Der deutsche Faschismus ist zum entleerten Kampfbegriff verkommen

Simone Belko10.05.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Wissen Sie, was Faschismus ist? Ich nicht. Ich bin in Frieden, Wohlstand und einem anti-autoritären Staat aufgewachsen. Meine Kollisionen mit dem Staatsapparat beschränken sich auf nicht bezahlte Strafzettel. Trotzdem glaubt ein Teil meiner Wohlstandsgesellschaft, der Faschismus in Deutschland wäre wieder da, wenn politische Systeme sich im Zuge veränderter Lebenswelten wandeln.

Über den Unterschied zwischen Diktatur und demokratischer Streitkultur

Während ein ins Abseits gedrängter konservativer Club den Ökofaschismus zum Feindbild erklärt, reagiert eine trotzig-arrogante Linke auf den Rechtsruck der post-industriellen Epoche undifferenziert mit dem Faschismus-Reflex. Der deutsche Faschismus ist zum entleerten Kampfbegriff verkommen, der sich von der Geschichte entkoppelt. Ist das noch Pluralismus oder schon doppelter Standard? Allerorts wird vor der voranschreitenden Faschisierung gewarnt, die in enger Verbindung zu technologischen Neuerungen stehe. Es ist wohl wahr: Gleichschaltung, systematische Indoktrination, Unterwerfung unter ein allumfassendes Führerprinzip und institutionalisierter Terror passen schlecht zusammen mit dem Aushandeln allgemeingültiger Standards einer hoch entwickelten Informationsgesellschaft, die abstrakte Züge trägt. Wehret den Anfängen, hat man uns eingebläut. Also wehren wir.

Sogar dem einstigen Vorzeigeland der Demokratie, der USA – alleinig verbliebene globale Ordnungsmacht – wird ein Faschismusproblem nachgesagt: Im Gleichklang mit zündelnden Digital-Hooligans schockt Twitter-Troll Trump die Welt-Öffentlichkeit regelmäßig mit narzisstischen, spalterischen und menschenverachtenden Äußerungen, die eine gefährliche Ignoranz diplomatischer Gepflogenheiten, westlicher Grundwerte und interkultureller Kompetenzen offenbart. Faschismus-Tourist oder Überzeugungstäter? Auch im nicht mehr ganz so demokratischen Ausland gibt es Faschismus-Vorwürfe. Der türkische Präsident Erdogan, dessen 2017 per Verfassungsreferendum eingeführtes Präsidialsystem von Kritikern als Faschismus eingestuft wird, warf Deutschland im Streit um die Absage türkischer Wahlkampfauftritte Nazi-Methoden vor. Dieses politische Tourette-Syndrom einer speziellen „Männerwelt“, die „eine strukturelle Allergie gegen alles, was anders ist“ (1) hat, existiert offensichtlich auch in Polen, von wo aus 2016 Hitler-Vergleiche an Kanzlerin Merkel adressiert wurden, als Zeichen der Missbilligung ihrer Kritik an den nationalen Reformen, die in ganz Europa umstritten sind. Ist das Instrumentalisierung der Vergangenheit oder sind es einfach unvereinbare politische Traditionen? Das xenophobe Russland wiederum bezeichnete die Regierung der Ukraine als faschistisch. Jenseits aller Übertreibungen staatlich gelenkter Feind-Propaganda basiert der Vorwurf auf nachprüfbaren Tatsachen: die ukrainische Politik kollaborierte im Zuge der Maidan-Revolution und des folgenden Bürgerkrieges mit militanten ultranationalistischen und neo-nazistischen Kräften, deren Kriegsverbrechen durch die OSZE dokumentiert sind.

