Es gibt würdigere als mich. Barack Obama

Die Sexyness ist nicht im Kleid

Das Image der Mode hat durch die Verdammung von „Germany’s Next Topmodel“ stark gelitten. Alle, die das machen, maßen sich an, für Frauen zu sprechen, die sie im gleichen Atemzug entmündigen.

Es hat schon etwas von einem liebevollen Ritual. Seit zehn Jahren strahlt ProSieben die Modelshow „Germany’s Next Topmodel“ aus, und in etwa genauso lange wird in den Feuilletons landauf, landab die frauenverachtende Zurschaustellung junger Mädchen in dieser Show beklagt. Fleischbeschau, Exhibitionismus – das sind einige der Schlagworte, auf die man sich in der Debatte verlassen kann. Im Jubiläumsjahr brachte bereits zum Staffelstart Olga Grjasnowa auf der neu eingerichteten „Zeit Online“-Plattform „Freitext“ alle relevanten Buzzwords:

„Die Körper von Heidis Mädchen, denn es ist immer nur die Rede von Mädchen, niemals von Frauen, werden fetischisiert, vermessen, vorgeführt und verkauft. Sie werden ausschließlich durch den in den Filmwissenschaften breit besprochenen männlichen Blick gezeigt, der die Frauen zu Objekten degradiert.“

Solcherart Kritik gibt vor, im besten Interesse der jungen Frauen zu sprechen, und muss sich dabei doch ihren Gegenstand, die jungen Frauen und die Modewelt gleichermaßen, in einer Weise zurechtbiegen, die ans Gewaltsame grenzt. Denn natürlich wollen globale Aussagen getroffen werden, auf die Schelte einer zugegeben im besten Falle mittelmäßigen Fernsehshow will man sich nicht beschränken. Die sich progressiv gebende Kritik weist dabei übrigens gar nicht selten eine große Nähe zu stockkonservativen Positionen auf. So schrieb 2014 die „FAZ“ zu einem Shooting mit einem tätowierten Model:

„In Zombie Boys Gesicht ist ein Totenkopf tätowiert. Er beugt sich mit gefletschten Zähnen und nacktem Oberkörper über das sechzehn Jahre alte Model im teuren Abendkleid, die Assoziation mit Gewalt liegt nahe.“

Eine krasse Überzeichnung einer gestellten Situation. Legten wirklich die gefletschten Zähne die Assoziation nahe? Oder nicht doch eher der Anschein sexueller Spannung zwischen einer edel inszenierten jungen Frau und einem unseren Normen nicht entsprechenden jungen Mann?

Sexualisierung – oft erst durch die Kritiker

Wie regelmäßig Kritiker Sexualität und damit einhergehende Objektivierung von Frauen in den Mittelpunkt ihrer Kritik stellen, ist auffällig. Natürlich haben sich „GNTM“ und Heidi Klum da an die eigene Nase zu fassen. „Sexyness“ wird hier in einem für das Business nicht repräsentativen Sinne groß geschrieben. Doch spätestens wenn man wie Grjasnowa der Modewelt als Ganzes Sexualisierung und einen „männlichen Blick“ unterstellt, verlässt man den Bereich des empirisch Nachvollziehbaren, sind doch die meisten Käuferinnen von Damenmode, Besucherinnen von Modenschauen (und auch immer mehr Designerinnen) weiblich. Und verschiedene Studien in den vergangenen Jahren wiesen recht deutlich darauf hin, dass der „männliche Blick“ sich im Schnitt sowieso für Frauen interessiert, die deutlich mehr auf den Rippen haben als das durchschnittliche Model.

Im Jahrhundertroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lässt Marcel Proust den impressionistischen Maler Elstir das Hohelied der Mode singen. Mode wird hier zur Kunstform, die sich in ihrer sozialen Bedeutung zur bürgerlichen Gesellschaft ähnlich verhält wie die sakrale Malerei zum christlichen Absolutismus. Man muss Proust nicht in Gänze folgen, mit den Krisen des frühen 20. Jahrhunderts verliert auch Elstirs modische Vision rasch an Kraft.

Dennoch ist eine Diskussion der Körperideale im Modebusiness ohne einige Überlegungen zum ästhetischen Ideal der Mode nicht zu haben. Grazile Statur, fast knabenhafte Körper, scharf geschnittene Züge, die vielzitierte Androgynität moderner Models: Entscheidend ist nicht die sexuelle Erregung des Publikums, sondern der Fluss des Kleides, der Faltenwurf, die Präsentation. Gerade die sogenannte High Fashion soll eben nicht vom Model überstrahlt werden, Akzidenz des Körpers sein, sondern im Zusammenspiel mit der Körperlichkeit darüber hinausweisen, eine Idee vorstellend (Hegel spricht vom Schönen als das „sinnliche Scheinen der Idee“). Dahingestellt, ob Mode das in der Breite oder auch nur von Zeit zu Zeit zu leisten vermag. „Sexyness“ zumindest ist in weiten Teilen des Business eine von Klum ebenso wie ihren Kritikern weit überbewertete Eigenschaft.

Prinzessin oder „Professional“?

Ist es vor dem Hintergrund all dessen nicht zumindest vermessen, vielleicht gar, um ein Wort zu bemühen, das in diesen Debatten viel Gewicht hat, frauenfeindlich, wenn man wie Grjasnowa mit nur noch geringem Bezug zu „GNTM“ derart weitreichende Aussagen trifft: „Das Model ist die Fortsetzung des Lebenstraums Prinzessin, womöglich spricht das für unsere Demokratie, aber ich glaube es kaum.“ Könnte man die harte Arbeit, die Selbstbeherrschung, den Anspruch an die eigene Wirkung, den das Berufsbild des Models mit sich bringt, nicht auch deutlich positiver bewerten? Im vergangenen Jahr imaginierte die „Hannoversche Alllgemeine“ einen „GNTM“-ähnlichen Drill für Männer als den Gipfel der Absurdität.

Man fragt sich, ob die zuständige Redaktion schon einmal in einem durchschnittlichen Sportverein zu Gast war. Und auch Sängerinnen und Sänger, Ausdruckstänzerinnen und Ausdruckstänzer, professionelle Pantomimen müssen für ihren Traumberuf „leiden“. Viele scheitern. Doch wir respektieren die, die es versuchen.

Es wäre schön, wenn jene, die vorgeben für junge modebegeisterte Frauen zu sprechen, nicht deren Interessensgebiet immer wieder in Gänze verhöhnten und infantilisierten. Dass „GNTM“ nicht unbedingt der beste Weg ins Geschäft ist und dieses nur sehr unzureichend abbildet, steht auf einem anderen Blatt.

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