Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, daß er die Menschen schlechter machen kann. Karl Kraus

Kunst ist Kunst; Spiel ist Spiel

Der Versuch, Spiele als Kunst zu definieren, entgrenzt und relativiert unseren Kunstbegriff. Das schadet dem Versuch, die unbestrittene Qualität von Videospielen in den Blick zu rücken.

Am 21. April 2015 wird zum 7. Mal der Deutsche Computerspielpreis verliehen. Dieser soll dazu beitragen, Spiele stärker als Kulturgut zu würdigen. Ein unterstützenswertes Anliegen, so sehr bezweifelt werden darf, ob ausgerechnet eine stocksteife staatliche Preisverleihung das geeignete Mittel ist. Wie jedes Jahr im April stehen derweil auch wieder die Gamer und Protagonisten der Videospiellobby Gewehr bei Fuß, denen die Würdigung nicht weit genug geht. Sie möchten, komme was wolle, Videospiele gleich als Kunst begriffen wissen. Dabei schreckt man nicht davor zurück, Gegner dieser Position heftig anzugehen:

„Ein Film, ein Musikstück, ein Konzert oder eine Oper und ein Buch fordern nur eins: die Zeit zum Zuschauen, zum Zuhören, zum Lesen. (…) Und schon kann jeder mitreden und seine mehr oder weniger niveauvollen, bis zur intellektuellen Selbstdarstellung neigenden Gedanken der mehr oder weniger darauf wartenden Welt mitteilen. Bei Computerspielen liegt die Hürde höher.“ (Ludwig Jovanovic, Spielehelden)

„Ist das Kunst oder kann das weg?“

Doch es gibt gute Gründe, darauf zu beharren, dass Videospiele keine Kunst sind. Das hat nichts mit der narrativen oder visuellen Qualität einzelner Spiele zu tun, auch nicht mit dem noch immer zu Unrecht schlechten Ruf, der dem Gamer heute in ähnlicher Weise anhaftet wie der Konsumentin von sentimentalen Romanen im 19. Jahrhundert. „Nicht jedes Computerspiel ist Kunst, genauso wenig wie jeder Film oder jedes Buch“, behauptet Jovanovic. Und liegt damit, soll der Kunstbegriff nicht in einer Weise entgrenzt werden, die es am Ende unmöglich macht, über Kunst zu reden, falsch. Denn Kunst bezeichnet die Form, in die ein Werk gegossen ist, die Art und Weise, in der es dem Rezipienten gegenübertritt. Mit Qualität hat Kunst, ganz allgemein gesprochen, nichts zu tun. Wie sonst ist das Phänomen Beuys zu erklären?

Die Videospiele-als-Kunst-Fraktion geht über Inhalte des Begriffes Kunst derart leichtfertig hinweg, dass dieser ganz im Sinne des zeitgeistigen Relativismus jegliche Bedeutung verliert. Damit unterminiert man das eigene Ziel, herausragende Spiele in den Mittelpunkt zu stellen. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, fragte Mike Krüger. Im Strudel der Affekte gegen alles Künstlerische drohen dann auch anspruchsvolle Videospiele unterzugehen.

Kant hat früh erkannt, was Kunst ist und was nicht

Dagegen ist festzuhalten: Kunst ist Kunst und Spiel ist Spiel. Ein noch so filigran gearbeitetes Schachset verliert in dem Moment, in dem sich die Spieler im Spiel versenken, seinen Kunstcharakter, auch wenn es andernorts als Artefakt ausgestellt werden könnte. Ebenso ist es denkbar, dass einzelne Szenen aus einem Meisterschaftsmatch „Starcraft 2“, einem Spaziergang durch die Weiten „Skyrims“ Kunstcharakter gewinnen können, so sie entsprechend präsentiert werden. Im Spiel aber gelten die Regeln des Spiels, im Schachbeispiel universell für jedes, egal wie gearbeitetes Schachspiel. Und diese sind inkompatibel mit Kunst. Das ist ein Unterschied ums Ganze im Vergleich mit den Impressionisten, die Jovanovic als Beispiel einst nicht akzeptierter Künstler heranzieht, die „im 19. Jahrhundert … als pure Farbkleckser“ gegolten hätten. Sicher: Der Impressionismus wurde teils abgelehnt, galt als schlechte Kunst. Aber immer noch als Kunst.

Worin besteht der Unterschied? Worauf verweist er? Es ist sinnvoll, sich zur Vergegenwärtigung der Problematik auf den guten alten Immanuel Kant zu besinnen, genauer auf dessen Verständnis des Schönen. Nach diesem stehe der Betrachter dem Kunstwerk mit „interesselosem Wohlgefallen“ gegenüber. Mag das auch für unsere heutigen Ohren allzu idealtypisch formuliert klingen, so birgt es doch gerade, weil es von nur partikularen Interessen absieht, die Möglichkeit, Kunstwerke überhaupt von anderen Gegenständen der Welt, etwa Spielen, abzugrenzen. Wie klug gewählt diese Minimaldefinition war, zeigt sich gerade darin, dass außer ein paar Aktivisten bis heute die meisten Diskutanten zum Thema Videospiele intuitiv der Kant’schen Sichtweise folgen. Das hatte vor einigen Jahren bereits Daniel Hemmens im erfolgreichen videospielaffinen Onlineprojekt Ferretbrain auf den Punkt gebracht.

Dem Kulturchauvinismus trotzen

„Die Hintergrundmusik, die Synchronsprecher, die Geschichte und das Design unterstützen eine fundamentale Sache: das Gameplay. Am Ende geht es in Computerspielen, wie in allen Spielen, darum, dass der Spieler ein willkürliches Ziel erreicht, durch eine Kombination von Glück und Fertigkeit (…) Sogar die breitestmögliche Definition von Kunst enthält nicht solche Dinge wie Ressourcenmanagement, Reflextest und strategisches Denken. ,Spiel‘ und ,Kunst‘ sind orthogonale Konzepte: Es gibt nichts im Gameplay, das erlaubt Kunst, zu erfahren, und nichts in der Kunst, das einem Spiel gleichkäme.“

Dem Spiel gegenüber nehme, so Hemmens, der Rezipient also eine aktive Haltung ein, die es dem Begriff der Kunst inkonsumerabel mache. Das ist klar und deutlich. Aber warum sollte es uns eigentlich interessieren, ob Videospiele nun Kunst sind oder nicht? Ganz einfach: Die Relativierung des Kunstbegriffs verunmöglicht zusehends jegliche Diskussion über Qualität. Ist etwas Kunst, gilt es als sakrosankt. Selbst über die erbärmlichsten Happenings lässt sich kaum mehr streiten. Einige Spieleproduzenten würden gerne diesen Werkschutz für sich in Anspruch nehmen. Auf der anderen Seite gilt in kulturchauvinistischer Weise: keine Kunst = minderwertig. Beides ist großer Quatsch und wird durch Schlachten, die entlang völlig falscher Frontlinien geschlagen werden, nur noch zementiert. Auch wem es ernsthaft darum geht, die Qualität von Videospielen in den Blickpunkt zu rücken, sollte daran gelegen sein, die Kunstdebatte zu beenden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Van der Bellen, Hamed Abdel-Samad, Lothar Wieland.

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