Stillt lieber still

von Sonja Vukovic28.02.2016Gesellschaft & Kultur

Sonja Vukovic erzählt, weshalb Sie lieber im Stillen ihr Baby stillt. Trotzdem fordert sie mehr Rücksicht für Mütter und gibt Einblicke in das Leben einer Mutter mit einem kleinen Baby.

Das erste Mal habe ich es Mitte Januar diesen Jahres getan. Ich war beim Hautarzt, sollte aber außerhalb der Praxis warten, weil ich einen sperrigen Kinderwagen dabei hatte und meine 4 Wochen alte Tochter fürchterlich schrie. Sie hatte Hunger. Also ging ich runter und setzte mich in das einzige Café im Haus, sonst war weit und breit nichts, wo wir hätten warten können, draußen tobte der Wind und lag Schnee.

Außer mir war kaum ein Gast da und der Kellner sehr freundlich, zog sich bald zurück, wohl weil er ahnte, dass ich im Begriff war, meinem weinenden Baby die Brust zu geben. Ich wechselte doch nochmal den Tisch, zog weiter nach hinten in eine Ecke, schob den Wagen so vor, dass man uns von möglichst wenig Seiten aus sah – und stillte. Es war mir so viel lieber, als in der überfüllten Praxis, wo ich mich entblößt und beobachtet gefühlt hätte. Dennoch habe es so öffentlich nie wieder getan.

Peinlich und intim

Selbst im Zug gehe ich aufs Klo zum Stillen, werfe mir unterwegs zur Not ein langes Tuch über, ziehe mich sogar mit meinem Baby ins Schlafzimmer zurück, wenn meine oder die Familie meines Freundes uns besucht. Einzig in Gegenwart guter Freundinnen oder meines Partners fühle ich mich frei, darüber hinaus aber ist mir das Stillen vor anderer Leute Augen schlicht unangenehm. Zu nah und zu privat. Peinlich. Und intim.

Das hat gar nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun. Ich zähle nicht unbedingt zu der Sorte Frau, die findet, wir müssten mit “unseren Reizen heizen”:http://www.matterofopinion.de/2014/11/17/frauenquote-karriere-sexismus/. Ich bin “nicht-Feministin”:http://www.matterofopinion.de/2014/09/28/emma-watsons-feminismus-nichts-fuer-mich/, behaupte, dass Chancengleichheit nicht Gleichmacherei bedeuten darf – soll heißen: Natürlich passt auch mein Mann aufs Baby auf und natürlich arbeite ich. Dennoch finde ich es gut, dass er die Wasserkisten trägt und ich Röcke und Pumps.

Selbst Anmachsprüche und auch das, was manch einer als sexuelle Belästigung empfindet, kann mich vergleichsweise wenig aufregen. Umso spannender finde ich, dass in einem Land, in dem “sexuelle Belästigung weit verbreitet scheint”:http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/sexuelle-belaestigung-im-buero-wenn-der-chef-zum-ficktat-bittet-a-1072081.html, gleichzeitig viele Frauen auf das Recht beharren, jederzeit und überall ihre Brust frei machen zu dürfen, ohne dass das ein Gemüt erregt, sobald sie Mütter sind. So, als bleibe hinter der Mutter die Frau zurück. So als sei sie weniger sexy und ihre Brust, nur weil ein Kind daran saugt, nicht mehr Teil ihres Körpers, denn sie sonst in eindeutig nicht sexuell intendierten Momenten vor Übergriffen und gaffenden Blicken schützt.

Während ich zumindest nicht prinzipiell etwas gegen Blicke und für blöde Sprüche vor allem eine hochgezogene Augenbraue übrighabe, möchte ich nicht, dass mir in einer Situation, die nicht Mann-Frau oder Frau-Frau betrifft, sondern Mutter und Kind, die meinem Baby Nahrung und auch Geborgenheit spenden soll, irgendwer auf den blanken Busen starrt. Nicht zuletzt heißt Stillen zwar nicht so, weil es dazu unbedingt Zweisamkeit und Ruhe braucht – Hebammen raten aber dazu. Und dass man sich, soweit möglich, währenddessen ganz dem Baby widmet.

Ich habe nicht unterzeichnet

Kürzlich schickte man mir den Link zu der Petition, die fordert, dass das Recht der Frau, öffentlich zu stillen, gesetzlich verankert werden soll. Zuvor war eine stillende Mutter im Berliner Familienbezirk Prenzlauerberg eines Cafés verwiesen worden, dem Eigentümer zufolge nicht, weil sie stillte, sondern weil sie das an einem Fensterplatz für jedermann sichtbar tat: Johanna Spanke initiierte daraufhin den Aufruf “Schutz für stillende Mütter in der Öffentlichkeit”:https://weact.campact.de/petitions/schutz-fur-stillende-mutter-in-der-offentlichkeit, der bislang 16.000 BefürworterInnen fand.

Ich habe darüber nachgedacht. Und dann entschieden, nicht zu unterzeichnen. Zwar verstehe ich jede Mutter, die es als Diskriminierung empfindet, wenn sie sich in ihrer Situation nicht überall da aufhalten dürfen soll, wo andere ganz selbstverständlich sind. Ich kann nachvollziehen, wie viel Stress es macht, sich bei dem bisschen Freiheit, das man als frisch gebackene Mutter noch hat, womöglich auch den Latte Macchiato im Lieblingscafé zu verkneifen. Zwar bin auch ich grundsätzlich froh darüber, dass es genügend Orte gibt, an denen Stillen jederzeit und ohne viel Aufsehen möglich ist. Nicht nur in Mutter-Kind-Cafés, sondern vor allem in Berlin eigentlich fast überall. Aber ausgehend von meiner eigenen Schamgrenze kann ich mir vorstellen, dass es manch einem Betrachter auch so geht. Dass auch er sich irgendwie unangenehm berührt fühlen kann. Ich fand es auch etwas gewöhnungsbedürftig, als sich kürzlich eine Frau, die ich seit Jahren, aber nur aus rein beruflichen Gründen kenne, bei einem zufälligen Aufeinandertreffen ohne jede Vorwarnung das Shirt runterzog und ihre zweijährige Tochter anlegte. Es war nicht schlimm. Bloß überraschend nah – so nah, wie wir uns sonst nie waren, und wie die meisten Menschen in der Öffentlichkeit mir nicht sind.

Frau Spanke, die Initiatorin obiger Petition, hat natürlich recht, wenn sie schreibt: „Es kann nicht sein, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, Kinder bis zur Vollendung des sechsten Lebensmonats voll zu stillen, und in Deutschland von Müttern erwartet wird, dies ausschließlich in den eigenen vier Wänden zu tun! Auch stillende Frauen haben das Recht, am öffentlichen Leben teilzunehmen, ohne diskriminiert und beschämt zu werden!“ Aber ein langes Stilltuch und auch die Möglichkeit, vorab Milch abzupumpen, hilft. Alternativ muss man sich vielleicht nicht direkt ins Schaufenster setzen. Und nicht zuletzt ist es an den meisten Orten – Gott sei Dank – ja überhaupt kein Problem.

Und wenn es irgendwo doch mal nicht okay sein sollte, finde ich, sollte man das respektieren. So, wie ich mit einem Baby auch nicht in eine Raucher- oder Rock-Bar gehe, kann ich auch auf jeden anderen Ort verzichten, der den Bedürfnissen meines Babys und meiner nicht gerecht wird.

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