Ein Lob der Kürze

Sören Heim20.05.2015Gesellschaft & Kultur

Weil wir unsere fünfzehn Minuten Ruhm zwanghaft anderen aufdrängen, sind literarische Veranstaltungen oft ein Graus. Schriftsteller nähmen sich besser ein Beispiel am weisen Heinz Erhardt.

Literarische Lesungen sind der Horror. Das Publikum ist gezwungenermaßen da, oder begreift spätestens nach der ersten Stunde, dass es gezwungen sein wird, weiter zuzuhören. Regelmäßig reiht sich Beitrag an Beitrag, als höre der Vortragende sich vor allem selbst gern sprechen. Es ist unerträglich. Wenn einer etwas zu sagen habe, dann fasse er sich, wusste dagegen der Komiker Heinz Erhardt: „aber kurz“.

Die Menge ist die Crux

Nachwuchsliteratinnen und -literaten aller Altersklassen wollen von dieser kleinen Weisheit nichts wissen. Als Gast auf und Ausrichter von literarischen Veranstaltungen habe ich da so meine Erfahrungen. Insbesondere, wenn man aus beruflichen Gründen zugegen ist, fragt man sich auf so mancher Lesung: „Warum glaubt ihr eigentlich, euch möchte jemand geschlagene drei Stunden zuhören?“
Dabei soll es hier und heute nicht um Qualität gehen. Auf mancher regionalen literarischen Matinee wird mehr Hörenswertes präsentiert als auf einem langen Abend des Jammerns und Grantelns mit dem kürzlich verstorbenen Günter Grass.

Die schiere Menge ist die Krux der meisten Lesungen. Gerade bei anspruchsvoller Literatur ist der Geist nur begrenzt aufnahmefähig, und lässt, überfordert man ihn, mit zunehmender Dauer das Gelesene nur noch auf sich einplätschern. Der Engels’sche Satz vom Umschlagen von Quantität in Qualität gilt (nicht nur) in der Literatur keineswegs. Und ob geschliffene Polemiken Karl Kraus’scher Manier oder Kurzgeschichten des lokalen Schreibkurses: Ist die Grenze der Aufnahmefähigkeit erst einmal erreicht, gehen die besten Momente im Einheitsbrei unter.

Aber warum neigen ausgerechnet Literaten zu derartigen Ausschweifungen, wie sie einst Loriot im Dichter Lothar Frohwein („Kraweel Kraweel“) so gekonnt karikierte? Musiker, Akrobaten, Tänzer wissen es besser. Und auch ein Fußballspiel ist nach 120 Minuten plus Elfmeterschießen spätestens vorbei. Mir scheint, es hat etwas mit dem großen Angebot an Literatur und der im Vergleich dazu geringen Wertschätzung zu tun. In der Zukunft sei jeder für 15 Minuten berühmt, charakterisierte Andy Warhol die moderne Medienkultur, und Literaten, die sich besonders abmühen, sich auch nur fünf dieser Minuten zu sichern, sind versucht, sich mit Gewalt dem Publikum aufzudrängen.

Das Publikum geriet zusehends aus dem Blick

Nirgends wird sonst, ohne dass Zugaben verlangt würden, so überzogen wie auf Lesungen. Die Tatsache, dass Fähigkeit und Bereitschaft zwischen guter und schlechter Literatur zu unterscheiden, immer weiter verloren gehen, tut ihr Übriges. Doch auch der Literat, der sein Werk nach dem Motto „die Masse macht’s“ vorträgt, schätzt das eigene Schaffen gering. Er zeigt sich unfähig, sein Bestes pointiert zu präsentieren. Das Publikum, das ich mit meiner Lesung eigentlich erreichen möchte, wird zusehends aus dem Blick verloren.

Am Ende sind alle schlecht dran: die Zuhörer sowieso. Die Literaten, weil wer sich auf einer Lesung gelangweilt hat, mit Sicherheit nicht so schnell wiederkommt. Und das breitere literaturinteressierte Publikum, weil in der Folge womöglich zahlreiche interessante Autoren immer weniger Chancen bekommen, sich vorzustellen. Mit Publikum, Vortragenden und Vorsitzenden mehrerer Fastnachtsvereine sprach ich im vergangenen Jahr darüber, ob man nicht vielleicht auch die oft ausufernden Sitzungen zum Wohle aller Beteiligten ein wenig kürzen könnte. Die Anregung wurde überraschend positiv aufgenommen. Nur wollte keiner den Anfang machen aus Angst, ein anderer könnte ihm etwas von den kostbaren 15 Minuten Ruhm wegschnappen.

Meine schönsten Lesungen, als Autor, als Gast, waren solche, die, musikalische Unterbrechungen schon mit eingerechnet, kaum länger als eine Stunde gedauert haben. Umso wacher, umso angeregter dann auch regelmäßig die Gespräche im Anschluss. Allen Schreibenden, denen an Literatur und Publikum mehr gelegen ist als an der Pflege des eigenen Ego, kann man daher nur raten: Fassen Sie sich, aber kurz.

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