzte haben kann, wäre zumindest egoistisch. Denn sie bleiben angesichts dieser Entscheidung oft verunsichert zurück und sind mit der möglichen Bitte, doch unterstützende Beihilfe zu leisten, überfordert und verzweifelt.

Auch im Sterben gibt es eine Verantwortung für andere und vor Gott. Daher kann es kein faktisches Recht auf Beihilfe zum Sterben geben. Die ernst zu nehmende Sorge vieler schwerkranker oder behinderter Menschen ist zudem, dass aus einem solchen gesetzlich definierten Recht ganz schnell eine Art moralische Pflicht werden könnte: „Warum tust Du Dir (und uns) das alles an, es gibt doch einen Ausweg, wir helfen Dir beim Suizid.“ Daraus wir ganz schnell eine ganz schiefe Bahn.

Vor allem ist mir aber eines wichtig: Darf Sterbehilfe zum Geschäftsmodell werden? Es ist gut, dass in der deutschen Debatte niemand die Legalisierung aktiver Sterbehilfe fordert. Eine wie auch immer legalisierte Tötung auf Verlangen wäre ein Dammbruch und die Einladung zu Missbrauch. Wie aber steht es mit der Beihilfe zum Suizid, also wenn entsprechende Medikamente besorgt oder pflegerische Unterstützung gewährt wird? Diese ist nach heutigem Recht straffrei, lediglich begrenzt durch ärztliches Standesrecht. Und ja, das ergibt einen gewissen Graubereich, aber der ist auch ok. Der Sterbewillige, seine Angehörigen und der behandelnde Arzt werden in ihren miteinander verhandelten Entscheidungen dem extremen Einzelfall, um den es ja angesichts der tatsächlichen Zahl der Betroffenen geht, jedenfalls besser gerecht als es jede gesetzliche Normierung im Detail könnte.

Egal ob Christ oder Humanist

Etwas anderes ist es, die Beihilfe zum Sterben organisiert oder geschäftsmäßig anzubieten und gar noch zu bewerben. Der Tod als Geschäftsmodell wäre eine Banalisierung und Ökonomisierung einer zutiefst ethischen Frage. Die Beihilfe zum Sterben als selbstverständliche Abrechnungsziffer in der ärztlichen Gebührenordnung macht dann schlussendlich die Sterbehilfe zu einer normalen medizinischen Behandlungsoption wie jede andere auch. So wird aus einer Entscheidung im extremen Einzelfall schnell ein Normalfall. Und spätestens wenn die Werbung für den „sanften Tod“ per Anzeige oder Litfaßsäule wie selbstverständlich neben der Cola-Werbung winkt, wird die schiefe Bahn ziemlich rutschig. Daher muss es ein Verbot gewerblicher und organisierter Sterbehilfe und der Werbung für Sterbehilfe geben. Kein Geschäft mit dem Tod, das ist ein wichtiges Signal an die Gesellschaft und jeden Einzelnen.

Entscheidend ist am Ende, dass wir – ob Christ oder Humanist (und das eine schließt das andere nicht aus) – die Debatte ohne Zwänge führen. Wir dürfen nicht als Missionare unserer jeweiligen Positionen unterwegs sein, sondern müssen versuchen, in dieser Gewissensfrage das Parlament und die Menschen im Lande behutsam von unseren Standpunkten zu überzeugen. Dann bin ich davon überzeugt, dass die Debatte zur Sterbehilfe am Ende ebenso beredtes Beispiel für die Tiefe der Entscheidung gibt wie die zur Präimplantationsdiagnostik im Jahr 2011.

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