Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Mißtrauensvotum gegen den lieben Gott. Karl Kraus

Völkermord ist Völkermord ist Völkermord

Um die türkische Regierung nicht zu verärgern, verzichtet die Große Koalition auf eine klare Haltung zum Völkermord an den Armeniern. Der deutschen Verantwortung wird das nicht gerecht.

Günter Grass würde toben. Hasste er doch Sprechverbote oder „Verdikte“, wie er es nannte, „das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes“. Vielleicht wäre es ihm aber auch egal, weil Israel nicht wirklich beteiligt ist. Aber wie schon bei Grass’ „Gedicht“ damals, hält sich eigentlich auch heute niemand an das vermeintliche Sprechverbot, das die Türkei gerne durchgesetzt sähe. Selbst Bundespräsident Gauck fand in seiner Rede im Berliner Dom deutliche Worte. Wohl wissend, dass er damit nicht nur die Türkei, sondern wohl auch Angela Merkel und die Regierung verärgern würde. Und auch Bundestagspräsident Norbert Lammert machte gestern im Bundestag klar: Das war ein Völkermord.

Nur die Große Koalition geniert sich großteils nach wie vor. Tagelang haben CDU/CSU und SPD darum gerungen, das böse Wörtchen doch noch in ihrem Papier unterzubringen. Da wurde hingeschrieben, gestrichen und am Ende „der Völkermord“ durch die Hintertür doch noch hinein eskamotiert. Das Schicksal der Armenier stehe „beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtung, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.“

Nichts weiter als ein Zugeständnis an die türkische Regierung

„Immerhin! Wir haben es gesagt!“, werden sich die Damen und Herren in Rot und Schwarz nun denken. Zwei Mal sogar, denn später wird tatsächlich noch mal angemerkt, dass „zahlreiche Historiker, Parlamente und internationale Organisationen“ den Völkermord Völkermord nennen. Schauen wir aber genau hin, dann ist der nun beschlossene Antrag nichts weiter als ein Zugeständnis an die dreisten Regierungsvertreter der Türkei, die jedem drohen, der das Wort Völkermord auch nur in den Mund nimmt.

„Unzulässig“ sei die Bezeichnung, hatte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu vor Kurzem noch verkündet. Aus Österreich hat die Türkei ihren Botschafter abgezogen, weil das dortige Parlament es gewagt hat, die Sache beim Namen zu nennen. Mit denen kann man’s ja machen.

Die Regierungskoalition wagt nun zwar zumindest, den großen Zeh über die rote Linie zu schieben – mehr aber auch nicht. Den Völkermord zwischen Nebensätzen und in indirekter Rede versteckend, wenden CDU/CSU und SPD mustergültig an, was der #Varoufake so schön gezeigt hat: Richtig formuliert, kann man alles irgendwie auch anders interpretieren. Man zeigt der Türkei den Finger, aber wenn sie guckt, kratzt man sich am Kopf.

Völkermord ist nicht verhandelbar

Einen Hehl macht die GroKo daraus freilich nicht. Man fürchte um die diplomatischen Beziehungen zur Türkei heißt es. Etwas, um das sich Gauck ja nicht wirklich zu kümmern hat. Ganz so, als wäre das ein triftiger Grund, die historische Verantwortung, die Deutschland nicht nur sich, sondern der Menschheit aufgebürdet hat, mal eben zu vergessen. Völkermord ist Völkermord ist Völkermord. Und eben nicht ein verhandelbares Changieren der Begriffe, um das Erdoğan’sche Gemüt zu schonen.

„Vernichtung“ und „Vertreibung“ seien doch auch harte Begriffe, möge mancher einwenden. Ja, aber nicht die treffenden, muss man erwidern. Völkermord ist nicht verhandelbar.

Gestern haben SPD und CDU/CSU gezeigt, dass sie Folgen der Shoah zumindest vernachlässigen: die Forderung danach, dass sich Auschwitz oder etwas Ähnliches nicht wiederhole (Adorno). Die Forderung danach, menschliches Handeln daran zu messen, inwiefern es die Vergangenheit ernst nimmt und diese aufarbeitet. Indem die Regierungskoalition der türkischen Regierung zumindest ein Stück weit die Deutungshoheit über das Schicksal der Armenier überlässt, leistet sie einer Geschichtsklitterung Vorschub, die weder von Aufarbeitung noch von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der türkischen Geschichte zeugt.

Die Wortklauberei nun dient der Relativierung eines historischen Sachverhaltes, der es erforderlich machen würde, seine Mechanismen aufzuzeigen, um sie in Zukunft identifizierbar zu machen.

Die Rolle des deutschen Reiches beim Völkermord wird relativiert

Zwar ist nur schwer vorstellbar, dass sich betreffende Mitglieder des deutschen Bundestages dessen nicht bewusst sind. Doch vermitteln sie nicht den Eindruck, diesen Anspruch sonderlich ernst zu nehmen. Denn nicht nur, dass sie die Türkei mit ihren Drohgebärden davonkommen lassen, sie stecken ihren Finger nicht mal in die eigene Nase. Ja gut, das Deutsche Reich war militärischer Hauptbündnispartner des Osmanischen Reiches und hatte zahlreiche Einheiten dort stationiert. Ja gut, man wusste von den Deportationen, den Verfolgungen, den Massakern. Und ja, man ist nicht eingeschritten damals und das war falsch. Mehr aber auch nicht. Mit bösem Willen ließe sich hier rauslesen, dass man diese Vorwürfe auch anderen machen könnte – zu einem anderen Zeitpunkt der Geschichte freilich. Aber geschenkt.

