Neid und Starrsinn

von Sonja Vukovic14.07.2015Medien

„Langweilig! Unkritisch! Inhaltlos!“ Die Reaktionen der etablierten Medien auf das Youtube-Interview mit der Kanzlerin verrät weniger über LeFloid als über die Medien selbst.

Ja, ich weiß, liebe Kollegen, es tut weh. Interviews mit der Kanzlerin sind schwer zu bekommen. Und dann kommt da einer mit Käppi und Tattoos, noch nicht mal mit dem Studium fertig, und stiehlt uns die Show. Aber nicht nur das: Vor der großen Ankündigung, die Kanzlerin gebe ihr erstes Youtube-Interview, haben wir von LeFloid, alias Florian Mundt, womöglich nicht einmal etwas gehört. Was haben wir verpasst? Wer ist denn das? Was bedeutet dieser Name? Und ist der junge Mann überhaupt ein richtiger Journalist?

Das fragten sich bald viele der Branche – und fanden Erschreckendes heraus: „Dieser Kerl mit Mütze“, der gerne „Hey yo“ und „Alter“ und „Boah“ in seine Sätze einbaut, der „uch“ statt „auch“ sagt, „Tschuldigung“ nuschelt, statt um „Entschuldigung“ zu bitten, der bringt drei bis zehn Mal so viele Menschen wie wir dazu, ihm zuzuhören, zuzusehen, sich zu identifizieren.

Und was am aller-aller-allerschlimmsten ist: Er verdient damit im Internet auch noch Geld!

Hat er behauptet, Journalist zu sein?

Eine Sache aber – haha! – kann der nicht so gut wie wir: Journalist sein. Kritisch sein. Tief in die Materie einsteigen und die Kanzlerin, die wir immer wieder auch gern als „eisern“ bezeichnen, schmelzen lassen, verbal ins Wanken bringen, bohren, bis es ihr weh tut. Wer kann das überhaupt? Egal! Diese journalistische Inkompetenz jedenfalls stellten wir sofort und beeindruckend deutlich fest, da hatte LeFloid, einer der größten Youtube-Stars dieses Landes, gerade einmal drei Minuten mit Angela Merkel gesprochen.

Langweilig! Unkritisch! Inhaltlos! So klang schnell die weit verbreitete Meinung. Die Reaktionen vieler etablierter Medien, die so urteilten, verrät aber weniger über LeFloid als viel mehr über sie selbst, die die neuen Medien einfach nicht verstehen (wollen).

Was ist das eigentlich für eine Frage, ob Mundt Journalist sei? Natürlich ist er das nicht. Hat er das von sich behauptet? Nein. Hat er beansprucht, die neue Anne Will zu werden, ein Günter Wallraff oder ein Frank Schirrmacher zu sein? Nein. Haben LeFloids Zuschauer einen ähnlichen Anspruch an ihn und an das Gespräch mit Angela Merkel gehabt wie wohl die Leser von „Welt“, „Zeit“ und „FAZ“? Eher nicht. „Bild“-Chef “Kai Diekmann vergleicht sich auf Twitter”:https://twitter.com/KaiDiekmann/status/620816910318485504. Er sei neun Jahre jünger als LeFloid gewesen, als er erstmals Helmut Kohl interviewte. Toll! Aber dennoch: LeFloid ist kein Journalist.

„Er behandelt aber politische Themen und erreicht mit seinem Programm vor allem jüngere Zuschauer. Seine Reichweite ist im Vergleich zu sonstigen Politikangeboten im Netz mit 2,6 Millionen Abonnenten riesig“, “heißt es bei „FAZ.net“”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/youtuber-le-floid-interview-merkel-13701378.html. Na und? Seit wann müssen Menschen, die politisch sind und viele Menschen erreichen, entweder Politiker oder Journalisten sein?

Gehören junge Generationen nicht zu dieser Welt?