Aber woher kommt die aufgeregte Wahrnehmung von Faschismus in Deutschland, dessen demokratisches System doch funktioniert? Ist es der totalitär geartete Anspruch der Überwachungsgesellschaft, menschliches Verhalten für ein wie auch immer geartetes Wohl auszubeuten? Die bedrängende Nähe des globalen Dorfes, die die vormals geheime Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Anderen jetzt so offenbar werden lässt, hat uns alle zu Voyeuristen gemacht. Der Traum der dezentralen Agora des herrschaftsfreien Dialogs zerplatzt. Die Zunahme von Kontrolle in Öffentlichkeit und Privatleben, der Wandel von Liberalismus zu Bevormundung unter dem Deckmantel konkurrierender Zivilisationsnarrative, die Unterminierung journalistischer und wissenschaftlicher Wahrheit und schließlich unsere freiwillige Unterwerfung unter die Technologie-getriebene Performance des Internet-Spektakels, die uns zu immer mehr Auslieferung von Zeit, Geld und Persönlichkeit verführt… All dies sind Tendenzen, die besser zu einer gelenkten Demokratie passen. Homo Deus, der seine Vormachtstellung auf Geofencing, Neuromarketing und Bio-Engineering baut und den Tod für ein technisches Problem hält (2), nährt seine Fiktion mit der Realitätsferne und Leichtgläubigkeit seiner Jünger. Die Emanzipation der Massen steht dabei nur hinderlich im Weg. Aber hat er damit Erfolg?

Rasse mit Klasse oder Widerstand ist zwecklos

Wie beginnt Faschismus und wo entsteht er? Vor mehr als hundert Jahren als Gegenbewegung gegen die Macht von Kapital und Bürgertum ersonnen, haben seine Verfechter im Laufe des 20. Jahrhunderts sowohl marxistische als auch konservative Positionen eingenommen. Gemeinsam war allen, das sie mit den vorherrschenden Umständen nicht einverstanden waren. Sie wollten sie radikal und mit militaristischer Gewalt ändern. In der Weimarer Republik waren regelmäßige Straßenschlachten und öffentlich inszenierte Morde von beiden Seiten des politischen Spektrums Alltag. Dieses Klima gepaart mit den enormen politischen Herausforderungen und harten sozialen Einschnitten der Nachkriegszeit ebnete den Weg für die antidemokratische Hass-Ideologie der Nationalsozialisten: „die systematische Impfung eines ganzen Volkes – des deutschen – mit einem Bazillus, der bewirkt, dass die von ihm befallenen wölfisch handeln; oder, anders ausgedrückt, die Entfesselung und Hochzüchtung jener sadistischen Instinkte, deren Niederhaltung und Abtötung das Werk eines vieltausendjährigen Zivilisationsprozesses war.“ (3)

Der Faschismus trug eine einfache und gefährliche Logik: wer zu uns gehört, der kann nicht gegen uns sein. Die Massen folgten der allmählichen Umformung in eine nationale Kampfmaschine wenn nicht willig, so doch ohne Aufbäumen eines wie auch immer gearteten Stolzes – Sebastian Haffner nennt es „Rasse“. Die Rasse, von der Haffner spricht, ist nicht die häßliche Nazi-Fratze des eigentlich schwächlichen Unterdrückers, der besoffen vom Zeitgeist dem Propaganda-Ruf nach Gewalt, Dominanz und Ego folgt. Es ist der genetische Code eines Wesens von „adliger Härte“, oder anders gesagt, mit „hartem Geist und weichem Herz“, wie es sich der Nazi-Widerstand der Weißen Rose zum Motto gemacht hatte. Dieses Wesen weiß sich spirituell vereint mit dem ganzen menschlichen Geschlecht. Es steht unbeirrt von äußeren Umständen, gestärkt durch das Wissen um seine eigene Würde und die Absolutheit der eigenen Vergänglichkeit für seine Gesinnung ein.

