Umweltschutz - der Mensch zuerst! Ein bisschen Frieden für diese Erde

Simone Belko31.12.2019Europa, Medien, Politik

Gut, dass es die Klimakatastrophe und ihre Propheten gibt. So können wir uns endlich wieder um unser Seelenheil kümmern, dass so viel glorreicher ist als das reale Elend. Sonst müssten wir ja die Toten der Ressourcen-Kriege in unsere Augen und unser Herz lassen, die nach Frieden schreien.

Ich spreche von den Toten und Leidtragenden der Kriege um Öl, Edelmetalle, seltene Erden und Einflusszonen, die wir im Namen des uneingeschränkten Kapitalismus führen und die unsere Erde auf nicht nur eine Weise verseuchen. Echte Menschen, die jetzt unter 100%ig bestätigten Bedingungen jämmerlich verrecken oder in giftigem Dreck schuften und nicht das Privileg haben sich Sorgen um die Zukunft der nachfolgenden Generation machen zu können. Menschen, die durch Drohnenangriffe und Chemiegas sterben oder auf der Flucht in überfüllten Booten im Meer ertrinken. Wir müssten ihrer Verzweiflung nachspüren, ihrem Sterben Bilder und Geschichten geben und ihrem Tod einen Namen, der uns anklagen könnte. Und wir müssten uns fragen, wie das alles zusammenhängt und wie wir das stoppen können.

Die Aufmerksamkeitsökonomie verspricht Heilsproduktion am Fließband

Aber wir tun es nicht. Stattdessen stürzen wir uns in unserer Ohnmacht auf diejenigen, die die Hölle überlebt haben und nun unsere heile Wirtschaftswachstums-Welt des Westens so jäh in Frage stellen. Oder wir suchen Zuspruch in alternativen Realitäten. Es gibt nämlich diese praktische Sache mit dem schlechten Gewissen, das sich in der Aufmerksamkeitsökonomie das beste Heilsangebot aussuchen kann. Und der Mensch sucht sich nun mal lieber das aus, was sauber, hübsch und sexy ist.

Vegane Taschen statt toxischem Reality Overkill. Wilder Zauber der Jugend statt wissenschaftlich-dröger Aufklärungsarbeit. Der Glanz des Neuen statt Stimmen aus dem verstaubten Grab. Fridays for Future statt Demonstrationen gegen die weltweite technologische Aufrüstung mit autonomen Waffensystemen. Marketing-Experten haben da in der virtuellen Manipulationsmatrix, die unser Zuhause geworden ist, leichtes Spiel. Wenn jeder von uns ein bisschen mehr verzichtet, dann wird schon alles wieder gut werden, erzählen sie uns. Nur immer schön weitermachen. Vertrauenserweckende Geschichten von nachhaltigem Konsum, Corporate Responsibility und Purpose First umranken die allgegenwärtigen Werbetafeln, die immer gieriger in unsere intimsten Abgründe zielen.

Die Tragik ist ja, dass Frieden ein Auslaufmodell geworden ist im Staffellauf der Erlösungsdienstleistungen. Frieden ist außerdem nicht so gut zu inszenieren wie ein Weltuntergang durch Plastikmüll, der unseren großartigen Planeten dahinrafft. Je spektakulärer die Bedrohung, desto schneller meldet sich der innere Empörungsradar. Und je einfacher man das Retten ohne Entbehrungen in die eigene Lebensführung einbauen kann, desto attraktiver ist der Kosten-Nutzen-Faktor. Frieden bietet nichts davon. Es ist ein leises und bedächtiges Wort; unverstanden geht es unter in der virtuellen Protzkulisse des Ego-Panoptikums, das sich der Homo Deus zur Zurschaustellung seines Größenwahns gebaut hat. Und doch ist der Frieden so machtvoll, dass er diejenigen, die für den Frieden kämpfen, regelmäßig in Folter oder staatliche Verfolgung bringt.

Revoltieren um dem Rad in die Speichen zu fallen

Leichenberge auf Werbeplakaten machen sich nicht gut, deshalb wurden die Ausschwitz-Befreiungsfilme zu meiner Zeit auch direkt im Klassenzimmer gezeigt. Da gab es kein “save and view later“. Da musste man aushalten, was einem vorgesetzt wurde. Die Gegenwart besaß noch ihr natürliches Recht auf Beachtung. Und diese Gegenwart war der Zeitgeist des Gleichgewichts des Schreckens. Aber jetzt findet alles in Echtzeit statt. Abschreckung ist Angriff und umgekehrt.

Macht die Internet-Echtzeit das Leben realer? Im Gegenteil. Wir verlieren uns aus dem Blick durch verschobene Teilnahme. Wir konsumieren aufbereitete Zeit statt dem Augenblick zu huldigen. Wir jagen nach oberflächlicher Information statt uns in der Tiefe eines Gesprächs zu verlieren. Wir strafen lästige Nachrichten mit Ignoranz statt dem Gegenüber die Würde einer Reaktion zu erweisen. Uns interessiert Reichweite, nicht Relevanz. Unser digitales Ich, das Quantified Self, zerpflückt das analoge Rauschen unserer Existenz in ordentlich sortierte Rohstoffe für den Ingenieurs-Baukausten der Quantenwirtschaft. Wenn Werte und Liebe erst als Vitalenergie kapitalisiert werden, wie der selbsternannte Wirtschaftsphilosoph Anders Indset propagandatauglich vorhersagt, dann sind wir endlich den ewigen Widerspruch zwischen individuellem Streben und sittlicher Pflicht los. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Diese Frage kann dann Google für uns beantworten.

Aber die verlorenen Momente der Teilhabe haben eine Wirkung. Auf uns, auf Andere, auf die Welt. Also rede ich über den Frieden. Was kann ein Wort gegen die Übermacht der Bilder ausrichten, die uns zu passiv-voyeuristischen Surrogates trainieren? Frieden ist ein Wort, das Einhalt gebieten kann. Es ist mächtig. Es entwaffnet durch seine Klarheit. Es kann eine Zäsur markieren, weil es dem Marktgeschrei und Säbelrasseln etwas entgegensetzt, was diese nicht bieten können: uneingeschränkte Selbstachtung aus dem Wissen heraus, ungeachtet der Umstände aus eigener Würde zu bestehen. Oder um es mit Albert Camus zu sagen, die „Bekräftigung einer allen Menschen gemeinsamen Natur, die sich der Welt der Macht entzieht“. Wer sich aber in seiner Filterblase für einen utopischen Frieden der sauberen Welt von morgen vorbereitet, verpasst nicht nur den Krieg, der heute bereits geführt wird, sondern befeuert ihn mit.

Sing mit mir ein kleines Lied

Dass die Welt im Frieden lebt.

 

 

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