Wilder Westen

von Soledad Loaeza12.11.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Anders als Asiaten und Afrikaner sind wir Lateinamerikaner auf extreme Art bereits Teil des Westens. Unsere politischen und gesellschaftlichen Probleme sind dafür der beste Beweis.

Der demokratische Wandel Mexikos war Teil einer umfassenden Modernisierung mit einem klaren Ziel: Die Integration in die Liga der entwickelten Länder. Einige Beobachter sprechen von „Verwestlichung“, dabei sind die sogenannten westlichen Werte und Institutionen schon seit langem in Mexiko verwurzelt. Sie sind Teil unserer Geschichte und nationalen Identität.

So gesehen ist die mexikanische Geschichte in Lateinamerika keinesfalls außergewöhnlich. Denn die Entwicklung einer gemischten Identität aus europäischer und indigener Kultur verstärkte hier das Gefühl, ein Teil des Westens zu sein. Doch um die Demokratisierung Mexikos zu verstehen, müssen wir weitere Entwicklungen berücksichtigen.

Vor einigen Jahren schlug der Autor Alain Rouquié vor, Lateinamerika als ein „Extrem“ des Westens zu betrachten. Es gäbe immerhin eine ausgeprägte kulturelle Kontinuität politischer und intellektueller Traditionen, wie sie sich auch in Europa und Nordamerika finden. Und das trotz aller wirtschaftlichen und technischen Unterschiede, die uns seit dem 19. Jahrhundert trennen.

Die kulturelle Kontinuität des Westens

Diese westlichen Eigenschaften Lateinamerikas liegen in der spanischen Kolonialisierung, der forcierten Öffnung für die internationalen Märkte sowie den Ideen und Institutionen der christlich-liberalen Tradition begründet. Im Gegensatz zu Asien und Afrika wird der Westen in Lateinamerika nicht als fremde Welt begriffen, sondern als Teil der eigenen Kultur. Für Mexikaner – wie für die meisten Lateinamerikaner – ist der Westen weder ein feindlicher noch ein fremder oder unerreichbarer Ort.

Diese kulturelle Kontinuität, betont Rouquié, verstärke „europäische Probleme“ bei uns „dramatisch“. Mexikos Demokratisierung im Namen des Liberalismus, der Marktwirtschaft und der Menschenrechte – welche die 70-jährige Hegemonie der wirtschaftsfreundlichen Partei PRI beendete – verhinderte wohl eine nachrevolutionäre Autokratie. Der Wandel brachte stattdessen ein Bürgertum hervor, dessen Entstehung zuvor unterdrückt worden war. Und der Prozess ähnelt dem, der in Europa und den USA bereits im 19. Jahrhundert stattfand. Auch in den drei Jahrzehnten wirtschaftlicher Instabilität in der Region spiegelt sich Rouquiés These wider, alle europäischen Probleme fänden sich auch in Lateinamerika. Denn sie waren das Ergebnis von Sparpolitik und struktureller Reformen, die denen Europas ähneln.

Die Demokratisierung Mexikos war also kein Schritt zur Eingliederung in die westliche Welt. Sie war vielmehr ein Schritt, um das Land an die Anforderungen der Globalisierung anzupassen. Die globale Machtverschiebung nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die zunehmende Liberalisierung des Handels, der Sieg der liberalen Demokratie als universelles Modell politischer Organisation (und die Intoleranz gegenüber anderen Lösungen) zwangen Mexiko schlicht, sein politisches System anzupassen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wer anderes behauptet, müsste zudem beweisen, dass die vergangene mexikanische Autokratie den Westen gestört hätte – doch so war es nie. Während des Kalten Krieges zählte das Land selbstverständlich zum westlichen Block.

Forderungen nach kollektiver Teilhabe

Interessanter wird es, wenn wir den Westen im lateinamerikanischen Kontext nicht bloß als geografische Einheit betrachten, sondern als Ideengeber für die Organisation von Staat und Gesellschaft. Liberalismus, Säkularisierung, Individualismus sind Werte, die heute vor allem von religiösen Fundamentalisten und Kulturindividualisten hinterfragt werden und gegen deren Dominanz diese protestieren. Denn aufgrund ihrer Rechte als Ureinwohner fordern weite Teile der indigenen Bevölkerung Ecuadors, Boliviens und Perus beispielsweise Vorzugsbehandlung. Der Streit um diese Fragen führte in Mexiko 1994 sogar zum Aufstand der Zapatisten – auch wenn sich deren Forderungen trotz Zustimmung im Volk nie in Reformen niederschlugen.

Noch sind diese Forderungen nach kollektiver Teilhabe nicht vollständig verschwunden, das zeigen die großen Straßenproteste. Natürlich leidet Mexikos Demokratie unter heftigen Spannungen, die auch aus der privilegierten Position wichtiger Unternehmen und mächtiger Gruppen, etwa der Lehrergewerkschaft, entstehen. Wähler und Demonstranten geraten immer wieder aneinander, glauben die einen doch an die institutionelle Politik, während die anderen die Wahlordnung oder gleich den Parlamentarismus als solchen ablehnen.

Doch keines dieser gravierenden Probleme basiert auf der grundsätzlichen Hinterfragung westlicher Werte oder der Kultur des Westens. Die autokratische Vergangenheit und die demokratische Gegenwart sind schlicht die gleiche Erfahrung, die auch Ihr im Westen gemacht habt.

_Übersetzung aus dem Spanischen_

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