Gibt es einen neuen Faschismus? Der Kapitalismus erfreut sich bester Gesundheit. Gleichzeitig steigt in der Bevölkerung die Angst, unter dem Druck der Märkte zu zerbrechen. Burn Out ist die neue Volkskrankheit. Die Zeit ist voll von Dystopien, die überall Verschwörungen wittern und gleichzeitig die passenden Enthaltsamkeitstechniken mitliefern. Maßgeschneidertes Heil in behaglicher Verpackung: digital detox, clean eating, Homöopathie statt Globalisierung, Spießertum statt Überfremdung. Timothy Snyder beschreibt einen Faschismus des Internets (4) , der mit seiner emotionalen Vermischung von Fakt und Fiktion ein aufwieglerisches Narrativ einer Gemeinschaft schafft, die sich aus den Zwängen und Geheimnissen totalitärer Eliten befreien muss. Geschichte ist wieder Schauplatz von teleologischem Kampf und Endziel, der die Welt in eindeutige Muster und naturgewollte Abläufe strukturiert. Das Endziel ist die Verwirklichung des Kampfes der Kulturen, der die demokratische Streitkultur zugunsten der aufregend-erotisierenden Auflösung in einer homogenen Einheitsbrühe abschafft, die sich endlich keine Sorgen mehr um die Zukunft machen muss.

Die Stammesmagie der Cyberwars

Der Faschismus 2.0 und seine Nutznießer profitieren sowohl von der Polarisierung der Gesellschaft als auch von den psychologischen Manipulationsmechanismen der digitalen Wundermatrix, die uns nach Konsum, Entertainment, Komfort und flüchtigen Euphorie-Momenten süchtig macht. Imaginierte Festungen, ausländische Agenten, innere Feinde und schutzbedürftige Opfer schaffen ein Drehbuch für die Zukunft, in dem sich selbsternannte Helden zu fürsorglichen Rettern der Nationalseele aufspielen können. Statt die Bürgergesellschaft zu mobilisieren und pluralistisch „pros hen“ zu vereinen (5) , werden Interessengruppen gegeneinander aufgehetzt und desorganisiert. Es ist wie im Anfangssatz von Tolstojs berühmten Roman „Anna Karenina“: „Vse sčastlivye semʹi pohoži drug na druga, každaja nesčastlivaja semʹja nesčastliva po-svoemu.“ Der Mensch wird ins Unglück gestürzt und findet nicht mehr zu einem integren Glück zurück, das er mit den Anderen teilen kann. „Hijacking of the mind“ und „downgrading humans“ nennt Tristan Harris, der Mitbegründer der „Time well Spent“-Bewegung, diese Form von technologischer Verwirrung: die Tech-Unternehmen ziehen ihren Profit daraus, das ihre Algorithmen systematisch unsere Schwächen ausnutzen (6).

War der historische Faschismus eine Pseudo-Religion, die den Volkskörper in eine starre Form gießen wollte, ist der personalisierte Soft-Faschismus des Internets eher eine invasive Gedankenpolizei, die mittels Mind-Tracking das Individuum an seinen durch Algorithmen errechneten Platz fesselt. Sicherheit, Freiheit und Gerechtigkeit wird dadurch genauso wenig geschaffen wie durch seinen missglückten Vorgänger. Im Gegenteil: das potentiell fruchtbare Zusammenwirken widersprüchlicher Elemente zur unablässigen Überprüfung der Leitkultur wird ignoriert. Stattdessen wird die Befreiung von der „Last der Anforderungen der Zivilisation“ ersehnt, wie Popper es nennt. Aber dieses Sehnen ist zum Scheitern verurteilt, denn der Ausgang aus der Stammesmagie in die offene Gesellschaft, die die abendländische Gesellschaft seit den Griechen bestimmt, ist unumkehrbar. Leider ist Pluralismus unbequem, weil man mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert wird. Aber auch wenn die Verlockung nach totalitären Systemen in Krisenzeiten groß ist, ist „das Anhalten der politischen Veränderung (…) kein Heilmittel; es kann kein Glück bringen. Wir können niemals zur angeblichen Unschuld und Schönheit der geschlossenen Gesellschaft zurückkehren. Unser Traum vom Himmel lässt sich auf Erden nicht verwirklichen.“ (7)

