Friedrich Merz ist jetzt alles zuzutrauen | The European

Merz - die letzte Chance der CDU

Sigmund Gottlieb22.01.2022Medien, Politik

Friedrich Merz hat einen langen Atem bewiesen, ist nach Niederlagen immer wieder aufgestanden. Er hat heute einen phantastischen Vertrauensvorschuss aus der Partei erhalten. Merz ist jetzt alles zuzutrauen. Der CDU-Politiker wurde auf dem Parteitag der Christdemokraten zum neuen Parteivorsitzenden gewählt und erhielt 94,62 Prozent der Stimmen. Ein Zwischenruf von Sigmund Gottlieb.

Friedrich Merz, Kandidat für das Amt des CDU-Bundesvorsitzenden, spricht beim Bundesparteitag der CDU im Konrad-Adenauer-Haus. Beim 34. Parteitag der CDU soll Merz als neuer Bundesvorsitzender gewählt werden. Pandemiebedingt findet der Parteitag rein digital statt. Das Ergebnis der Wahl muss daher noch per Briefwahl bestätigt werden, Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Bis zur letzten Minute hatte die Machtmaschine Angela Merkel versucht, den ihr in intensiver Abneigung verbundenen Friedrich Merz als neuen CDU-Chef zu verhindern. Sie hatte sich mehrmals mit ihren Nachfolgeplänen für den Parteivorsitz gründlich verzockt: Kramp-Karrenbauer, Laschet und als letzte Verzweiflungstat Meister Braun aus dem Kanzleramt, ein Zählkandidat, der Friedrich Merz die absolute Mehrheit an der Parteibasis streitig machen sollte.

Dieses unwürdige Schauspiel hat mit dem heutigen Tag sein Ende gefunden. Dass die Ex-Kanzlerin mit ihrer Partei nichts mehr zu tun haben möchte und die Partei auch nichts mehr mit ihr, fand heute seinen Ausdruck in der doch gewöhnungsbedürftigen Tatsache, dass die langjährige Parteichefin noch nicht einmal an ein virtuelles Grußwort dachte, um Friedrich Merz zum Parteivorsitz zu gratulieren. Insofern ist der längst fällige Trennungsstrich zur Ära Merkel vollzogen.

Worauf es für Merz jetzt ankommt:

1. Der Neue muss die CDU wieder näher an die Menschen rücken, wo sie in den vergangenen Jahren nicht mehr zu finden war.

2. Er muss den Christdemokraten eine feste Position verleihen. Die CDU muss schleunigst weg von ihrer inhaltsfreien Beliebigkeit von links nach rechts in die Mitte und wieder zurück, wie es gerade opportun war und wie es die meisten Stimmen versprach.

3. Merz hat in seiner heutigen Rede sehr überzeugend klar gemacht, dass die Ampelkoalition und Kanzler Scholz mit ihm zu rechnen haben. Den Kanzler griff Merz schon heute frontal an: Olaf Scholz sprach er Führungsfähigkeit bei den Themen Impfpflicht, Energiepreise und Landesverteidigung ab.

4. Die heutige Rede bildete einen weiteren Beweis für das rhetorische Talent des Sauerlandes. Hierin ist er dem spröden Kanzler mit dem kaum erkennbaren Charisma und der begrenzten Ausdrucksfähigkeit haushoch überlegen.

5. Daraus ergibt sich aus meiner Sicht die dringende Notwendigkeit,dass Merz nach dem Fraktionsvorsitz greifen muss. Dort im Parlament findet die große politische Auseinandersetzung statt, dort spielt nicht der Parteichef eine Rolle, sondern der Fraktionschef als starker Oppositionsführer, der die Regierung öffentlichkeitswirksam vor sich hertreibt.

6. Dies alles wäre nicht genug, wenn es CDU und CSU nicht schaffen, die Streitaxt zu begraben. Es wird von beiden, von Merz wie von Söders einen gewaltigen Sprung über ihre Schatten erfordern, um zumindest den Eindruck zu erwecken, sie zögen an einem Strang. Eigentlich sind beide Profis genug, um zu wissen. dass WählerInnen keinen Streit innerhalb von Parteien oder Parteiverbänden schätzen.

Friedrich Merz hat einen langen Atem bewiesen, ist nach Niederlagen immer wieder aufgestanden. Er hat heute einen phantastischen Vertrauensvorschuss aus der Partei erhalten. Merz ist jetzt alles zuzutrauen.

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