Aber ja, klar: „Das ist der Grund, warum sich die Bundeskanzlerin auf dieses Interview eingelassen hat“, heißt es weiter. „Man könne nicht die jüngeren Zuschauer ignorieren, die sich heute andere Kanäle als die klassischen Medien suchten, so Frau Merkels Argument. Das Gespräch mit der Kanzlerin war entsprechend als ein Ausflug in eine fremde Welt konzipiert.“

Sind die jungen Generationen also nicht Teil dieser, sondern einer fremden Welt? Für viele Redakteure dieses Landes offenbar schon. Merkel und die neuen Medien aber können mit der Idee des Ausflugs kaum gemeint sein, denn die Kanzlerin bewies schon des Öfteren, dass sie diese Kanäle durchaus und sehr gut zu nutzen weiß – von ihren Audio-Podcasts über ihre Google-Hangout-Sessions bis hin zu ihrem frisch installierten “Instagram-Account”:http://merkel-blog.de/bundeskanzlerin-on-instagram/.

Vor allem junge Menschen werden eben nicht mit alten Methoden und nicht nur auf klassischen Kanälen gewonnen. Soll auch heißen: nicht nur über die Presse. Auch die Frage nach Relevanz stellt sich in den neuen Kanälen anders, vor allem attraktive Darstellung komplexer Inhalte geht vor. Themen werden gern vermenschlicht, Ideen und Thesen funktionieren am besten über Charaktere. Und das, was wir Journalisten gern „kritische Haltung“ nennen, das gilt unter jungen Menschen hingegen oft als Manipulation. Sie wollen sich selbst eine Meinung bilden. Das kann man unermüdlich – und neidvoll – kritisieren. Oder aber klug nutzen.

LeFloid hat Merkels Schwächen nicht genutzt

Merkel schlägt sich – unabhängig der Inhalte betrachtet – in dem Gespräch mit dem 27-jährigen Youtuber erwartet professionell. Und ja, sie schafft es, das Thema NSA-Affäre zum Beispiel erneut wie einen Sandförmchenstreit zwischen unartigen Kindern dastehen zu lassen: unangenehm, aber halb so wild. „Ich weiß, auch wenn ich es nicht beweisen kann, dass die Amerikaner nicht die Einzigen sind, die mal gucken, was so gesprochen wird“, meint sie – wie wenn man zu Freunden sagt: „Ey, komm, jeder hat doch mal an einem Joint gezogen.“

Die Gesprächspartner kichern, Merkel spricht gleich weiter, das Thema ist durch. Schade, ja. Aber der Youtuber LeFloid ist nicht der Einzige, der mit diesem Thema bei ihr abperlt wie an Teflon. Viel mehr schrieben just „SZ“-Redakteure auf, wie unglaublich schwer es sei, die “Kanzlerin festzunageln”:http://www.sueddeutsche.de/politik/werkstattbericht-zu-merkel-interview-anmerkungen-mit-gruener-tinte-1.2500473.

Auch Blogger, Journalist und Moderator Richard Gutjahr kritisiert, dass die Argumentationsschwächen der Kanzlerin von LeFloid nicht genutzt worden seien – so, wie es ein “Journalist womöglich getan hätte”:http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-100881.html. Er sagt aber auch: Der Youtuber ist eben kein Journalist, und „einer, vor dem ich meinen Hut ziehe (…) Ein Mann, der schon früh die Möglichkeiten des Social Webs erkannt und der sich jeden einzelnen seiner 2,6 Millionen Fans aus dem Nichts erarbeitet hat. Junges Publikum und das mit politischen Themen, davon können wir gelernte Journalisten geradezu träumen.“

Gutjahr hat durchaus kritische, aber dennoch faire Worte für Florian Mundt übrig. Bei vielen Kollegen klingt das anders. Sie rühmen sich sogar damit, zuvor noch nie etwas von „dem Typen mit der Mütze“ gehört zu haben, bezeichnen ihn als Pennäler oder einen, der von der Kanzlerin jederzeit „zu Hackbällchen“ “hätte verarbeitet werden können”:http://www.stern.de/politik/deutschland/netzfragtmerkel-interview–youtube-star-lefloid-scheitert-an-kanzlerin-angela-merkel-6344302.html. Sie machen sich lustig. Etwa darüber, dass Mundt die Kanzlerin fragte, ob die sich „so eine Tätigkeit“ wie Whistleblower nicht vorstellen könne. Hach, was haben einige Redakteure da offenbar lachen und sich auf die Schenkel klopfen müssen.

