Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer – und schon gar nicht der bessere Banker. Christoph Kaserer

Fantastisches Erkennen

Gespräche über die Qualität von Genrekunst fixieren sich zu stark auf „Realismus“, „Dekonstruktion“ von Geschlechterklischees und Rassismus. Sören Heim reagiert auf Kritik an der „Game of Thrones“-Kolumne.

Mit Fantasy und der sogenannten „ernsthafte Literatur“ ist das so eine Sache. Auch auf meinen Artikel zur TV-Serie „Game of Thrones“ hin, der die Qualität der Bücher kaum thematisierte, schrieb man mir: Fantasy könne auch ernsthafte Literatur sein und müsse von Kritikern als solche behandelt werden! Seit Audens glühender Verteidigung von Tolkiens „Herrn der Ringe“& ein ewiges Anliegen der Fans. Und auch ich sehe mich damit getroffen – habe ich mich doch auch schon bei dieser und jener Gelegenheit zum Verteidiger des prinzipiellen literarischen Anspruchs von Fantasy und Science-Fiction (für die hier Gesagtes ebenfalls eine gewisse Geltung beanspruchen darf) aufgeschwungen.

Doch welchen größeren Ausweis des Ernstnehmens gibt es, als dass man an Genreliteratur die gleichen Maßstäbe anlegte, die man an alle andere Literatur auch anlegen würde? Und tut man das, fällt in der Breite auf: Den Ansprüchen ihrer Fürsprecher werden bei genauerem Hinsehen die wenigsten Texte (auch Verfilmungen) gerecht.

Den Kinderschuhen nicht entwachsenes Fandom

Das hängt heute in erster Linie damit zusammen, dass Ernsthaftigkeit mit Hinblick auf die etablierten Erwartungshaltungen eines in relativ festen Bahnen eingefahrenen Fandoms diskutiert wird. Als wertvoll gilt ein Text, wenn er in postmoderner Manier besonders viele Erwartungen dieses Fandoms, etwa Geschlechterklischees, Vorstellungen über „Rassen“, eben etablierte Topoi der modernen fantastischen Literatur, bricht. Ein Anliegen, für das ich durchaus Sympathien hege. Treten die typischen Figuren (Menschen, Elfen, Orks usw.) entlang der gewohnten Frontverläufe auf, und durchzieht eine relativ stringente moralische Botschaft das Werk, so wird das als eher abgeschmackt wahrgenommen. Explizite anstatt idealisierter Gewalt, moralische Grautöne, oder sogar ein erklärter Amoralismus, ergänzt um die ein oder andere Kritik an diesem finsteren Zeitalter (da ist die Moral dann plötzlich doch wieder), gelten dagegen als Ausweis literarischer Stärke.

Was wie eine Debatte über die literarischen Qualitäten fantastischer Literatur daherkommt, ist oft genug tatsächlich die selbstkritische Nabelschau eines den Kinderschuhen noch nicht wirklich entwachsenen Fandoms, das sich selbst die reaktionären Dämonen auszutreiben sucht. Davon spricht auch die „Jeder kann sterben“-Begeisterung im Falle von „Game of Thrones“: Denn der Tod von liebgewonnenen Charakteren schockt nur, wo im Sinne des Abenteuerbuches für Jugendliche das identifikatorische Lesen vorherrscht.

Projektion & fantastischer „Realismus“

„Die Gewalt in diesem Milieu ist nicht tolkienesquer Schwertkampf zwischen Kriegern und Orks, es ist ein andauernder Mord an Unschuldigen, Vergiftung und Vergewaltigung. Es ist keine Welt, in der irgendein normaler Mensch leben wollte … was eine Facette ist, in der es dem realen Mittelalter ähnelt.“

So lobt Schriftsteller John Lanchester für die „London Review of Books“ „Game of Thrones“, und unterschlägt dabei, dass das finstere Mittelalter, in dem sich alles um Mord, Intrige und Vergewaltigung dreht, und der Adel nichts zu tun hat als die eigene Macht um der Macht willen zu sichern, ebenso eine Projektion ist wie verklärtes Heldentum und hohe Minne bei Tolkien-Epigonen (die für „Game of Thrones“ Pate stehende Zeit der Rosenkriege war für die einfache britische Bevölkerung übrigens eine relativer Ruhe und Sicherheit). Sollte ein vorgeblicher Realismus ausgerechnet in fantastischer Literatur zum literarischen Gütekriterium erhoben werden? Versinnbildlicht nicht vielleicht doch die Balance des Ringkriegs gegen die scheinbar so sinnlose Tom-Bombadil-Episode in Tolkiens fingiertem Mythos die Tragik des Naiv-Guten in finsteren Zeiten treffender als Tode am laufenden Band?

Wenig Platz für subtile Symbolik lässt die Debatte um den künstlerischen Gehalt von Fantasy heute. Ganz zu schweigen von sprachlicher Stilistik, für die etwa Ursula le Guins erster „Earthsea“-Roman mit seinen Anklängen an den altgermanischen Stabreim stehen kann. Die „adäquate“, das heißt möglichst grausame und fatalistische Darstellung des menschlichen Daseins hat alle anderen Mittel literarischer Gestaltung in der öffentlichen Aufmerksamkeit verdrängt, gefolgt nur noch von Diskussionen über einen politisch korrekten Subtext – woran dann selbst wohlmeinende Autoren wie Martin scheitern, „political correctness“ und Mittelaltersimulation vertragen sich schlecht.

Das Fantastische in der internationalen Literatur

Ginge es um mehr als das, der Kampf um den künstlerischen Rang des Fantastischen wäre gewonnen, ehe er begonnen wurde. Man muss hierfür nicht zurückblicken zu Edmund Spensers „Faerie Queene“, muss nicht die Artussagen oder den großen Ming-Roman „Der Aufstand der Zauberer“ bemühen. Ein Streifzug durch die Meisterwerke der letzten knapp 200 Jahre genügt vollkommen, um unzählige fantastische Werke von Gehalt zu Tage zu fördern. Gogols Dikanka-Zyklus etwa, der das ukrainische Dorfleben gerade deshalb so überzeugend zu fassen vermag, weil darin Teufel und Hexen, Zauberei und übersinnliche Ereignisse weit mehr als nur eine kleine Nebenrolle spielen, Bulgakows „Meister und Margarita“, oder Rushdies „Die Satanischen Verse“. Gerade die zeitgenössische internationale Literatur ist an solchen Perlen reich. Nicht zufällig lassen sich viele dieser Werke grob dem magischen Realismus zuordnen. Hier dient das fantastische Element als stilistisches Mittel, um erkennend unter die Oberfläche eines naturalistischen Fatalismus zu schauen. In der Fantasy, auch wo sie versucht, die Dämonen des Fandom zu exorzieren, spiegelt sich dagegen im besten Fall die Realität des Lesers.

Apropos Dämonen: Sobald ein Werk wie Dostojewskis „Dämonen“ im Fantasy-Setting denkbar wird, können wir weiterreden. Oder: Vielleicht gibt es solche Werke schon längst? Dann führe man sie an, wenn man zeigen möchte, dass moderne Fantasy mehr sein kann, als die Verächter des Genres glauben. Und man löse sich doch bitte von der „mittelalterlichen Grausamkeit“, vom „Realismus“, und von der unvermeidlich oft gewalttätigen Sexualität – gerade Letzteres wurde, man entschuldige das schlechte Wortspiel, in den akribischen Nacherzählungen einzelner „Game of Thrones“-Folgen in zahlreichen Leitmedien mittlerweile doch wirklich zu Tode geritten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sören Heim: War ein Arschloch, wird eines bleiben

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