Liberale Muslime gehören nicht an den Nazi-Pranger

von Seyran Ateş28.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

Seyran Ateş ist mit den Grünen derzeit nicht grün, obwohl sie einst sogar Mitglied war. Auf ihre Parteikritik gab es bereits ein geteiltes Echo. Nun antwortet die Autorin auf The European, warum sie von der Integrationspolitik der Grünen so enttäuscht ist. Sie warnt davor, die Augen vor konservativen islamischen Kräften zu verschließen – und wehrt sich dagegen, als Nazi beschimpft zu werden.

Die Angriffe und Beleidigungen, die ich nach dem Artikel erhalten habe, gehen genau in die Richtung, in die es in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit nicht gehen sollte. Menschen, die in der Integrationsdebatte eher “Multikulti – es wäre alles besser, wenn wir jeden nach seiner Façon leben lassen würden”-Politik betreiben, wollen einfach nicht akzeptieren, dass es neben ihrer Meinung eine andere demokratische, nicht rassistische, sondern Transkulturalität befürwortende Meinung gibt. Sie wollen einfach nicht akzeptieren, dass man gegen das Kopftuch sein kann, ohne NPD- oder CDU-Mitglied zu sein.

Mit Rassismuskeule mundtot gemacht

Hätte ich das Kopftuch nicht erwähnt, wären die Wogen wahrscheinlich nicht so hoch geschlagen. So haben einige Medien aus der Sache auch eher einen Kopftuchstreit zwischen den Grünen und Seyran Ateş gemacht, als sich den Artikel genau durchzulesen. In meinem Artikel steckt mehr drin. Diejenigen, die mir Vorwürfe machen, den Rechten zuzuspielen, sind diejenigen, die es in Wirklichkeit selbst tun. Indem sie eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Menschen mit Totschlagargumenten und Rassismuskeulen mundtot machen, betreiben sie eine sehr schädliche Politik für unser Land und für die Menschen, die friedlich zusammenleben möchten. Wie kann man die Augen davor verschließen, dass mittlerweile in einigen Grundschulen ein Kopftuchstreit zwischen Schüler(inne)n tobt? Wie kann man die Augen davor verschließen, dass die konservativen islamischen Kräfte immer stärken werden und gleichzeitig erklärt wird, dass es einen moderaten, liberalen oder gar Reformislam gar nicht geben darf oder kann? Warum gönnen uns die “guten Deutschen, die großen Schwestern und Brüder, die alles immer besser wissen”, keine innerislamische Auseinandersetzung? Warum stärken sie die konservativen Kräfte in der muslimischen Community? Warum kann ich nicht als gläubige Muslimin eine begründete andere Meinung zum Kopftuch haben, ohne als Nazi beschimpft zu werden?

Kritik am konservativen Islam kann zu Morddrohungen führen

Schauen sie sich doch die Körperreaktionen von den “guten Deutschen” und konservativen Muslimen an, wenn die katholische Kirche kritisiert wird. Sie lächeln und bestätigen und legen noch einen drauf. Jeder hat das Recht, den Papst als Witzfigur zu bezeichnen und darzustellen. Aber eine Kritik am konservativen Islam (den es angeblich sogar nicht gibt) kann zu Morddrohungen und Rufmord führen. Das Argument, dass ich die Grünen angreife, obwohl sie doch diejenigen waren, die sich stets um Integration und Frauenthemen bemüht haben, zieht nicht, wenn man genau hinschaut. Das ist doch gerade der Grund, warum mich die Grünen am meisten enttäuschen. Sie schwimmen inzwischen in eine andere Richtung. Wenn es um generelle Frauenthemen geht, sind sie stark, aber wenn es um Frauenthemen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft geht, haben sie Berührungsängste und geben einen Kulturbonus, obwohl sie immer wieder erklären, dass sie das nicht tun. Die Worte höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Denn die Taten sprechen eine andere Sprache. Ich hoffe, dass wir in Deutschland bald anfangen können, als liberale Muslime unsere Meinung zu äußern, ohne gleich an den Nazi-Pranger gestellt zu werden. Insofern will ich alle liberalen Muslime auffordern, sich zu organisieren. Denn das ist unsere einzige Chance gegen die organisierten konservativen Muslime. In einer Demokratie sollten wir alle einen Platz haben, demokratisch und ohne Angst um unser Leben und unseren Ruf, wenn wir uns erlauben, eine eigene Meinung zu haben.

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