Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen. Franz Müntefering

Vive le modèle allemand

Das Deutschland-Bild der Franzosen hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Das liegt an der deutschen Fußballnationalmannschaft – und an Berlin. Noch weiß Deutschland aber nicht genau, wie es mit seinem neuen Image umgehen soll.

Motor, Paar, Tandem. Unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Verbündeten. Die Liste ist lang und zeigt sehr gut, dass die deutsch-französischen Beziehungen immer noch sehr unscharfe Konturen haben – und sich vor allem immerwährend in Bewegung befinden. Dabei ist unübersehbar, dass sich hinter den Zufälligkeiten der politischen oder wirtschaftlichen Machtverhältnisse ein immenses Netz an Personen und Institutionen versteckt – aber auch eine gemeinsame Geschichte der beiden Länder.

Gemeinsam im Sturm der Finanzkrise

Der verlegene Kuss mit Nicolas Sarkozy, das herzliche Händeschütteln mit François Hollande: Glücklicherweise reduziert sich die Beziehung zwischen den beiden Staaten nicht auf diese protokollarischen Details. Mehr aus Pflichtgefühl als durch aufrichtigen Willen haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy ihre Unstimmigkeiten im Handumdrehen hinter sich gelassen und sich gezwungenermaßen gemeinsam dem Sturm der Finanzkrise gestellt. Seit François Hollande an die Macht gekommen ist, befinden sich beide in einer Phase des Aneinandergewöhnens. So wie es zwischen neuen Regierenden in Frankreich und Deutschland eben der Fall ist. Die Meinungsverschiedenheiten machen sich stärker bemerkbar: Mehrere dringende Angelegenheiten fungieren mal wieder als Zankapfel der beiden Länder. Das gilt für die Bankenunion oder auch für das stets sensible Thema EADS. Diese Streitpunkte haben vor allem eine Funktion: Sie sind eine Erinnerung daran, dass Europa auf der Stelle tritt, wenn die beiden Länder sich nicht einigen können. Eine hochriskante Situation in dem Augenblick, wo die Europäische Union mächtig durchgeschüttelt wird. Und ein Friedensnobelpreis allein wird die Risse nicht abdichten können.

So wichtig und medienwirksam die Stimmung zwischen den beiden Regierungen ist, die deutsch-französischen Beziehungen spielen sich auch auf anderen Ebenen ab. Es fällt schwer, sich zwei andere Länder mit einer solchen Dichte gemeinsamer Netzwerke vorzustellen. Partnerschaften, Gesellschaften und andere deutsch-französische Vereine erlauben es den Einwohnern beider Länder seit Jahrzehnten, die alltägliche Wirklichkeit ihrer Nachbarn kennenzulernen. Seit der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) und der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) war das konstante Anliegen immer, in die Jugend zu investieren. Dieses Netzwerk bildet die feste und ausgeglichene Grundlage einer deutsch-französischen Beziehung, die sehr viel wasserdichter ist, was politische Risiken und Unvorhersehbarkeiten betrifft, als die übergeordneten Ebenen. Dennoch mangelt es auch auf diesem Niveau nicht an Herausforderungen: Neben finanziellen Einschnitten und dem sinkenden Interesse an der Sprache des Partnerlandes müssen sich viele Strukturen ständig an oftmals schlechte Bedingungen anpassen.

Stargast in der Präsidentschaftsdebatte: das deutsche Wirtschaftsmodell

Trotzdem: Das Deutschland-Bild hat sich in den vergangenen Jahren sehr gewandelt, in Frankreich wie anderswo. Das liegt vor allem am berühmten Phänomen des „deutschen Modells“ (modèle allemand). Dieses fand Ende 2011, Anfang 2012 Eingang in die Diskurse und die französische Presse. Denn: Das hervorragende Wachstum der deutschen Wirtschaft steht im Kontrast zu den Enttäuschungen, die Deutschlands europäische Partner erleben mussten. Das „Jobwunder“, um das viele Länder die Bundesrepublik beneiden, wurde deshalb rundum analysiert und die Debatten darüber, welche Elemente man auf Frankreich übertragen könnte, vervielfachten sich. Nicolas Sarkozy war derjenige, der dieses „deutsche Modell“ am meisten betonte – Deutschland hatte so einen prominenten Platz während der TV-Debatte der beiden Präsidentschaftskandidaten.

Diese sehr intensive Debatte über das deutsche Modell – deren Intensität deutlich abgenommen hat – hat ohne Zweifel das aktuelle Bild von Deutschland beeinflusst: Dieses Klischee des „arbeitsamen“ Deutschlands – a priori wenig schmeichelhaft – scheint sich nun zu einer positiven Tugend zu wandeln. Die Debatte war außerdem eine willkommene Gelegenheit für eine kritische Analyse der deutschen Gesellschaft und vor allem der deutschen Wirtschaft. Ergebnis: Die Waage war doch nicht so sehr aus dem Gleichgewicht geraten, wie es zunächst den Anschein hatte. Auch wenn sich die Aufmerksamkeit momentan auf das einfache Wirtschaftswachstum richtet, so beugen sich die Deutschen in vielen Bereichen mit Interesse und manchmal sogar neidisch über den französischen Fall. Ob es dabei um den Mindestlohn, die Demografie oder den Bildungsbereich geht – in Deutschland wird das Abitur nun auch schon mit 18 abgelegt, man diskutiert über Ganztagsschulen und den Krippenausbau.

„Die Mannschaft“ vs. „Les Bleus“

Die in den Medien stark thematisierten wirtschaftlichen Aspekte mal außer Acht gelassen: Das Deutschland-Bild erlebt seit mehreren Jahren einen positiven Wandel. Zwei Phänomene illustrieren diese Entwicklung: die „Mannschaft“ und Berlin. Vormals zwar sehr erfolgreich, dabei aber rau, monolithisch und eher unsympathisch, hat sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute zu einem Team entwickelt, das offener mit seiner Vielfältigkeit umgeht, Fan des schönen Spiels ist und in großen Momenten oft kein Glück hat. All das hat die Mannschaft bei sehr vielen beliebt gemacht, wie die Heim-WM 2006 zeigte. Ein atemberaubender Kontrast zu dem pathetischen Ärger der französischen Equipe („ Les Bleus“).

Zeitgleich hat die spektakuläre Metamorphose der deutschen Hauptstadt viele Künstler und Studenten angezogen, die kamen, weil sie einen spannenden und billigen Ort suchten. Sie haben Berlin ein modernes Image gegeben – lebhaft und einfach unumgänglich. Viele junge Franzosen und Europäer fühlen sich also durch die Lichter Berlins angezogen und stürzen sich bereitwillig in das Abenteuer auf der anderen Seite des Rheins. So verbinden sie eine wirtschaftliche Hoffnung – bessere Arbeitsbedingungen zu finden als in ihren Heimatländern – mit einer gesellschaftlichen, indem sie selbst zum dynamischen Bild Berlins beitragen, welches sich positiv auf den Rest des Landes auswirkt. Eine Herausforderung für die Bundesrepublik, welche manchmal kaum weiß, wie sie angesichts dieser Neuankömmlinge reagieren soll, die sie dennoch braucht, damit ihre Entwicklung nachhaltig ist.

Übersetzung aus dem Französischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans-Olaf Henkel, Svenja Schulze , The European.

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