Wie also Faschismus verhindern? In Deutschland begann der entscheidende Schritt in den Faschismus des 20. Jahrhunderts mit dem Versagen der politischen Eliten, die die Augen vor der Wahrheit verschlossen. Spätestens 1932 kamen mit der Veröffentlichung der sogenannten „Boxheimer Dokumente“ die Terror-Pläne der Machtergreifung der Nationalsozialisten – sorgfältig aufgeschrieben – ans Licht: von Ablieferung aller Schusswaffen und sofortiger verfahrensloser Erschießung bei Antreffen mit Schusswaffe nach einer Frist von 24 Stunden ist ebenso die Rede wie von Todesstrafe bei Widerstand und Sabotage. Trotz weitreichender Proteste sozialdemokratischer und liberaler Presse zog der damalige Kanzler der Weimarer Republik Heinrich Brüning es vor, keine Verfolgung der NSDAP wegen Hochverrats anzustreben, weil er sich den potentiellen Regierungspartner nicht verprellen wollte. Zur gleichen Zeit wurden Redakteure und Schriftsteller wegen Verrats militärischer Geheimnisse ins Gefängnis geworfen (8).

Was lernen wir aus der Vergangenheit? Sie kann uns etwas über Zeitabstände von Entwicklungen, Beweggründe menschlicher Entscheidungen und psychologische Strukturen von Kollektiven vorhersagen, aber sie liefert keine Blaupause für die Gegenwart. Die richtigen Entscheidungen müssen wir selbst treffen. Die Zukunft ist immer jetzt. Geschichte wiederholt sich nur dann, wenn wir sie nicht ändern. In Deutschland, dem einst ideologisch geteilten Land, wird sich prototypisch zeigen, ob zwei Systeme wie Kapitalismus und Sozialismus zusammenwachsen können. Wenn die Sonderfall-Nation beweist, dass sie liberale Tradition und Verteilungsgerechtigkeit vereinen kann und der Übermenschen endgültig überdrüssig ist, dann kann „Deutschland über Allen“ vielleicht mal wieder eine moralisch positive Instanz werden.

1. Bernath, Markus: „Türkischer Politologe: “Die Mehrheit verlangt nach dem Faschismus“ Interview. “Der Standard. 07.06.2017”:https://derstandard.at/2000058809609/Tuerkischer-Politologe-Die-Mehrheit-verlangt-nach-dem-Faschismus (abgerufen am 23.04.2019.

2. Harari, Yuval Noah: Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. London 2015

3. Haffner, Sebastian: Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 – 1933. Stuttgart/ München 2000.

4. Snyder, Timothy: „Fascism is back. Blame the Internet.“ “Washington Post. 21.05.2018”:https://www.washingtonpost.com/news/posteverything/wp/2018/05/21/fascism-is-back-blame-the-internet/?utm_term=.65c82884b53c (abgerufen am 23.04.2019.

5. Belko, Simone: „Technik zum Wohle der Menschheit“ “LinkedIn. 04.04.2016”:https://www.linkedin.com/pulse/digitale-ethik-technik-zum-wohle-der-menschheit-simone-belko/ (abgerufen am 23.04.2019.

6. Thompson, Nicholas: „Tristan Harris: Tech is ‚Downgrading Humans.‘ It’s Time to Fight Back“ Wired. “23.04.2019”:https://www.wired.com/story/tristan-harris-tech-is-downgrading-humans-time-to-fight-back/ (abgerufen am 25.04.2019.

7. Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. I. Der Zauber Platons. 4. Auflage. München 1975. Erstausgabe: Bern 1957

8. Winkler, Heinrich August: Weimar 1918 – 1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München 2018. Erstauflage: 1993.

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