Das Narrativ Putin und seine Freunde

von Simone Belko17.12.2018Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Der politische Winter zwischen Ost und West droht zu einer neuen Heißzeit zu werden. Die instabile Situation in der Ukraine spitzt sich angesichts bevorstehender Wahlen zu. Deutschland, in dem Kapitalismus und Kommunismus zusammenwächst, konzentriert sich in den Medien auf altbewährte Narrative der Spaltung.

Es war einmal ein schönes, reiches Land. Überall sah man blühende Landschaften. Jeder hatte die gleichen Chancen. Die Wirtschaft wuchs unaufhörlich und bescherte dem Staat sprudelnde Einnahmen im Überfluss. Alle Hochqualifizierten bekamen einen Arbeitsplatz mit optimaler Work-Life-Balance. Diejenigen, die vom Schicksal benachteiligt waren, erhielten eine milde Gabe, um gut davon zu leben. Es gab keinen Neid und kein Misstrauen. Niemand musste Hunger leiden. Alle waren glücklich.

Im Nachbarland aber herrschte Krieg. Jeder kämpfte eitel und egoistisch nur für sein eigenes Wohl. Die Reichen machten sich über die Armen lustig oder belegten sie mit staatlichen Strafmaßnahmen, während sie ihr Geld zur Vermehrung in Cum Ex-Geschäfte steckten. Diejenigen aber, die die Wirtschaft am Leben hielten, wurden bestraft. Sie quälten sich in unterbezahlten Jobs und lebten mit ihren Kindern in gesetzlosen Stadtvororten in kleinen Bereitschaftszellen ausländischer Investoren.

In welchem Land wohnen Sie?

Heinrich Heine schrieb sein 1844 bei Hoffmann und Campe in Hamburg veröffentlichtes Deutschland. Ein Wintermärchen unter dem Druck der Zensur. Allzu scharfe, geistreiche Kritik an den bestehenden Verhältnissen war nicht erwünscht in den konservativen Zeiten der Restauration. Das Schreckgespenst der französischen Revolution, das mit seinem Terreur den ganzen Kontinent erschüttert hatte, war gerade erst verjagt. Man wollte Ruhe. Metaheuristische Bestandsaufnahme unerwünscht.

Die Reife einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit ihren Kritikern umgeht. Wie gehen wir heute mit unseren Kritikern um? Ganz gut im Vergleich zu autoritären Staaten wie Russland, wo sich die bürokratische Klaue immer eiserner um die Freiheit der Bürger schließt. Aber wie sieht es aus mit Kritikern am westlichen Narrativ, die die ungebremste Kolonisierung der Welt unter der heiligen (amerikanischen) Dreifaltigkeit von Präventivschlag-Doktrin, Wirtschaftswachstum und Social Engineering anprangern? Da sind wir weniger genau und gar nicht zimperlich. Auf immer abenteuerlichere Art und Weise werden die Argumente der Kritiker auf die Verbreitung russischer Propaganda reduziert. Die Denunziation von ehemaligen staatlichen Würdenträgern als Staatsfeind im verbündeten, säbelrasselnden Ausland wird schulterzuckend hingenommen. Die Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert. Der Mensch konstruiert sich seine Umwelt so, wie es für ihn am bequemsten ist.

Ein mächtiges, homogenes Medienkollektiv schafft es im neoliberalistischen Imperium geschickt, den Diskurs über Russland auf hohem Niveau emotional und moralisch aufzuladen. Gegenargumente werden von vorne herein als verdächtig eingestuft. Russland ist der neue alte Feind. Nur die Narrative haben sich geändert. Putin ist die ultimative Metonymie für alles, was an Rückständigem und Barbarischem in unserer so fortschrittlich-vernetzten Aufmerksamkeitsökonomie passiert. Sachliche Verständigung hat in der blitzenden und blinkenden Internet-Matrix keine Konjunktur mehr. Vorhang auf! Die Verschwörung von gestern wird durch eine neue Inszenierung abgelöst. Die Wahrheit ist eine Hure: sie wird bezahlt, konsumiert und weggeworfen, bevor sich schon die nächste an die Straßenecke stellt.

Nur das Narrativ Putin hat Bestand. Dabei ist es viel mehr als die Bestätigung des inneren Zusammenhalts des Westens durch ein äußeres Feindbild. Es ist die allgemeine Konstitution des digitalen Menschen in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts in seiner bedrohlichsten Form. Putin ist der digitale Frankenstein. Ähnlich einer riesigen Krake hat er seine Arme überall und nirgends. Er ist ein anonymes Kollektiv, potent und agil, das in gut ausgeleuchteten Hinterzimmern die unterdrückerische Herrschaft über die Welt plant. Seine Macht ist unermesslich: Er vernichtet unter dem Auge der Öffentlichkeit Gegner in allen Winkeln der Erde, manipuliert die Realität, gewinnt Wahlen durch Cyberhypnose, hackt sensible Informationssysteme und demokratische Institutionen und beeinflusst seine Agenten durch die psychologische Wirkmacht fremdgesteuerter Narrative.

Aber ist dieser Frankenstein wirklich ein Monster? Oder ist er vielmehr die Dystopie unserer eigenen Zukunft? Jenseits von Geheimdienstabenteuern werden Menschen tagtäglich im Internet aufs Hässlichste beleidigt, gemobbt und gestalked. Wenn diejenigen, die das intellektuelle Rüstzeug dazu haben, auch öfter den Schneid hätten gegen Aufwiegler anzusprechen, würde es oft gar nicht so weit kommen. Toleranz und Anstand müssen offenbar mit jedem neuen Kommunikationsmedium immer wieder neu eingeübt werden. Wegsehen ist besonders einfach, wenn einem niemand dabei zusieht. Wer soll unsere Schatten auf der Wand sehen, wenn wir uns nicht umdrehen dürfen? Die Dämone aus längst vergangenen Zeiten sind einfach nicht totzukriegen.

“Franzosen und Russen gehört das Land,
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

Hier üben wir die Hegemonie,
Hier sind wir unzerstückelt;
Die andern Völker haben sich
Auf platter Erde entwickelt.“

(Henrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen)

Ich warte also ab und trinke derweil auf den Weltfrieden.

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