Gedankenexperiment: Deutsche Gastarbeiter | The European

Ahmet, der Deutschländer

Şinasi Dikmen30.04.2014Gesellschaft & Kultur

Die Deutschen kommen in Scharen, um in der boomenden Türkei zu arbeiten. Leider haben sie ihre Manieren zu Hause vergessen.

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nild / photocase.com

Es war das siebte Jahr des Öls. Ein türkischer Wissenschaftler hatte zehn Jahre zuvor eine neue Technik des Frackings erfunden, wodurch Öl aus Schieferlagerstätten billig und umweltfreundlich gefördert werden konnte. Die Türkei wurde in der Folge zum größten Erdölförderstaat nach den USA. Gleichzeitig herrschte sechs Jahre eine schwere Rezession in der EU. Tausende Menschen flüchteten aus dem EU-Raum in die Türkei.

Hier beginnt die Geschichte von Ahmet, dem Deutschländer, der wegen des Ölwunders in sein türkisches Heimatdorf zurückkehrt und dort mit seinen Ersparnissen ein kleines Atelier für Feinmechanik gründet. Weil aber der türkische Staat nicht weiß, was er mit den ganzen Öl-Gewinnen machen soll, profitieren die Geschäftsleute in der Türkei ungemein.

Ahmet, der Deutschländer kauft mithilfe von staatlichen Subventionen moderne Feinmechanik-Maschinen aus China und erweitert seine Produktpalette. Seine Güter finden reißenden Absatz im Nahen Osten, in Afrika sowie in China. Er braucht nun neue Arbeiter, um der großen Nachfrage nachzukommen. Und die holt er sich aus Deutschland.

Sie machen die türkische Seele kaputt

Bis die modernen Baracken für die Arbeiter fertig sind, werden die Deutschen in Gastfamilien untergebracht. Jede Familie nimmt einen Deutschen zu sich. Für die großgewachsenen Deutschen gibt es aber leider keine langen Betten, keine langen Badewannen, keine hohen Decken. Darunter leiden die deutschen Gastarbeiter. Auch das Wetter macht ihnen zu schaffen. Es ist nicht urlaubsmäßig warm, nein, es ist ständig hitzig. Die Deutschen bekommen kaum Luft, und sie dürfen nicht mal kühles Bier trinken. Stattdessen gibt es nur Wasser und Ayran, diese flüssige Joghurtmischung, die den Magen faul macht.

Ahmet, der Deutschländer kennt aber seine Pappenheimer aus der alten Heimat: Die Deutschen muss man bei Laune halten. Also mietet er einen ehemaligen Schafstall, renoviert ihn gründlich und organisiert dort Stammtische.

Dann erfährt Ahmet, der Deutschländer aus den Medien, dass es überall in der Türkei Übergriffe von Deutschen gibt. In der Zeitung steht, dass die drei Millionen Deutschen die türkische Seele kaputt machen. Sie würden sich an Bahnhöfen treffen, bis früh in den Morgenstunden saufen, die Leute anpöbeln, alles vollkotzen. Die größte türkische Boulevardzeitung veröffentlicht einen Haufen Fotos von Deutschen, die grölen oder sich nackt ausziehen. Im Land braut sich eine Stimmung gegen die Einwanderer zusammen, auch in Ahmets Dorf. Also dort, wo er, der Deutschländer, Ansehen genießt, wo er zu Geld gekommen ist. All das natürlich dank seiner deutschen Mitarbeiter.

Um gegen die Stimmung anzugehen, stellt Ahmet, der Deutschländer ein Integrationsprogramm unter der Leitung eines Imams zusammen. In Deutschland hatte er mal von etwas Ähnlichem gehört, damals hatten die deutschen Kirchen die ausländischen Arbeiter in Deutschland aufgeklärt. Dem sunnitischen Imam übertrug er die Aufgabe, die Deutschen über Islam und seine Riten zu informieren und zu integrieren.

Der Vater des Imams hatte lange Zeit in Deutschland gelebt und gearbeitet und seinem Sohn die deutsche Disziplin beigebracht. Der Imam ist eifrig, er lässt die deutschen Männer (die Frauen werden von seiner Schwester unterrichtet) auf den Moscheehof kommen und übt dort mit ihnen den Umgang mit der neuen Heimat. Also wie ruhmreich die Geschichte der Türkei ist, was die Verfassung der Türkei regelt, vor allem was der Islam von den Menschen erwartet. Und hier ist er besonders strikt: Keine Dialektik oder so etwas, sondern: Allah ist groß, Allah ist mächtig, Allah verzeiht euch, wenn ihr ihm gehorsam seid.

Blick auf den Boden und arbeiten

Die Deutschen lernen auch das Ramadanfasten kennen: vor dem Sonnenaufgang aufstehen, etwas essen, noch ein bisschen schlafen, arbeiten, den ganzen Tag nichts essen und trinken. Sie müssen zwar nicht zum Islam konvertieren, aber sie sollen erfahren, wie es ankommt, wenn die Deutschen essen, während die Moslems fasten. Durch diese Maßnahme reduzierte sich die Zahl der Deutschen in Ahmets Betrieb leider Allahs um 15 Prozent.

Noch mehr Einfluss hat das Opferfest: Einige per Los ausgewählte Deutsche müssen selber zum Messer greifen und Hammel, Kälbern und Ziegenböcken den Hals durchschneiden. Sie erleben, wie Blut aus der durchgeschnittenen Halsschlagader in ihr Gesicht spritzt. Einige müssen auch ihrem Tier hinterherrennen, wenn dieses plötzlich aus den Händen gleitet und sich davonmacht. Wenn das passiert, machen sich die Kinder über die unfähigen Deutschen lustig. Noch mehr Deutsche verlassen das Dorf fluchtartig.

Aber alle, die jetzt noch übrig sind, dürfen nun am gesellschaftlichen Leben des Dorfes teilnehmen. Sie haben sich integriert: Sie halten sich an die Bräuche und Sitten. Der Blick ist auf dem Boden, niemand reckt den Hals nach den verführerischen, verhüllten jungen Türkinnen. Die Entscheidungen des Dorfvorstehers werden ohne Mucken hingenommen.

Die übrig gebliebenen Deutschen arbeiten, essen, gehen zur Bank, um Geld nach Deutschland zu überweisen. In ihrer Freizeit sehen sie sich stundenlang türkische Shows im Fernsehen an, obwohl sie wenig oder gar kein Türkisch können, sie hören türkischen Politikern beim Reden über die deutschen Arbeiter zu, die die Deutschen zurück in den Schwarzwald schicken wollen.

Ahmets Dorf ist da schon weiter. Dort verstehen beide Seiten, dass die türkische Gesellschaft nichts anderes von den Deutschen erwartet als Arbeit. Und solange die Deutschen keine Wünsche mehr äußern, klappt das Zusammenleben sicher gut. Und alles nur dank Ahmet, dem Deutschländer.

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