Unser politisches Personal ist unfähig zur Kommunikation | The European

Corona-Pandemie in Deutschland: Es gibt zu wenig Emmanuel Macron

Sigmund Gottlieb3.12.2021Medien, Politik

Unser politisches Personal ist unfähig zur Kommunikation, die den Menschen Vertrauen gibt und sie von einer Sache überzeugt. Von Joachim Gauck stammt der Satz: „Angst macht kleine Augen” In dieser wohl schwierigsten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg sehe ich zu viele PolitikerInnen mit kleinen Augen. Der Zwischenruf von Sigmund Gottlieb.

Emmanuel Macron, Quelle: Shutterstock

Die Normalität politischen Agierens und Administrierens ist passe. Politisches Handeln sieht sich längst mit immer neuen krisenhaften Herausforderungen nationaler und internationaler Dimension konfrontiert. Die seit fast zwei Jahren anhaltende Pandemie ist ein sehr plastisches Beispiel für die Mehrfach-Überforderung der verantwortlichen Politik auf allen Ebenen – in Bund, Ländern und Kommunen. Es hat lange, sehr lange gedauert, bis man das Trägheitsmoment des politischen Alltags überwunden und auf Krisenmodus umgeschaltet hat. Dies gilt für die inhaltliche Durchdringung des Themas sowie für die schnelle und unbürokratische Umsetzung der notwendigen Maßnahmen. Das fatale Bild, das Deutschland beim Management der Coronakrise abgibt, hat jedoch vor allem einen Namen: mangelnde und miserable Kommunikation – und dies in mehrfacher Hinsicht.

Man wählt Begriffe, die die meisten Menschen nicht verstehen. Lockdown, G2 oder G3, Social Distancing sind Wortschöpfungen oder Abkürzungen, die auch nicht im Ansatz erkennen lassen, dass sich Politiker um verständliche Sprach-Transformation an die Adresse derer bemühen, von denen sie in ihre Ämter gewählt worden sind. Dieser Politiker-Generation fehlt es ganz einfach an Achtsamkeit gegenüber den Menschen, für die sie aufgrund ihres politischen Mandats oder ihres Amtseides Verantwortung übernommen haben.

Wann nehmen unsere Volksvertreterinnen endlich zur Kenntnis, dass einer Katastrophe dieses gewaltigen Ausmaßes nur mit Klarheit und Geradlinigkeit im politischen Handeln und in der Kommunikation zu begegnen ist?

Warum wählen sie nicht eine Sprache, die verständlich ist, die die Menschen verstehen und die eindeutig die Absicht geplanter Maßnahmen vertritt? Impfpflicht heißt Impfpflicht, Schließung von Hotels und Restaurants müssen auch so genannt werden, wenn Experten dies als ultima ratio empfehlen. Doch genau an dieser Stelle setzt der seit gefühlten Ewigkeiten gelernte Reflex des Politikers ein: Beschwichtigen, Schönreden und die Verantwortung auf den politischen Gegner schieben. Die Euphemisten treiben ihr garstig Spiel und verspielen immer mehr Vertrauen bei den Menschen.

Unser politisches Personal ist unfähig zur Kommunikation, die den Menschen Vertrauen gibt und sie von einer Sache überzeugt. Worte des künftigen Bundeskanzlers Olaf Scholz waren zunächst auch bei angestrengtestem Hinhören nicht zu vernehmen. Der seltsam blasse künftige Regierungschef hatte sich nicht zum erstenmal das Prinzip Mikado nach dem Motto zu eigen gemacht: Wer sich zuerst bewegt, der hat schon verloren. Scholz hätte lieber weiter schweigen sollen, als wenige Tage später mit geradezu beschämenden Allgemeinplätzen zu dieser größten Herausforderung seit dem 2. Weltkrieg im ganzen Land nur mehr für Kopfschütteln zu sorgen. Für diesen eklatanten

Mangel an Mut zur Wahrheit und Klarheit gibt es nach meiner Einschätzung nur zwei Erklärungen: Die Angst des Politikers vor der Abwendung des Wählers, wenn er ihn mit der ganzen Wahrheit konfrontiert. Noch panischer reagieren unsere Politiker auf Angriffe und Kritik aus den sozialen Netzwerken, deren Shitstorms bei einer wachsenden Zahl von PolitikerInnen als karrierezerstörend gefürchtet sind. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber und timide Politiker gehören in Zeiten wie diesen aus dem Spiel genommen.

Kommunikation muss eine emotionale, eine empathische Dimension erreichen. Sie muss die Menschen wieder mit Vertrauen aufladen, Gemeinschaftsgefühl erzeugen und durch überzeugende Führung das Gefühl vermitteln: Wir besiegen das Virus, wir lösen das Problem.

Wo ist eine politische Elite, die diese Fähigkeit in sich vereint? Churchill ist Geschichte. Helmut Schmidt ist nicht mehr uns. Er verfügte über eine Eigenschaft, die die Menschen an unserem heutigen politischen Personal so sehr vermissen. Ein Blick nach Frankreich zeigt zumindest eine Alternative, wie man Corona etwas entgegensetzen kann. Während einer Ansprache zur Pandemie beschwor Emmanuel Macron „die Seele der Nation” herauf und rief. „Vive la Republic, vive la France” und ließ die Nationalhymne abspielen.

Nun ist Deutschland nicht Frankreich und Merkel ist nicht Macron. Aber es hätte Millionen Deutschen gezeigt, wie dramatisch die Lage ist, wenn die Noch-Kanzlerin Merkel und der Kanzler in spe Scholz in einem gemeinsamen Fernsehauftritt eine klare, wahre, mutige und mutmachende Rede gehalten hätten. Das wäre eine vertrauensbildende Maßnahme gewesen und angesichts verheerender Differenzen der sich bildenden Ampelkoalition in der Coronafrage dringend notwendig gewesen.

Von Joachim Gauck stammt der Satz: „Angst macht kleine Augen”. In dieser wohl schwierigsten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg sehe ich zu viele PolitikerInnen mit kleinen Augen.

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