Eine zarte Seele ist Voraussetzung für erfolgreiche Politik. Anton Hofreiter

Wer Gewalt sät ...

Die Erschießung des schwarzen Jugendlichen durch einen Polizisten in Ferguson löste nicht nur eine Protestwelle aus: auch das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in seine Gesetzeshüter ist bis in die Grundfesten erschüttert. Das wirft uns in einen vorpolitischen Zustand zurück – kann aber auch neue Chancen bieten.

Im vergangenen August explodierten die Proteste in der US-Kleinstadt Ferguson bei St. Louis. Ein Polizist hatte einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen, den er des Überfalls auf einen Kiosk verdächtigte. Tagelang versuche die Polizei danach, die überwiegend schwarzen Demonstranten auseinanderzutreiben. Die Details des Vorfalls sind weiterhin unklar, doch für die Mehrzahl der an der Armutsgrenze lebenden Afroamerikaner in Ferguson war der Tod des Teenagers ein weiteres Beispiel für systematische Polizeigewalt gegen Minderheiten.

Der Fall Ferguson als Fall „abstrakte Negation“

In den Slums und Ghettos der USA agiert die Polizei oftmals wie eine Besatzungs- und nicht wie eine Schutzmacht. Patrouillen ähneln bisweilen denen der israelischen Armee im Westjordanland. Die Waffen der Polizei stammen zunehmend aus Militärbeständen. Selbst wenn Polizisten sich primär um die Sicherung der öffentlichen Ordnung kümmern, humanitäre Hilfe leisten oder die medizinische Versorgung begleiten, ist ihr Modus Operandi trotzdem der einer fremden Besatzungsmacht.

Das Magazin „Rolling Stone“ stellte nach den Vorfällen in Ferguson fest: „Niemand ist bereit, es zuzugeben. Aber nach Ferguson – und nachdem der Tod von Eric Garner und die ausbleibende Anklage gegen die verantwortlichen Polizisten zu Protesten in New York geführt haben – sieht sich die Polizei plötzlich mit den Grenzen der eigenen Legitimität konfrontiert. Die Ressourcen sind so ungleich verteilt, und das Gesetz wird mit einer solchen Inkonsistenz angewandt, dass die Menschen die grundlegende politische Autorität der Polizei infrage stellen werden.“

Wenn die Polizei nicht mehr als Hüter des Gesetzes und als Verteidiger der öffentlichen Ordnung gesehen wird, sondern in der Wahrnehmung vieler als gewalttätige Truppe in Erscheinung tritt, verändern sich gleichzeitig die Proteste gegen die bestehende Ordnung: Die „abstrakte Negation“ explodiert; Proteste entladen sich in roher, zielloser Gewalt. In seiner Studie zur Massenpsychologie beschreibt Sigmund Freud die „Negation“ zerfallender sozialer Bindungen: „Thanatos“ statt „Eros“, Gewalt und Tod statt Liebe. In einem Punkt aber irrte der große Psychoanalytiker: Vorschnell verwarf er die Konsequenzen dieses sozialen Zerfalls als spontanen Fanatismus – also als einen Fanatismus, der keine Vergangenheit und Zukunft kennt und sich daher unterscheiden lässt vom Fanatismus organisierter Gruppen wie der Kirche oder der Armee.

Gewalt als Teil eines produktiven Prozesses?

Im Kontrast zu Freud sollten wir die Mehrdeutigkeit dieses Moments betonen: Die sich entladende Gewalt zerstört, aber sie öffnet gleichzeitig den Raum für politische Interventionen. Anders ausgedrückt: Der Zerfall bestehender Bindungen ist der vorpolitische Zustand der Politik. Jede darauf folgende Intervention zielt bereits über das Ziel hinaus, indem sie sich einem neuen Projekt verschreibt und verpflichtet. Dieses scheinbar abstrakte Thema ist heute erneut aktuell. Die Energie der sozialen Entkopplung wird in den USA vor allem von der Neuen Rechten monopolisiert. Die Republikanische Partei ist zunehmend gespalten zwischen dem konservativen Erhalt des Bestehenden und der rechtslibertären Agenda der „Tea Party“.

