Denkt nicht nur an den Tod, denkt auch an Kinder und Jobs | The European

Die sieben schlimmsten Fehler der deutschen Corona-Politik

Sigmund Gottlieb16.01.2022Medien, Politik

Verstehen Sie mich richtig: Ich gehöre durchaus zur Abteilung Vorsicht, wenn es um den Umgang des Bürgers mit Corona geht! Ich erkenne jedoch an einer wachsenden Zahl von Beispielen, wie immer mehr politische Entscheidungen in die falsche Richtung gehen und die Menschen verunsichern. Es ist höchste Zeit, die fatalen Denkfehler deutscher Coronapolitik beim Namen zu nennen – zumal ich eine fortschreitende Ermüdung und Realitätsverweigerung vieler Medien bei der Behandlung dieses Themas feststelle. Ein Zwischenruf von Sigmund Gottlieb.

Das Coronavirus regiert weiter in Deutschland, Quelle: Shutterstock

1. RegierungspolitikerInnen haben bisher in verantwortungsloser Weise Wahrheitsverweigerung betrieben nach dem Motto: Wichtig ist, was ankommt – und nicht, worauf es ankommt. Dies hat sich in fataler Weise vor der Bundestagswahl 2021 gezeigt. Es fehlte am Mut zu unpopulären Aussagen und Entscheidungen. Lockdown und Impfpflicht waren damals Tabuthemen, die von Merkel bis Scholz, von Lindner bis Söder im Brustton der Überzeugung ausgeschlossen wurden: Impfpflicht – nicht mit uns! Lockdown auf keinen Fall: Es waren Aussagen wider besseres Wissen, es war – auf den Punkt gebracht – Heuchelei pur. Als diese Aussagen nach der Wahl in ihr Gegenteil verkehrt wurden (Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern) und Impfpflicht sowie Lockdown wesentliche Bausteine der Nachwahl-Coronapolitik wurden, war dies einer der massivsten Vertrauensbrüche in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Deutschen geben seither nichts mehr auf die Ankündigungen der Politiker. Der Vertrauensverlust in der Bevölkerung ist massiv.

2. Es ist ein schwerer Denkfehler der politisch Handelnden zu glauben, man könne ein so sensibles Krisenthema wie Corona, das elementar-schicksalhaft in das Leben von Millionen von Familien eingreift, auf dem Verfügungsweg lösen. Angela Merkel hat das getan und ist damit gescheitert. Man wird sehen, wie ihr Nachfolger die Coronafrage angeht. Von Gerhard Schroeders Bastapolitik jedenfalls kann er nichts lernen.

3. Corona gibt es seit zwei Jahren. Das Krisenmanagement erfolgte in den ersten Monaten auf Sicht. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn für die Pandemie gab es keine Blaupause. Dafür, dass heute noch immer das Zufallsprinzip und föderale Eigenbrötelei beim Umgang mit Corona vorherrschen, gibt es keine Entschuldigung mehr. Auch nicht dafür, dass es sträflich unterlassen wurde, in einer überzeugenden Kraftanstrengung den Deutschen zu erklären, was man plant und warum. Dies wurde versäumt. Talkshow-Auftritte sind hierfür kein Ersatz – vielleicht mit Ausnahme des Gesundheitsministers.

4. Es war ein massiver Fehler, dass die Entscheidung für die Booster-Impfung in Deutschland so spät gefallen ist. Erst Mitte November, da hatte sich die Vierte Welle schon massiv aufgebaut, war man endlich soweit, dass die Auffrischungsimpfung empfohlen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten beispielsweise die USA schon einen gewaltigen Vorsprung. Zögerlichkeit scheint eine typisch deutsche Eigenschaft zu sein, denn auch bei der 3G-Regel brauchten wir so unerträglich lange. Ende November war es endlich soweit. In Frankreich hieß es bereits seit Ende August 2021: geimpft, getestet oder genesen.

5. Es war ein Denkfehler, dass die Leopoldina-Akademie unseren Politikern zu einem Knallhart-Lockdown riet, um die Infektionszahlen zu senken. Dabei bezog man sich auf die vermeintlich ermutigenden Erfahrungen in Irland, wo man die dramatisch gestiegene Ansteckung mit einem extrem strengen Lockdown nach unten gedrückt hatte, um diesen gleich darauf wieder zu lockern. Die Infektionen explodierten wieder – und ein erneuter Lockdown folgte. Welch unpassendes Beispiel!

6. Noch ein Denkfehler: Die verantwortliche Politik begründet ihre Anti-Corona-Maßnahmen mit den hohen Todeszahlen der Infizierten. Die meisten Toten sind in Pflegeheimen zu beklagen. Nur dort lauert ein bisher ungelöstes Problem. Es wird weiter gestorben werden, weil das Personal fehlt, um Besucher und Mitarbeiter zu testen.

7. Es ist eine gewaltige Verführung für Politikerinnen und Politiker, die Coronalage perspektivisch so düster und gefährlich darzustellen, um damit auch Impf-Skeptiker und Impfgegner auf den Pfad der Verantwortung zu führen. Dies ist eine gefährliche Gratwanderung, bei der man schnell abstürzen kann. Die Lage entspannt sich. Die Omikron- Variante markiert den Beginn der Rückkehr ins normale Leben.

Was uns bisher so sehr gefehlt hat, brauchen wir in den kommenden Wochen und Monaten mehr denn je: Wir brauchen die Kraft der Abwägung! Es geht um die Vermeidung von Tod. Es geht aber auch um die Nöte der Lebenden. Es geht um unsere Kinder und Jobs.

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