Calderón hat nie die Verantwortung übernommen. Sergio Aguayo

Digitale Mündigkeit in Zeiten totaler Manipulation

Die Welt ist zum Schauplatz manipulierender Geheimdienste geworden, wiedie aktuelle Twitter-Veröffentlichung von Millionen russischerTroll-Tweets zeigt. Die westliche Laisser Faire-Gesellschaft wird von
aufkommenden Schwellenstaaten unterwandert, die ihre nationalen Interessen geschickt in der Mitte des Diskurses platzieren. Werden wir von einer autoritären Welle überrollt?

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Die Angst vor den negativen Folgen des Internetkonsums ist in Deutschland weit verbreitet, dies zeigen der große Erfolg von populärwissenschaftlichen Büchern wie z. B. „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer, die digitale Medien als Suchtmittel beschreiben, die ausschließlich schädlich für die Gesundheit und die sozialen Fähigkeiten des Individuums seien. (1) Das es aber keine Lösung sein kann, sich biedermeierlich aus der digitalen Welt einfach rauszuhalten, zeigt die gegenwärtige Situation in Deutschland: Rückstand in Wirtschaft, Bildung und kaum zukunftsfähige politische Konzepte, was die Digitalisierung betrifft. Wie entkommt man diesem Dilemma?

Seit Kant wissen wir, dass Mündigkeit die Fähigkeit ist, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Den Verstand benötigen wir, um unser gemeinsames Handeln in der Welt zu organisieren, zu reflektieren und anzupassen. Mündigkeit ist bei dieser Verstandesarbeit die Verantwortung zur größtmöglichen Freiheit des Einzelnen, ohne jemand Anderem Schaden zuzufügen, im Bewusstsein der höchsten Gefahr.
Die westlichen Gesellschaften befinden sich in eine tiefen Umbruchsphase. Die Globalisierung der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts lässt die Welt näher zusammenrücken. Wohin entwickelt sich das global village – wird die Vision friedlicher, von Vielfalt geprägter, transnationalen Kooperation die Zukunft bestimmen oder erwartet uns eine Dystopie totalitaristischen Terrors der kollektiven Transparenz?
Die einstmals bipolare Welt entwickelt sich zu einer multipolaren Welt. Liberal- individualistische Gesellschaftsmodelle geraten zunehmend in Konflikt mit traditionellen Gemeinschaftsstrukturen, der langsame wirtschaftliche Aufstieg der ehemals sogenannten Dritte Welt wird zu einer Konkurrenz für den Wohlstand der ersten Welt und der rasante Fortschritt in Technologie bringt unser psychologisches und kulturelles Verständnis der Welt ins Wanken. Die umfassende Digitalisierung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen geht einher mit der Einflussabnahme der traditionellen Parteienpolitik, Machtverschiebungen zwischen Nationen und supranationalen Organisationen, Zunahme der gesellschaftlichen Schere zwischen Arm und Reich und dem Aufstieg neuer populistischer Bewegungen. Autokratische Regierungen und radikale Tendenzen fordern die Demokratie heraus.

Die Digitalisierung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Digitalisierung bestimmt mittlerweile einen großen Teil unseres Lebens: unser Handy weckt uns morgens, sagt uns in der WetterApp, was wir anziehen sollen, organisiert und verwaltet unsere Kontakte und die virtuelle Kommunikation. Wir chatten, arbeiten, planen, shoppen, spielen, lesen und konsumieren über digitale Endgeräte. Wir orientieren uns mit Navigatoren und virtuellen Maps in der Welt. Wir finden und halten privaten und geschäftlichen Kontakt über Dating Portale und Job Portale, wir erledigen unsere Bürgerpflichten über Internetsoftware. Roboter und intelligente Software helfen Unternehmen bei Logistik, Verwaltung, Vertrieb und Marketing. Smarte, in der Umgebung installierte Geräte nehmen uns immer mehr Alltagsaufgaben ab. Kameras regeln die Überwachung der öffentlichen Sicherheit und mobile devices checken die private Gesundheit.

Aber die Digitalisierung hat nicht nur unser Sein, sondern auch unser Bewusstsein verändert. Die Entgrenzung von Raum, Zeit, Ländern, Sprachen, Kulturen und gesellschaftlichen Schichten eröffnet ungeahnte Möglichkeiten der Kommunikation. Die einstmalige Grenze zwischen privater und öffentlicher Spähre kollabiert – wir reisen, spielen und leben in virtuellen Realitäten, überwinden mit Avataren Grenzen, sind Superstars.
Blogs, Informationsportale, Foren und soziale Netzwerke bieten große Potentiale und große Risiken. Die schnelle und unkomplizierte Kommunikation über Raum, Zeit, Länder, Sprachen und gesellschaftliche Schichten hinweg schafft riesige Handlungsfelder für das private und gesellschaftliche Leben, aber sie verändern die Kommunikation auf eine spezielle Art und Weise, die sie transparent und eindimensional werden lässt. Es gibt einen Preis, denn wir für die Vernetzung des Informationszeitalters zahlen. Dauerhafte Reizüberflutung, ständige Erreichbarkeit, der Druck der Transparenz und die manipulative Macht der Technik lassen uns nicht zur Ruhe kommen: Depression, Burnout, Social Engineering und Cybermobbing sind die Schattenseiten des Internets.

