Wie die USA mit dem Krieg umgehen | The European

Wie die USA mit dem Krieg umgehen

Sigmund Gottlieb5.03.2022Medien, Politik

“Beim Krieg in der Ukraine geht es nicht nur um die Ukraine.” Das sagt Jackson Janes im European-Gespräch mt Herausgeber Sigmund Gottlieb. Janes ist emeritierter Präsident des “American Institute for Contemporary German Studies” (AICGS) an der Johns Hopkins Universität in Washington, DC.

US-Präsident Joe Biden, Quelle: Shutterstock

Wie geht Joe Biden mit diesem Krieg um?

Biden hat sich darauf konzentriert, eine möglichst starke und einheitliche Reaktion auf die Invasion in der Ukraine zu mobilisieren. Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland sind global, und die Unterstützung für die Verteidigung der Ukraine konzentriert sich auf die NATO- und EU-Partner. Er hat angeordnet, dass mehr Verteidigungskräfte in die NATO-Mitgliedstaaten entsandt werden. Er hat jedoch deutlich gemacht, dass sich die US-Truppen nicht direkt mit den russischen Truppen in der Ukraine anlegen werden. Für diese Schritte hat er bisher auch die Unterstützung beider Parteien in Washington erhalten. Allerdings ist er sich darüber im Klaren, dass die Ukraine, falls oder wenn sie von Russland überwunden wird, unter seiner Aufsicht als ein weiteres Afghanistan erscheinen wird.

Wie sehr ist man im Pentagon über die atomaren Drohungen Putins beunruhigt?

Sie nehmen es ernst, reagieren aber bisher nicht mit Gegenmaßnahmen, um eine Eskalation der Spannungen zu vermeiden.

Wie zynisch ist es, dass ausgerechnet Putins Krieg Europa und Amerika einander wieder näher gebracht hat?

Beim Krieg in der Ukraine geht es nicht nur um die Ukraine. Es geht um eine Bedrohung für Europa und die Vereinigten Staaten sowie um eine Bedrohung für alle Demokratien und die internationale Ordnung der Rechtsstaatlichkeit. Diese Standards wurden von den USA und Europa immer geteilt. Die russische Aggression hat uns daran erinnert, dass wir sie verteidigen müssen.

Putins Angriff folgt einem Drehbuch. Dies muss doch auch in Washington und in Europa bekannt gewesen sein!

Die Weisheit der Rückschau ist nicht immer nützlich. Unsere Reaktion auf die illegale Besetzung der Krim und davor die Invasion in Georgien hat Putin die Möglichkeit gegeben, unsere Schwachstellen in der Ukraine auszuloten. In der Rede von Bundeskanzler Scholz wurde das zugegeben. Putin wie einen rationalen Akteur zu behandeln, für den wir uns alle halten, hat sich als falsche Annahme erwiesen.

Obama hat Russland einmal eine Regionalmacht genannt. Dies hat der russische Präsident nicht vergessen…

Diese Bemerkung würde nur zu den Missständen beitragen, die schon lange in Putins Kopf eingepflanzt sind. Er pflegt sie seit dem Ende der Sowjetunion. Auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2007 hat er sie lautstark geäußert. Obama wiederholte, was andere über Russland als “Tankstelle mit Atomwaffen” gesagt haben.

Deutschland zahlt endlich mehr für die Verteidigung im westlichen Bündnis. Haben Sie mit einem so radikalen Umdenken gerechnet – in einer Regierung unter Beteiligung der Sozialdemokraten und der Grünen?

Nein. Weder der Koalitionsvertrag noch die Geschichte der beiden prominenten Parteien hätten einen solchen Wandel innerhalb von zwei Monaten nach der Machtübernahme nahegelegt. Aber die Kombination aus dem Drama, das sich unmittelbar in der Ukraine abspielt, der Tapferkeit der Ukrainer und der seit langem bestehenden Notwendigkeit, die Politik Deutschlands zu überdenken, um das zu verteidigen, wofür es angeblich steht – und dazu gehörte auch die Solidarität und Verteidigung, die Deutschland gezeigt hat, als es an der Front des Kalten Krieges stand – war eine unvermeidliche Kombination von Erwartungen und Verantwortlichkeiten, mit denen Berlin jetzt konfrontiert ist. Die wichtige Annahme ist, dass dies ein langfristiges Engagement für eine langfristige Herausforderung erfordern wird. Es gibt keinen Weg zurück.

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