Der Sog des Bösen

von Sophie Diesselhorst27.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

“Antichrist” hat der dänische Regisseur Lars von Trier seinen jüngsten Film genannt, in dem er die Selbstzerfleischung eines Ehepaars in der Wald-Wildnis aufgehen lässt. Das Böse jedoch, das von Trier hier beschwört, ist nicht so gefährlich, wie es tut.

“Haben Sie schon genug?”, fragt der weißbehandschuhte Jüngling freundlich in die Kamera. Von dem, was Michael Haneke unter “Funny Games” versteht, haben wir Zuschauer da auf jeden Fall schon genug. Denn bei dem Film, den Haneke 1997 und 2007 zweimal mit fast identischem Setting, bloß mit unterschiedlichen Darstellern, in Szene gesetzt hat, geht es nur um eins: die Entfesselung. Zwei junge Männer, eine dreiköpfige Familie. Ein Nachmittag, ein Abend, eine Nacht. Systematische Quälerei. Am Ende, in der Dramaturgie ganz dem Leben nachempfunden, der Tod. Und zwischendurch, immer wieder, die Wendung des Folterduos ans Publikum. Man fühlt sich ertappt: nicht, weil die rohe Gewalt, aus der ein Großteil des Films besteht, unterhält – im Gegenteil, man möchte die meiste Zeit weggucken. Sondern weil die Entfesselung, aus der diese Gewalt entsteht, etwas in einem anspricht. Das Böse? Ja, meint der hochdepressive dänische Filmregisseur Lars von Trier. In seinem jüngsten, hochkontrovers diskutierten Film “Antichrist” will er einmal mehr den Beweis führen: “Die Natur ist Satans Kirche”, stößt Charlotte Gainsbourg, in Cannes für “Antichrist” als beste Darstellerin ausgezeichnet, da einmal hervor – dass damit eine Natur gemeint ist, die Tier und Mensch vereint und dominiert, das wird im Folgenden en détail variiert.

Es geht hier um die großen Fragen des Lebens

Das Handlungsgerüst von “Antichrist” – es geht um ein Ehepaar in Trauer um seinen kleinen, bei einem Unfall ums Leben gekommenen Sohn – wird bald irrelevant. Dass es hier um die großen Fragen des Lebens geht und nicht etwa um einzelne Individuen, das wird noch dadurch unterstrichen, dass er und sie keine Namen tragen. Ausgerechnet in einer Waldhütte will er (das Rationale, gespielt von Willem Dafoe, verkleidet als Psychotherapeut) sie (die Natur, gespielt von Charlotte Gainsbourg, verkleidet als über Hexenverbrennungen forschende Doktorandin) von den vermeintlich unbegründeten Schuldgefühlen, die sie nach dem Tod des Sohnes befallen haben, kurieren – indem er sie mit sich selbst versöhnt. Dass diese Schuldgefühle dann doch nicht ganz so unbegründet sind (sie hätte den Unfall des Sohnes verhindern können), ist der entscheidende Kunstgriff-ins-Klo, der “Antichrist” von einer machtvollen exemplarischen Studie zu einem machtlosen Klischeehammer macht. Perfide jedoch ist auch hier das Spiel mit dem Zuschauer: Wenn er, also das “Rationale”, auf dessen Seite man immer weiter rutscht, je mehr Raum der “Natur” eingeräumt wird, irgendwann – sehr spät – die Waffen streckt, dann ist man irgendwo erleichtert, dass auch in ihm Natur steckt, selbst wenn ihn das am Ende zum Mörder macht. Dass die unabhängige “Ökumenische Jury” diesem Film auf dem Festival von Cannes zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen “Antipreis” verliehen hat, ist aber eine übertriebene Geste. Denn die bedrohlichste, weil sich viel weiter hinaustrauende filmische Studie des Bösen ist und bleibt Stanley Kubricks “A Clockwork Orange”. Kubrick lässt den Exorzismus seines “ultraviolenten” Protagonisten Alex grandios scheitern und am Ende rückgängig machen – als radikales Plädoyer für die Freiheit wurde das von Fans verstanden, als Kampfansage an jegliche gesellschaftliche Regulierung von Kritikern. Auf jeden Fall bleibt es hier nicht bei der Faszination mit dem viel beschworenen “Sog des Bösen”: Sondern es wird, noch viel schlimmer, der Verdacht erweckt, dass wir uns das Böse nicht mit der tierischen Natur teilen dürfen; dass es vielmehr etwas spezifisch menschliches ist, das gar nicht so wenig mit dem vermeintlichen Gegenpol des “Rationalen” zu tun haben könnte; mit dem wir, in jedem Fall, als Menschen alleine fertig werden müssen.

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