Eher werden Sie sich halbieren als die Arbeitslosigkeit. Joschka Fischer

Die oberen 18

Israel wurde gegründet auf einem Nationalgefühl und einem Erbe. In der Unabhängigkeitserklärung vom Mai 1948 heißt es: “Das Land Israel war der Geburtsort des jüdischen Volkes. Hier wurde seine spirituelle, religiöse und politische Identität geformt. Hier erlangten es erstmals die Eigenstaatlichkeit, kreierte kulturelle Werte von nationaler und universaler Bedeutung und gab der Welt das unendliche Buch der Bücher.”

Israels soziale und finanzielle Standards sind in den frühen Jahren der Gesellschaft verwurzelt, noch vor der Staatsgründung. Die meisten Neuankömmlinge reisten von Europa ein, beeinflusst von demokratisch-liberalen Traditionen als auch neuen sozialistischen Gedanken. Das Nationalgefühl, das europäische Juden in das “Land der Väter” brachte, vertiefte sich in den Folgejahrzehnten. Einer der Gründe war der Streit um Ländereien mit der eingeborenen palästinensischen Gesellschaft. Ein anderer war der Zweite Weltkrieg, der die dringende Notwendigkeit eines Zufluchtsortes für das jüdische Volk verdeutlichte.

Die Spannung besteht bis heute

Israel gründet auf einem Doppelstandard: als jüdischer Staat unter rabbinischem Recht und als Demokratie. Die Spannung zwischen diesen beiden besteht bis heute.

Doch nicht nur diese Bruchstelle belastet die israelische Gesellschaft. Andere liegen in Unterschieden in Ethik, Herkunft, Religion, Bildung, kulturellen Vorlieben, finanziellen Voraussetzungen und weiteren Subgruppierungen.

Israel setzt sich aus 80 % jüdischer Bevölkerung und 20 % “anderen” – hauptsächlich Araber muslimischer Herkunft, Christen unterschiedlicher Sekten und einer drusische Minderheit zusammen. Die arabische Minderheit macht circa 50 % der Bevölkerung im Norden und circa 25 % im Süden aus. Diese beiden Regionen treten durch weniger Leistung, schlechte Bildung, kleinere Budgets und ein Fehlen an Entwicklungsmöglichkeiten in Erscheinung.

Je radikaler, desto unabhängiger

Ungefähr ein Viertel des jüdischen Teils der Gesellschaft ist religiös, dies reicht von ultra-orthodox bis konservativ. Je radikaler, desto unabhängiger sind sie. Beispielsweise akzeptieren die Ultraorthodoxen nicht die Autorität des Obersten Gerichtshofes und erhalten spezielle staatliche Zuwendungen, um ihre religiöse Bildung zu finanzieren. Darüber hinaus sind sie aus der gesetzlich vorgeschriebenen Wehrpflicht ausgenommen.

Zudem kommt das Problem, dass die meisten weiterführenden- und Spezialschulen in den Großstädten liegen.
In den 1950er-Jahren verdreifachte sich die israelische Gesellschaft innerhalb eines Jahrzehnts. Die frühen Ankömmlinge – europäische Juden – siedelten in Zentralisrael und ländlichen Gegenden, welche bereits damals finanzielle Kraft entwickelten. Neuankömmlinge, meist aus dem Mittleren Osten, wurden vom Staat in die Außenbezirke geschickt. Das Fehlen von landwirtschaftlicher Ausbildung und die Entfernung zum gut entwickelten Zentrum führten zu jahrzehntelanger Vernachlässigung.

Das Außenseitergefühl spüren auch andere Untergruppen. So kam beispielsweise die Frustration der Holocaustüberlebenden erst in den letzten Jahren an die Oberfläche. Dies zeigt die Verneinung ihrer speziellen Bedürfnisse vonseiten der Staatsautorität.

Nichtsdestoweniger ist der schärfste Unterschied in der israelischen Gesellschaft auf wirtschaftlicher Ebene anzufinden. Der beeindruckendste Unterschied ist die Verteilung des Kapitals. Eine Untersuchung von 2006 zeigte, dass 18 Familien 77 Prozent des israelischen Kapitals besitzen. 19 Familien kontrollieren 34 Prozent des Einkommens von 500 Unternehmen. Ihr gesamtes Einkommen entspricht 88 Prozent des gesamten Staatshaushaltes. Diese außergewöhnliche Verteilung ist ein Ergebnis der schnellen Privatisierung, welche der israelische Markt seit den Mittneunzigern durchlief. Auch wenn Israel in den letzten 61 Jahren viel an Staatlichkeit gewonnen hat, so sind Unterschiede und Lücken immer noch eine Hauptcharakteristik dieser multikulturellen Gesellschaft

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Reinhard Bütikofer, Gunter Weißgerber, Michael Wolffsohn.

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