Ein Drama mit den Medien, nicht mit dem Kanzler! | The European

Ein Drama mit den Medien, nicht mit dem Kanzler!

Sigmund Gottlieb2.05.2022Medien, Politik

Ein Ende des Angriffs Putins auf die Ukraine ist noch längst nicht in Sicht. Parallel zu diesem Krieg erleben wir in Deutschland immer heftigere Angriffe aus der Politik und aus den Medien auf den Bundeskanzler. In seinem Kommentar sagt European-Herausgeber Sigmund Gottlieb, warum er diese Attacken fuer falsch hält.

SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz, Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Kenzo Tribouillard

Wir erleben in diesen Tagen ein Medienspektakel, das fuer mich immer unertraeglicher wird. Gegenstand, besser gesagt Spielball dieses unwuerdigen Schauspiels ist der Kanzler. Seit Beginn des russischen Angriffs wird er von den fuehrenden Medien des Landes mit einem Ausmass an Haeme ueberzogen, die nichts mehr mit berechtigter Kritik zu tun hat, wie sie zum Wesen von Demokratien gehoert und die uns von Diktaturen a la Putin unterscheidet.

Vorlaeufiger Hoehepunkt der Anti- Scholz-Kampagne war das Interview, das er vor wenigen Tagen dem Spiegel gegeben und in dem er vor der Gefahr eines Dritten Weltkriegs gewarnt hatte.Scholz hatte damit eine Sorge zum Ausdruck gebracht, die
Millionen von Deutschen umtreibt.

Natuerlich werden diese Aengste genaehrt von der wachsenden Bereitschaft der USA und der NATO-Staaten, den Wuenschen aus Kiew nach schweren Waffen zur Verteidigung gegen den Aggressor nachzukommen.

Zu den fatalen Fehleinschaetzungen einer abgehobenen deutschen Medienelite gehoert es, diese Warnung des Bundeskanzlers als unangemessen abzutun, weil sie nur Aengste in der Bevoelkerung schuere. Als ob es die nicht schon laengst geben wuerde! Es gibt gute Gruende fuer die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine, es gibt auch gute Gruende dagegen. Und es steht sehr viel auf dem
Spiel. In dieser Situation braucht unser Land eine politische Fuehrung, die dies offen ausspricht. Die nicht totschweigt, dass wir mitten Europa durch Putin massiv bedroht werden. Die abwaegt und dann nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet. Ein solcher Entscheidungsprozess kann angesichts der Komplexitaet und der Gefaehrlichkeit der Situation nicht die kuerzeste Entfernung zwischen zwei Punkten, nicht die Gerade sein – wie dies die sachdistanzierte Perspektive vieler Journalisten gerne haette. Vielmehr ist eine solche Entscheidung aus Abertausenden von Minute zu Minute wechselnden Informationen komponiert. Und daher ist es auch so wahrscheinlich, dass heute schon nicht mehr gilt, was gestern noch als logische Wahrheit erschien.

Olaf Scholz laesst uns, die Deutschen, die Europaer und die Welt an diesem extremen Prozess – soweit dies moeglich ist – teilhaben. Er spricht aus, was viele Menschen mit grosser Angst erfuellt: dass der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ausser Kontrolle geraten kann. Wenn er jetzt doch zu der Ueberzeugung gekommen ist, der Einsatz schwerer Waffen sei angesichts der moerderischen Angriffe Putins auf die Ukraine nicht mehr zu umgehen, dann ist mir dieses Ringen um den richtigen Weg mit all seinem anfaenglichen Zoegern in innerer Zerrissenheit sehr viel naeher als voreiliges Kriegsgeheul in den eigenen Reihen der Koalition.

Im uebrigen hat derKanzler viel weniger ein Problem mit der Kommunikation als diejenigen, die von Berufs wegen fuer Kommunikation stehen. Ich meine die Medienmenschen, die sich in Verkennung aller Realitaeten einen Bundeskanzler wuenschen, der beispielsweise im Spiegel-Interview nicht die ganze Wahrheit sagt – naemlich dass die Gefahr eines Dritten Weltkriegs nicht mehr auszuschliessen sei.

Merke: Es ist nicht ein Drama mit dem Kanzler, das wir in diesen Wochen erleben, sondern ein Drama mit den Medien.

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