Aber wenn man mal von seinem Ross steigt und aus der Perspektive der jungen Menschen auf das Gespräch blickt, die nicht so nah an hohen Regierungs- und Wirtschaftsvertretern sind – und von denen viele nicht lesen, was das Gros von uns aufschreibt: Warum soll denn die Frage nach dem Verrat von Staatsgeheimnissen an einen Menschen, der in einem kommunistisch-diktatorischen System aufgewachsen und gleichzeitig ein großer Fan des Westens immer schon war und bis heute ist, keine gute Frage sein?

Und warum eigentlich soll nicht auch ein LeFloid der Kanzlerin seinen Respekt zollen dürfen, indem er sich einmal weniger wild verhält als sonst? Mal sollen Leute wie er, Böhmermann und Co. kein Benehmen haben und wenig ernst zu nehmen sein, mal lacht man über sie, weil sie sich zurückhalten, wo man Aufruhr erwartet hätte.

Eitel und kurzsichtig

So cool, wie er tut, ist der nämlich gar nicht, stellten jetzt einige von uns erleichtert über LeFloid fest. Total versagt habe er, sogar in der Rolle als er selbst. Das ist nicht fair. Und es ist schrecklich eitel und kurzsichtig. Denn andersrum sind viele etablierte Medien auch nicht mehr das, was sie mal waren. In einem Hamsterrad um ihre Existenzberechtigung – seit es das Internet gibt – schießen auch sie über das Ziel hinaus oder liegen fürchterlich daneben. Dazu muss man sich nur mal die Diskussionen um so einige Zeitungsschlagzeilen oder Magazin-Cover der letzten Zeit zum Beispiel vor Augen führen.

In meinen Augen werten da mitunter Neid und blinder Starrsinn gegenüber einer Entwicklung, die jeden Medienmacher früher oder später überrollt, wenn er sich nicht offener gegenüber neuen Kanälen und auch neuen Frage-Antwort-Formaten sowie einem neuen Bild von „Journalisten“, nennen wir es doch: Informationsmultiplikatoren zeigt. Das fängt schon damit an, dass die Verbreitung von Informationen keine Einbahnstraße mehr ist. Wer also ins Lächerliche zieht, dass LeFloid seine User via Twitter dazu aufgerufen hat, “Fragen an die Kanzlerin einzureichen”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/youtuber-le-floid-interview-merkel-13701378.html; und wer meint, dass alles, wobei es auch um die Frage geht, was für ein Mensch die mächtigste Frau der Welt ist, wie sie sich fühlt und wie sie sich selbst sieht, dass das vielmehr hätte “„in einem Klassenzimmer“”:http://www.zeit.de/kultur/film/2015-07/lefloid-merkel-interview stattfinden können, denn vor einem Millionenpublikum – übersetzt: unter unserem Niveau –, der beleidigt damit eben jene, die er eigentlich so dringend für sich einnehmen will: die junge Leser- und Userschaft.

Vielleicht hat LeFloid nicht so viel neu oder so viel besser gemacht. Die Tatsache, dass ein Youtuber die mächtigste Frau der Welt interviewt aber, ist an sich erst mal neu. Dass damit eine große neue Zielgruppen erreicht und auch einbezogen wird, von der viele von uns nur träumen, das ist neu.

Und das ist es, was uns schmerzt.

Mit der Kanzlerin aber im Gespräch “„gegen eine Wattewand zu fahren, tut nicht weh“”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article143972665/Merkel-zeigt-LeFloid-ihr-Versuchs-doch-Gesicht.html. So formulierte es die „Welt“ in einer Kritik zu dem anderen und doch so gar gleichen Gespräch mit der Kanzlerin. „Bei Merkel passiert das inzwischen so vielen, dass das ganze politische Berlin bandagiert werden müsste, wenn es anders wäre.“

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