Schaut hin!

von Sigrid Ofner27.07.2010Gesellschaft & Kultur

Neue Medikamente können das Leben mit dem HI-Virus wieder annähernd in den Normalzustand versetzen. Dennoch: Während im südlichen Afrika Erfolge zu verzeichnen sind, steuert Osteuropa auf eine Katastrophe zu. Die verantwortlichen Politiker müssen endlich aktiv werden, damit eine weitere Ausbreitung der Pandemie verhindert werden kann.

Seit einem Jahrzehnt ist klar, eine effektive Bekämpfung von HIV/Aids ist nur möglich, wenn das Thema nicht totgeschwiegen wird. “Break the silence” lautete daher im Jahr 2000 das Motto der 13. Internationalen Aids-Konferenz in Durban, Südafrika. Es hat lange gedauert, bis man am Kap der Guten Hoffnung den Ernst der Lage erkannte. Der späte Einsatz der PolitikerInnen zeigt aber nun erste Erfolge. Bei südafrikanischen Kindern zwischen zwei und 14 Jahren ist die HIV-Infektionsrate seit 2002 von 5,6 Prozent auf 2,5 Prozent gesunken, und auch bei den Älteren ist eine positive Tendenz zu erkennen.

Horrender Anstieg der HIV-Infektionsraten in Osteuropa

Das Motto “Rights here, right now” für die 18. Internationale Aids-Konferenz in Wien wurde ausgewählt, um auf die Unerlässlichkeit der Einhaltung der Menschenrechte im Kampf gegen HIV/Aids hinzuweisen. Leider keine Selbstverständlichkeit. Bisher sind weltweit ca. 25 Millionen Menschen an Aids gestorben. 33 Millionen leben mit dem Virus. Zwei Drittel der Menschen, die Medikamente bräuchten, haben nach wie vor keinen Zugang zu wirksamer Therapie. Um die Pandemie zu stoppen, muss aber nicht nur der globale Zugang zu Medikamenten gewährleistet werden, auch bei der Prävention muss verstärkt angesetzt werden. Doch weltweit haben mehr als drei Viertel aller Menschen mit hohem Risiko, sich mit HIV zu infizieren, keinen Zugang zu Präventionsmaßnahmen! Sie wissen nichts über die tödliche Immunschwächekrankheit, haben keine Ahnung, wie sie sich vor einer Ansteckung mit HIV schützen können. Und wenn doch, werden ihnen die Möglichkeiten dafür vorenthalten. Am dramatischsten steigt die Zahl der HIV-Positiven und Aidskranken in jenen Ländern, die die Menschenrechte missachten. Frauen, die unterdrückt werden, haben keine Chance, Kondome einzufordern. Wo Homosexualität und intravenöser Drogengebrauch kriminalisiert werden, ist keine Prävention für Menschen möglich, die zu jenen mit dem höchsten Risiko gehören.

Diese Strategie ist menschenverachtend

Osteuropa ist die Region, in der sich das HI-Virus seit Jahren am schnellsten ausbreitet. Rund 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die auf den Straßen leben, sind laut UNICEF mit HIV infiziert. In Teilen Russlands ist die Zahl der HIV-Infizierten seit 2006 um 700 Prozent angestiegen! Die meisten Betroffenen sind intravenöse DrogengebraucherInnen, von denen es in der Region ca. 3,7 Millionen gibt. Nur wenige von ihnen haben Zugang zu Spritzentauschprogrammen oder Substitutionstherapie. Maßnahmen, die in anderen Teilen Europas seit Jahren etabliert sind und deren Wirksamkeit erwiesen ist. Warum schauen die PolitikerInnen Osteuropas nach wie vor weg? Hoffen sie, dadurch mehrere Probleme auf einmal lösen zu können – jenes der riesigen Zahl an DrogengebraucherInnen und jenes von Aids? Diese Strategie ist nicht nur menschenverachtend, sie geht auch nicht auf. HIV bleibt nicht bei jenen, die Drogen injizieren, es breitet sich nicht nur über Spritzen aus, sondern auch über sexuelle Kontakte und ist längst in der Gesamtbevölkerung angekommen. Viele AktivistInnen aus Osteuropa kamen zur Konferenz nach Wien. Die PolitikerInnen der Region sind fern geblieben. Hoffen wir, dass sie die Forderung der Vienna Declaration (www.viennadeclaration.com) nach Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei der Bekämpfung illegaler Drogen trotzdem erreicht und sie endlich die schon lange erforderlichen Schritte tun!

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