Viel schlimmer ist, dass mit diesen Formulierungen die Rolle des Deutschen Reiches im Völkermord relativiert wird. Die Regierung des Deutschen Reiches wusste nicht nur vom Völkermord, es zensierte gezielt Informationen darüber und verhinderte so deren Weitergabe. Das deutsche Militär war nicht nur dort stationiert, es war an einzelnen Deportationen beteiligt und half bei der Niederschlagung des armenischen Widerstandes.

Deutsche Unternehmen wie die Philipp Holzmann AG, die Deutsche Bank AG und die Victoria Versicherungs AG profitierten entweder durch Zwangsarbeiter oder Vermögenseinlagen. Und: Nach Ende des Krieges gewährte Berlin führenden Verantwortlichen des Völkermordes Asyl.

Das alles sind keine Geheimnisse und doch wählt die Große Koalition die geschönte Version, die Passivität vortäuscht. Man kann sich ja auch nicht jeden Völkermord ans Bein binden, an dem man irgendwie irgendwann mal beteiligt war. (Oder den man vor Urzeiten selbst begangen hat). Am Ende wollen die auch noch Entschädigungen. Und die zahlt Deutschland bekanntlich äußerst ungern.

Israel ist nicht genug

Aber im Grunde genommen geht es nicht mal darum. Die Auseinandersetzung der Bundesregierung mit dem Völkermord an den Armeniern zeigt vor allem, dass noch immer ein zu eindimensionales Verständnis der aus der Shoah resultierenden Verantwortung besteht. Dass Angela Merkel 2008 im Knesset die Sicherheit des israelischen Staates zur Staatsräson erklärt hat, ist Ausdruck dessen. Zwar steht außer Frage, dass die gesicherte Existenz Israels für Deutschland nicht verhandelbar ist. Doch reicht es nicht, hier zu verharren. Israel ist nicht genug.

Verantwortung zu übernehmen bedeutet, Bewusstsein zu schaffen für den unbändigen menschlichen Tötungswillen, der in der Geschichte bestand und in der Zukunft fortbestehen wird. Die Debatte um den Völkermord an den Armeniern zeigt, dass Deutschland dies bei aller Mühe, an die Shoah zu erinnern und diese aufzuarbeiten, nur halbherzig verinnerlicht hat. Nicht umsonst erscheint die Israelpolitik, so wenig ihr die Berechtigung abzusprechen ist, als Feigenblatt. „Seht her, wir erinnern und gedenken, wir unterstützen Israel!“ Ja, das tun wir. Wann aber der Holocaust-Gedenktag ist, weiß vermutlich nur die Hälfte der Bevölkerung. Und ein Viertel der anderen Hälfte läuft mit einem schwarzen Edding durch die Gegend und würde nur zu gern – endlich! – einen dicken Schlussstrich ziehen.

Jom haScho’a, der israelische Shoah-Gedenktag am 19. April, fand so ziemlich keine Beachtung in Deutschland. Dabei täte es vielleicht mal gut, zu sehen, wie dort eine ganze Gesellschaft einen Moment lang stillsteht und Raum für das Erinnern schafft. Deutschland indes baut Mahnmale, die einmal im Jahr von Rednerinnen und Rednern bevölkert werden, ganz so, als würde es genügen, einmal im Jahr in einer trockenen Rede über die deutsche Verantwortung zu reüssieren – ohne diese dann so wirklich wahrzunehmen.

Denn das würde bedeuten, die Anerkennung des Völkermordes an den Armenien von der Türkei einzufordern. Es würde aber auch bedeuten, sich mit der eigenen Geschichte in diesem und vorhergehenden Völkermorden auseinanderzusetzen.

Es gibt keinen Schlussstrich

Indem es Deutschland versäumt, über die Shoah hinaus Verantwortung zu übernehmen, läuft es Gefahr, einen Schlussstrich der anderen Art zu ziehen; einen Schlussstrich unter der Geschichte selbst, der den Eindruck erweckt, sie sei nicht prinzipiell wiederholbar. Die nächste Shoah wird vermutlich nicht so anmuten wie die erste. Und hier liegt die Gefahr. Wenn wir es aber nicht schaffen, auf gewisse Weise vergleichbare Vorgänge als solche zu benennen, so berauben wir uns Perspektiven, von denen aus wir in Zukunft auf die Geschehnisse in der Welt schauen sollten.

Die Aghet (armenisch: Katastrophe) war ein Völkermord und es ist die Aufgabe Deutschlands, diese klar und deutlich als solchen zu benennen – ungeachtet diplomatischer Befindlichkeiten. Vereinzelt ist dies in den letzten Tagen geschehen. Dass daraus die nötigen Konsequenzen gezogen werden, wage ich zu bezweifeln.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sören Musyal: Aus Prinzip Hoffnung

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