Wider Willen

Sebastian Sigler11.10.2014Wirtschaft

Die aktuelle Zinsflaute zwingt Sparer, zu aktiven Investoren zu werden. Das bedeutet: unternehmerisch zu handeln. Einfach nur warten und Zinsen kassieren – vorbei.

Ein Sparer ist jemand, der sein Vermögen, oft über Generationen sorgsam bewahrt und gehütet, mit möglichst geringem Risiko und mit Augenmaß vermehren will, um kommenden Generationen eine Grundlage zu gutem Leben zu übermitteln, um sich und seiner Familie vielleicht auch etwas Luxus zu ermöglichen und nicht zuletzt, um den latenten Gefahren der schleichenden Inflation zu entgehen.

Ein Unternehmer ist jemand, der es sich zum Ziel gesetzt hat, durch verantwortliches wirtschaftliches Handeln mit geeigneten Waren oder einer Dienstleistung seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie zu bestreiten oder sogar ein Vermögen mit dieser Tätigkeit zu verdienen. So kennen Sie das, so kenne ich das – doch ist das noch die Realität?

Vollkasko-Mentalität ist passé

Die Zeiten ändern sich. Die aktuelle Zinsflaute zwingt Sparer, zu aktiven Investoren zu werden. Das bedeutet: unternehmerisch zu handeln. Einfach nur warten und Zinsen kassieren – vorbei. So wie ein Unternehmer Wagniskapital einsetzen muss, um Gewinn zu erzielen, muss jetzt auch der Sparer ein Wagnis eingehen, um sein Vermögen zu vermehren. Die stillen Reserven, die alten Gelder, die Sicherheiten ganzer Generationen werden damit zwar nicht direkt angetastet, aber sie werden de facto infragegestellt. Ohne es zu wollen, nolens volens, werden Sparer entweder zu unternehmerisch handelnden Marktteilnehmern – oder sie erleben ein Abschmelzen ihrer Reserven.

Betrachten wir die Märkte, die Politik des lockeren Geldes, die Ankurbelung der Finanzmärkte um fast jeden Preis, ist die Entwicklung von den so lange vertrauten Sparzinsen hin zu den Strafzinsen, die schon an den ersten Stellen sichtbar werden, eine ganz logische. Die ist übrigens keineswegs verwerflich – wir waren es nur anders gewöhnt. Kein Gewinn ohne Risiko – das ist ein Binsenweisheit. Die Vollkasko-Mentalität, die uns durch eine breite Koalition von Weltverbesserern, Traumtänzern, Gewerkschaftern und Kräften, die insgeheim die soziale Marktwirtschaft abschaffen wollten und wollen, präsentiert und vorgelebt wurde – diese Vollkasko-Mentalität ist passé.

Risikolose Anlageform ist Vergangenheit

Und dann fällt unser Blick auf die schöne, neue Welt des Internet. Das neue Cape Canaveral des Deutschen Aktienmarktes sollte Berlin werden, von wo aus Rocket Internet zu ungeahnten Höhenflügen starten sollte. Im Schlepptau Millionen von Zalando-Schuhen, alle über ebenjenes Netz bestellt. Und alles mit milliardenschweren Börsengängen fulminant unterfüttert – jedes Anlegerherz sollte höherschlagen: „Nullzins ade, es lebe die Galaxie der Internet-Aktien mit ständig expandierenden Gewinnen!“ Doch der frohgemute Ruf blieb den Anlegern in der Kehle stecken. Bei den herben Verlusten, die die beiden Neuemissionen gebracht haben, wäre ja noch der Strafzins von 0,1 Prozent, den die EZB erhebt, eine milde Variante gewesen. So sehr der Blick auch schweift – die vielleicht renditenarme, aber risikolose Anlageform ist Vergangenheit.

Das Nullzinszeitalter ist ein guter Ansporn

Ist diese neue Rolle, in die die Eigentümer von Vermögen nun gedrängt werden, ein Ärgernis? Ein Skandal? Nun, vielleicht sollte der Fall von der anderen Seite betrachtet werden: dies ist besser als jede Enteignung, und damit sind auch Teilenteignungen wie saftige Zwangshypotheken, etwa auf Immobilien, gemeint. Anderswo in Europa ist so etwas nicht fern! Und diese harte, aber realistische Welt der Vermögensverwaltung ist besser als eine Hyperinflation.

Eigentlich mussten wir schon immer ein wenig unternehmerisch denken. Die Entscheidung, ob wir eine Lebensversicherung abschließen oder lieber Indexzertifikate kaufen, sie war schon immer ein unternehmerischer Akt. Wir haben uns, was unsere Sparguthaben betrifft, immer erfolgreich darum herumdrücken können. So gesehen ist das Nullzinszeitalter ein guter Ansporn, um die Zukunft aktiver ins Visier zu nehmen – ohne rosa Brille, aber auch ohne Furcht.

_Der Beitrag ist Teil einer Kooperation mit “Börse am Sonntag.”:http://www.boerse-am-sonntag.de/_

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