Doch wie üblich ist auch dieser Faschismus das Zeichen einer gescheiterten Revolution. Das von rechts verfolgte Ziel, soziale Bindungen zu zertrennen, lässt sich daher nur bekämpfen, indem die Linke sich ebenfalls der Entkopplung verschreibt. Die ersten Anzeichen dafür sind offensichtlich: 2010 fanden sich Menschen in ganz Europa zu Massendemonstrationen zusammen – in Griechenland, in Frankreich, und sogar in Großbritannien, wo Proteste gegen die Erhöhung der Studiengebühren in unerwarteter Gewalt mündeten. Hegel bekräftigt die Gefahr einer solchen „abstrakten Negation“ für die bestehende Ordnung als ein permanentes Merkmal, das niemals aufgehoben werden kann. Hier ist Hegel materialistischer als Karl Marx: Er beschreibt abstrakte Negation als repetitiv wiederkehrenden Prozess, durch den soziale Bindungen unter Gewaltanwendung zertrennt werden. Marx sieht Gewalt als Teil eines produktiven Prozesses, der eine neue Ordnung gebärt. Gewalt, schreibt Marx, ist die Hebamme der Geschichte. Für Hegel ist die ultimative Konsequenz von Negation nicht die Erneuerung der sozialen Ordnung, sondern die Entkopplung.

Zeugen einer untragbaren Situation

Und sind solche „irrationalen“ Gewaltausbrüche ohne konkrete programmatische Forderungen, getrieben von vager Gerechtigkeitsrhetorik, nicht gleichzeitig exemplarische Beispiele für das, was Walter Benjamin mit dem Begriff „göttliche Gewalt“ beschreibt? Für Benjamin lassen sich zwei Formen von Gewalt unterscheiden: Die „göttliche“, rechtsvernichtende und entsühnende Gewalt auf der einen Seite, die „mythische“ und rechtsbildende Gewalt auf der anderen. Göttliche Gewalt ist Mittel ohne Zweck: Aktion ohne langfristige Strategie. Das Gegenargument ist offensichtlich: Sind solche gewalttätigen Proteste nicht oftmals ungerecht? Trifft die Gewalt nicht vor allem Unschuldige? Wenn wir die überzogenen und „politisch korrekten“ Erklärungsversuche vermeiden wollen, denen zufolge die Opfer göttlicher Gewalt sich aufgrund ihrer allgemeinen historischen Verantwortung nicht zur Wehr setzen sollten, bleibt uns nur eine Option: Die Feststellung, dass göttliche Gewalt ungerecht ist. Gewalt ist erschreckend brutal. Gewalt ist keine erhabene Ausdrucksform von Gerechtigkeit.

Ein linksliberaler Freund von mir unterrichtet an der Universität in Chicago. Er erzählte mir kürzlich eine traurige Geschichte: Als sein Sohn alt genug für die High School war, schickte er ihn bewusst auf eine Schule nördlich der Universität, am Rand des überwiegend afroamerikanischen Ghettos. Sein Sohn sollte in einer bunten Umgebung aufwachsen – und kam regelmäßig mit blauen Flecken und blutigen Zähnen nach Hause. Was hätte er als Vater tun sollen? Hätte er seinen Sohn auf eine andere, überwiegend weiße Schule schicken sollen?

Ich glaube, das Dilemma ist falsch formuliert: Die offensichtliche Kluft zwischen privaten Sicherheitsinteressen und allgemeiner Gerechtigkeit lässt uns zu Zeugen einer Situation werden, die in ihrer Gesamtheit überwunden werden muss.

Übersetzung aus dem Englischen

Dieser Text ist zuerst im Rahmen des Philosophical Salon auf unserer internationalen Seite erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf-Christian Weimer, Tobias Endler, Nils Heisterhagen.

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