Unschuldig, aber nicht ohne Schuld

von Sonja Vukovic9.03.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

In der Diskussion um den Fall Edathy kommt eines zu kurz: die Perspektive der Opfer. Eine Empörung.

_Kindesmissbrauch ist ein Thema, das ich auch aus einem Umfeld jenseits von Berichterstattung kenne. Ich kenne Opfer. Und auch – verurteilte – Täter. Durch meine Arbeit mit Süchtigen. Aber auch privat. Belassen wir es dabei, ich schreibe diese Info vorweg, denn demnach ist mein Beitrag einzuordnen._

Opfer und Täter zu kennen, Betroffene, Angehörige oder Nahestehende zu sein, macht vielleicht nicht zum besten Richter im Fall Sebastian Edathy. Ja, genau, Richter. Denn viele Menschen fällen in diesen Tagen ein Urteil über die Einstellung des Verfahrens gegen den wegen Kinderpornoverdacht angeklagten SPD-Politiker. Und über seine Person. Und viele diskutieren, ob und inwieweit sich diese Menschen jenseits von Gerichtssälen und Jurafakultäten in diesem Fall als Richter auftun können. “Oder gar als Henker

„Hängen soll er“, „Brennen soll er“ – The-European-Kollege Heinrich Schmitz erzählt aus der Perspektive eines Juristen, warum Edathy als Unschuldiger zu behandeln und dass die Debatte über Verfahren und Person der eigentliche Skandal ist . Man darf darüber nachdenken, ob Juristen nicht qua Job eine bestimmte Haltung zur Sache repräsentieren und daher wie Betroffene, Angehörige und Nahestehende zumindest nicht die einzig respektablen Sprecher in einer solchen Sache sein sollten.

Es geht nicht nur um Edathy

Natürlich darf und muss man den juristischen Kontext – und man muss sagen: auch die nach aktueller Rechtslage juristische Korrektheit der Verfahrenseinstellung – im Fall Edathy beleuchten. Doch Verteidigern wie Anklägern mag ich in diesen Tagen zurufen: Es geht um mehr als das! Es geht nicht nur um Edathy. Es geht um die Schuld und die Verantwortung der Konsumenten.

Der Fall Edathy steht exemplarisch für die Frage, wo Verantwortung für Schaden an Kindern beginnt. Und das ist eine wichtige Frage, die nicht nur im juristischen Sinne, sondern eben auch politisch, gesellschaftskritisch und moralisch behandelt werden kann. Mit Schmitz teile ich die Meinung: Lynchjustiz, Hetze und Gewaltaufrufe sprengen den Rahmen des Verhältnismäßigen. Jeder sollte sich selbst in die Pflicht nehmen, die öffentliche Hinrichtung nicht weiter voranzutreiben. Nicht nur mit Blick auf Sebastian Edathy, sondern auch mit Blick auf uns alle, die wir in einem Justizsystem leben dürfen, das wohl klar zwischen Gut und Böse unterscheidet; zwischen schwerer Schuld und minder schwerer Schuld, zwischen Indizien und Beweis, zwischen schuldig im Sinne der Anklage und unschuldig.

Doch bei allem Verständnis für die Rechtslage (gut zusammengefasst auch hier von Bundesrichter Thomas Fischer y und auch hier l ganz gut) kommt eine Sache zu kurz: die Opfer. Aus deren Perspektive bleiben für mich zweierlei Dinge nicht nachvollziehbar: _Erstens_, weshalb das Geständnis Edathys anerkannt wurde. Und _zweitens_, weshalb der Kauf von Material bei einer Organisation, die nachweislich Profite durch Produkte macht, für die Kinder in solch schwerem Maße missbraucht wurden, dass Beamte nach dessen Sichtung kollabierten, nicht schwer strafbar ist, beziehungsweise nicht zumindest verhandelt wird.