Das Internet bietet aber auch enorme Möglichkeiten zu einer gerechteren Welt, die durch innovative Geschäftsmodelle, vernetzte Wissenschaft und eine transnationale Politik die Versorgung mit Wasser und Nahrung, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Technologie und Wohlstand für eine wachsende Anzahl von Menschen möglich machen kann. Dies ist nicht von heute auf morgen möglich, sondern ein langer Prozess von Jahrzehnten, aber es hängt entscheidend davon ab, ob wir jetzt die richtigen Weichen dafür stellen.

Digitale Mündigkeit ist ein weit gefasster Begriff, der viele verschiedene Aspekte beinhaltet und für den es im deutschen Sprachraum keine eindeutige Definition gibt. Er schließt Konzepte von Souveränität, Selbstbestimmtheit, Kompetenz, Offenheit, der vielfältigen Nutzung digitaler Angebote und der Fähigkeiten zur IKT-Nutzung ein – im englischsprachigen Raum wird er oft mit digital literacy benannt, das ein Teilgebiet die Medienkompetenz ist.

Die Studie „Digitale Mündigkeit. Eine Analyse der Fähigkeiten der Bürger in Deutschland zum konstruktiven und souveränen Umgang mit digitalen Räumen“ des Nationalen E- Government Kompetenzzentrum e. V. unterscheidet dabei zwischen social literacy, information literacy, privacy literacy, technical literacy und civic litercy:

„Besonders ausgeprägt ist damit unter den in Deutschland aktiven Internetnutzern die Social Literacy, gefolgt von der Information Literacy, der Privacy Literacy sowie der Technical Literacy. Besonders schwach ausgeprägt ist die Civic Literacy mit einem Mittelwert von 1,83.“ (S. 24) (2)

Das diese Grundkompetenzen nicht ausreichen, um eine produktive gesellschaftliche Kommunikation zu schaffen, zeigt die derzeitige Situation, in der Teilöffentlichkeiten entstanden sind, die sich immer stärker voneinander entfernen. Man muss die Menschen befähigen, mit dem Internet achtsam und wachsam umzugehen. Nicht der Rückzug ins Private kann der Weg sein, sondern ein mutiger Sprung in die digitale Gegenwart, um die Zukunft aktiv und gemeinsam zu gestalten.

Digitale Mündigkeit sollte daher einschließen, proaktiv die Systeme zu nutzen, um seiner Stimme Gehör zu verschaffen und somit an der demokratischen Veränderung der Systeme mitzuwirken. Dazu gehören das Bewusstsein dafür, dass man sich in einem durch Technik manipulierten System bewegt, dass von vielen verschiedenen Interessen – wirtschaftlich, politisch, persönlich – geleitet wird, die nicht immer klar erkennbar sind und die sich durch unterschiedliche Informationsebenen auszeichnen. Ein gesundes Misstrauen und bedachtes Verhalten ist notwendig, was ich resilience literacy nennen möchte.

Ein weiterer Aspekt ist das Verständnis dafür, dass man sich als Individuum innerhalb eines Universums kulturhistorischer Bedingungen bewegt, das durch gegenseitige, oft widersprüchliche und somit zu Missverständnis neigenden Einflüsse und eine Vielzahl an komplexen Verbindungen geprägt ist, die man als culture literacy bezeichnen könnte. Dazu gehören ganz konkret Übersetzungsproblematiken, unterschiedliche Zugänge zu und Umgehensweisen mit der Technologie sowie divergierende geschichtliche, geographische und soziale Hintergründe.

Unsere Umwelt ist seit jeher aus Systemen konstruiert, die unvollständig sind und fehlerhaft funktionieren. Dies ist ein notwendiges Übel, weil die Menschen weder ausschließlich rational noch allwissend sind. Systeme kommen und gehen – die beständige Veränderung der Umwelt erfordert eine beständige Revolution der Systeme. Damit dabei nicht die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt, ergibt sich hieraus die Pflicht, unser Handeln nicht an den Systemen, sondern an einem moralischen Kompass auszurichten.

Um hierbei die Mündigkeit des Einzelnen zu stärken, sich innerhalb des Systems nicht zu verlieren, muss man Vertrauen durch Wissen schaffen. Dazu gehört neben technischer Kompetenz und dem grundlegenden Verständnis des Biotops Internet auch ein Verständnis der Bedingungen der Entstehung und der Auswirkungen der Digitalisierung auf gesellschaftlicher Ebene – die Diskussion hierzu steht erst am Anfang.

1 M. Spitzer: Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Knaur Verlag, München 2014

2 Nationales E-Government Kompetenzzentrum e. V.: Digitale Mündigkeit. Eine Analyse der Fähigkeiten der Bürger in Deutschland zum konstruktiven und souveränen Umgang mit digitalen Räumen. Abschlussbericht. März 2018 uploads/2018/06/NEGZ-ISPRAT-Studie-Dig-Münd-Abschlussbericht.pdf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank-Walter Steinmeier, Vera Lengsfeld, Norbert Lammert.

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