Unterschätzen wir diesen Kanzler nicht! | The European

Diese mediale Häme hat Olaf Scholz nicht verdient

Sigmund Gottlieb11.02.2022Medien, Politik

Journalismus sollte stets bemüht sein, das ganze Bild zu zeichnen. Dieses Prinzip wird zur Zeit von einer wachsenden Zahl unserer Medien mit Blick auf Olaf Scholz massiv verletzt. Daher ist es Zeit für Richtigstellungen. Der Zwischenruf von Sigmund Gottlieb.

Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Olaf Scholz im Plenarsaal im Deutschen Bundesrat im Bundesratsgebaeude im Rahmen der 1016.Sitzung im Bundesrat in Berlin, Foto: picture alliance / Flashpic | Jens Krick

1. Was wir in den vergangenen Wochen seit Regierungsantritt an journalistischen Bewertungen von Olaf Scholz erleben, ist – von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – kritikwütige Maßlosigkeit, wie sie nach meiner Erinnerung nur noch Helmut Kohl zuteil wurde.

2. Es ist daher an der Zeit, dieses Bild einer ernsthaften Korrektur zu unterziehen. Der Kanzler ist kein Basta-Mann wie Gerhard Schroeder, er ist ein Mann der Unauffälligkeit und der leisen Töne. Vergessen wir nicht, diese Eigenschaften waren es im Wesentlichen, die ihn ins Kanzleramt getragen haben – neben der Schwäche seines Herausforderers. Dass er dabei gerne mit Angela Merkel verglichen wird, ist nicht die schlechteste Referenz.

3. Vergessen wir nicht seinen Lebenslauf! Angesehener Oberbürgermeister in Hamburg. Minister-Verantwortung, Vizekanzler unter Merkel. Kanzlerkandidat. Weniger die Beliebtheit, umso mehr das Vertrauen bei den Menschen wuchs auf niedrigem Niveau. Im Wahlkampf war Scholz zu klug, um Fehler zu machen. Auch dieses Gespür wurde ihm – wie könnte es anders sein – von den Medien zum Vorwurf gemacht: “Im Schlafwagen zur Macht”, “Mikado-Kandidat” (wer sich zuerst bewegt, hat schon verloren), “Mann ohne Eigenschaften” waren noch die milderen Attribute, die man ihm in bemerkenswerter Gedankenlosigkeit anheftete.

4. Nein, der Bundeskanzler ist keine Persönlichkeit mit Charisma, mit besonderer Ausstrahlungskraft auf Menschen, höre ich immer wieder aus dem Kreis der Kollegen. Stimmt nicht! Die Ausstrahlungskraft des Olaf Scholz heißt „Verlässlichkeit“. Darin ist er seiner Vorgängerin im Kanzleramt wie auch Helmut Kohl sehr ähnlich. Kohl und Merkel regierten zusammen über dreißig Jahre dieses Land – die Menschen vertrauten ihnen gegen das Bild, das die Mehrheit deutscher Journalisten von ihnen zeichnete. Damit regierten sie mehr als doppelt so lang wie Helmut Schmidt und Gerhard Schroeder, deren Charisma sich bekanntermaßen auch sehr stark von ihren schauspielerischen Fähigkeiten ableitete.

5. Olaf Scholz ist ein Mann geräuschloser Durchsetzungseffizienz. Wie er sich in einem beeindruckend durchdachten ersten Schritt aus der Umklammerung des linken SPD-Flügels befreit hat, hat auch beim politischen Gegner anerkennende Aufmerksamkeit gefunden. Die beiden SPD-Vorsitzenden Bojans und Esken entmachtet, den Vertrauten Klingbeil zum SPD-Chef gemacht und den ehemaligen Juso-Vorsitzenden Kühnert als Generalsekretär in die Zwänge pragmatischen Handelns und Parteiloyalität eingebunden – dies war eine beachtliche Leistung, deren Ergebnisse sich bereits jetzt für ihn auszahlen.

6. Der Kanzler hat bisher in der schwierigen Russland-Ukraine- Frage keine Fehler gemacht. In Washington hat er sich im Rahmen, den die Diplomatie lässt, zwischen Solidarität mit Amerika und eigenen Interessen bei Nord Stream 2 geschickt positioniert. Nach Strategie sieht das alles noch lange nicht aus, aber nach einem gut beratenen Kanzler, der weiß, dass Außenpolitik nicht nur nach den Gesetzen der Menschenrechte, sondern nach knallharter Interessenlage unterschiedlicher Staaten funktioniert. Rohstoffe werden eben nicht nur in Demokratien gefördert!

7. Olaf Scholz muss und wird die Außenpolitik – und damit folgt er auch seiner Vorgängerin – zu seiner Sache machen. Dazu ist er umso mehr gezwungen, als seine Außenministerin ihr Arbeitsfeld vor allem zwischen Weltklimapolitik und Menschenrechten ansiedelt. Es wird in den kommenden Monaten mehr denn je auf die außenpolitische Verlässlichkeit Deutschlands ankommen. Nicht die Außenministerin, sondern auf den Kanzler kommt es an. Er bestimmt die Richtlinien der Politik, auch der Außenpolitik. Richtlinienkompetenz nennt man das. Olaf Scholz wird von ihr Gebrauch machen, wenn es sein muss. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Unterschätzen wir diesen Kanzler nicht!

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