Die juristische Argumentation ist mir durchaus bekannt. Dennoch: Zu _erstens_ : Ich las, Edathy wurde wegen des Besitzes von kinderpornographischen Fotos und Filmen angeklagt. Eine erschreckende Auflistung der Indizien, die die Ermittler fanden, finden Sie zum Beispiel hier . Von Schnipseln von Notizen detaillierter Beschreibungen eines sexuellen Missbrauchs eines Kindes ist da die Rede, von Erzählungen über den Missbrauch von Kindern durch Erwachsene und inzestuöser Beziehungen zwischen Brüdern oder erwachsenen Männern und ihren männlichen Verwandten. Von Decknamen, Kürzeln und Ordnertiteln wie „Julian 6yo“ oder „Älterer PT“. „PT“ soll für pre-teen stehen, also ein Kind, das jünger ist als 13 Jahre. „Yo“ soll stehen für „years old“.

Reue einfordern

Doch alle Indizien sind kein Beweis! Und es ist gut, dass als unschuldig gilt, wessen Schuld nicht bewiesen werden kann. Davon bin ich überzeugt. Aber Edathys Halb-Geständnis lautete: „Die Vorwürfe treffen zu.“ Einzig „inwieweit“, das wurde weder von ihm noch vom Gericht geklärt. Zusammen betrachtet mit vorigen Aussagen Edathys – „nicht schön, aber legal“ – wird dann gesprochen von einer „zweiten Chance, die jeder verdient habe“ – so der Richter . Das mag juristisch betrachtet korrekt sein. Und ich finde das im Grunde auch gut, niemand ist unfehlbar. Diskussionswürdig bleibt es hier allemal. Denn wer eine zweite Chance verdient haben will, von dem darf man vielleicht erwarten, dass er unmissverständlich zeigt, dass er diese nutzen möchte. Auch, wenn ein Gericht Reue vielleicht nicht einfordern darf: Bei einem etwas anders gelagerten Fall konnte ich beobachten, wie das Verhalten des Angeklagten durchaus Beachtung fand.

Zu _zweitens_: Die meisten Menschen wissen diffus, dass Missbrauchsopfer Schaden nehmen. Wen Genaueres interessiert, dem empfehle ich Lilly Lindners Seite , einer inzwischen 30-Jährigen, die im Grunde immer noch ein traumatisiertes Kind ist: dürr, zerbrechlich, die Haare häufig zu zwei Zöpfen geflochten. Sie wurde mit sechs Jahren das erste Mal vergewaltigt, und schreibt sehr eindrucksvoll über einen Scherbenhaufen, der sich Seele nennt.

Oder Josef Haslinger , ebenfalls Missbrauchsopfer und Autor. Er behauptet als erwachsener Mann, vom missbrauchten Kind ginge eine Macht aus. Ich kenne Herrn Haslinger nicht persönlich, muss aber bei seinen Worten daran denken, dass der eigentliche Schaden am Kind häufig gar nicht so sehr durch den Schmerz allein entsteht. Sondern durch die Ambivalenz des Traumas. Dadurch, dass Missbrauch weh tut. Angst macht. Lähmt. Die Zuwendung und Aufmerksamkeit der Täter aber gibt auch das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Auserwählt. Geliebt. Die Verstörung zwischen existenzieller Bedrohung auf der einen Seite und existenziell notwendiger Zuwendung Erwachsener (Kinder können sich selbst nicht versorgen) auf der anderen, dieser unauflösbare Zwiespalt ist es häufig, der für den Bruch im Menschen sorgt. Über die schweren körperlichen Verletzungen bei Vergewaltigung brauchen wir nicht erst zu reden.

Nun lautete eine Antwort auf meine Frage, wie viel Verantwortung Konsumenten wie Herr Edathy für solche Schäden an Kindern übernehmen müssen, auf Facebook: Sie werden ja auch nicht haftbar gemacht, wenn sie stetig beim Dönermann einkaufen, der dann mit seinem Gewinn Bomben kauft und dreißig Leute in die Luft sprengt.

Richtig. Aber: Es gibt Produkte, damit kann man nicht direkt Gesetze brechen oder schweren Schaden an Menschen verursachen. Dazu zähle ich Döner. Und Klamotten, zum Beispiel. Und es gibt Produkte, von deren (nicht rein privater) Herstellung und Vertrieb geht eine nicht grundsätzliche, aber doch unmittelbare Gefahr aus. Dazu zähle ich zum Beispiel Waffen und Bilder nackter Kinder.

Man darf fragen, man darf sich empören

Ich sehe ein, die Grenzen mögen schwer zu ziehen sein. Aber ich kann den Kauf eines Döners nicht wirklich mit dem von Bildern nackter Kinder vergleichen. Ebenso wenig, wie ich den Kauf von Hausschuhen und dem einer Smith & Wesson vergleichen kann. Wenn die Gefahr ungleich größer ist, soll das meiner Meinung nach auch die Verantwortung sein, die ein Konsument trägt. Und damit die Schuld, wenn Dritte zu Schaden kommen.

Man darf fragen – oder besser – ich möchte fragen: Wieso sollen Erwachsene unter Umständen für ihre Kinder verurteilt werden (siehe Prozess gegen den Vater von Tim K., Amokläufer von Winnenden , wenn die durch Verletzung der Aufsichtspflicht etwa zu einer Waffe gelangen, mit der sie dann andere verletzen? Aber Erwachsene bekommen eine zweite Chance, wenn sie durch den aktiven Bezug bestimmter Produkte unter Umständen auch fahrlässig dazu beitragen, dass andere Erwachsene Kinder schwer verletzen? Darüber mag man streiten, und sicherlich kann man einige Paragrafen zur Debatte herbeiführen, das ist mir klar. Aber man kann das sicher mal fragen. Und man kann sich da auch empören.

Ich sah und hörte von Opfern, wie sie sich prostituierten und auf ein lebensbedrohliches Gewicht runterhungerten, weil sie ihren Körper zeitlebens ablehnen und ihn nie als etwas betrachten können, was zu ihnen gehört, sondern nur als etwas, was sie haben und worunter sie leiden. Diese Menschen sind oft morgens schon berauscht, weil sich jeder Zustand besser anfühlt als die Realität. Manche leben am liebsten auf der Straße, weil jede Form des Drucks – und sei es der, sich um einen Haushalt und um die Post zu kümmern – sie kollabieren und alte Trauma aufleben lässt. Sie können oft nicht wirklich lieben, nicht einmal sich selbst. Sie haben sich so sehr gewöhnt an Zuneigung, die auch Schmerz mit sich bringt. Manche schwitzen nachts Bettlaken voll und geraten auch am Tag in Panik. Und einige, ja, einige schaffen es, im Erwachsenenalter zu reparieren, was eigentlich irreparabel beschädigt wurde. Das gelingt ihnen aber meist nur, weil sie sich mit den Ängsten und Selbstzweifeln, die niemals weggehen, irgendwie arrangieren.

Während sich Täter auch nach einer Haftstrafe wieder eine normale Existenz aufbauen können, leiden viele Opfer ihr Leben lang. Oder wie Julia von Weiler, Geschäftsführerin der deutschen Sektion des internationalen Netzwerks Innocence in Danger, sagt: „Sexueller Missbrauch ist alltäglich gelebter Terror.“

Jenseits der Debatte um Edathy als Person und Fall, jenseits der Klärung rechtlicher Fakten, bin ich froh, dass diskutiert wird, wo Verantwortung für solch seelischen Schaden an Menschen beginnt. Und dass damit jene eine Stimme bekommen, die anders als Lilly Lindner und Josef Haslinger nie dazu in der Lage sind, zu sprechen, zu verarbeiten und zu heilen.

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