Marktwirtschaftler auf der Todesliste

Sebastian Sigler25.07.2014Wirtschaft

Franz Böhm ist einer der Väter der sozialen Marktwirtschaft, durch die das Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre möglich wurde. Er ist, sozusagen, einer der Lehrer von Ludwig Ehrhard. Nur durch Zufall hat er überlebt.

Beinahe hätte er für seine wissenschaftliche Arbeit, in der er die Freiheit und die christlichen Werte als Grundlagen für den volkswirtschaftlichen Erfolg eines ganzen Landes beschreibt, mit dem Leben bezahlt. Franz Böhm, der 1933 habilitiert worden war, stand auf der Todesliste der Gestapo, denn seine Gedanken standen im denkbar größten Widerspruch zum Sozialismus nationalistischer Prägung, dem Nationalsozialismus.

Je mehr der Staat reglementierend in die Wirtschaft eingreift, desto dringender bedarf es des Worts von Nationalökonomen, die für den freien Markt sprechen. Das ist heute in zunehmendem Maße so. Das war auch schon vor mehr als 80 Jahren so, als ein junger Wissenschaftler namens Franz Böhm eine Habilitationsschrift verfasste, die ihn mit einem Schlag in die erste Riege seiner Zunft katapultierte. In „Wettbewerb und Monopolkampf“ beschrieb er, wie vieler gesetzlicher Regelungen es mindestens bedürfe, um einerseits die Entfaltung des freien Marktes zu garantieren, andererseits aber der Bildung von Kartellen zulasten der Verbraucher einen Riegel vorzuschieben. Mit dieser bahnbrechenden Arbeit wäre Franz Böhm auch heute noch ein Star der Nationalökonomie – und er war es damals, 1933, gerade 38-jährig.

Doch Franz Böhm hatte Feinde. Die verfolgten eine sozialistische Politik, planten Kartelle, wollten die freie Wirtschaft der Weimarer Republik politisch einhegen, ihren Zielen dienstbar machen. Und diese Feinde waren gefährlich – es waren die Nationalsozialisten.

Forderungen nach einem freien Markt

Kaum war Hitler an der Macht, erhielt Böhm Lehrverbot. Zusammen mit seinen Kollegen Alfred Müller-Armack, von dem übrigens die Wortschöpfung „soziale Marktwirtschaft“ stammt, mit Walter Eucken, Constantin von Dietze sowie Adolf Lampe forschte er weiter – im Verborgenen. Die Professoren dieser „Freiburger Schule“ der Nationalökonomie durften keine Vorlesungen mehr halten, und unter dem erschütternden Eindruck der Reichspogromnacht, bei der auch in Freiburg die Synagogen brannten, gründeten sie aus christlicher Verantwortung heraus das „Freiburger Konzil“. Diese Gruppe fiel nun denjenigen auf, die als „Freundeskreis“ – so nannten sie sich selbst – öfter in Berlin und in Kreisau zusammentrafen. Diese Gründer dieses Kreises, in dem wenig später der Umsturz und der Tyrannenmord für ein Deutschland nach Hitler wesentlich mitgeplant werden sollte, waren Peter Graf Yorck von Wartenburg und Helmuth James Graf von Moltke.

Dort waren auch oft Carl Friedrich Goerdeler und Dietrich Bonhoeffer zu Gast. Und als dort, im Freundeskreis, die Frage aufkam, wie die Wirtschaft nach Überwindung des Hitler-Regimes organisiert sein sollte, fielen denen sofort die Freiburger ein. Man kannte sich aus Studienzeiten, fast alle der beteiligten Widerstandskämpfer gehörten entweder Tübinger oder Freiburger Studentenverbindungen an: Kösener Corps, dem Tübinger „Igel“ und einer Turnerschaft, ebenfalls in Tübingen. Auf dieser Basis arbeitete man schnell und effizient zusammen, und ein streng geheimes Papier, von dem ein Exemplar, das der Freiburger Professor Gerhard Ritter versteckt hatte, erhalten ist, wurde erstellt. Es enthielt alle Forderungen nach einem freien Markt in einer freien, auf christlichen Grundsätzen aufgebauten Gesellschaft, die die Freiburger Nationalökonomen aufgestellt hatten.

Böhms Name stand auf der Todesliste

Franz Böhm und seine Kollegen hatten ein klares Ziel. Sie wollten alles tun, was in ihrer Macht stand, um das NS-Regime zu beseitigen. Dafür nahmen sie die Lebensgefahr, die ihnen durch Gestapo und SS drohte, unmittelbar in Kauf. Sie waren bereit, ihr Leben für die Beseitigung Hitlers zu opfern, doch ab 1940 war es Zivilpersonen so gut wie unmöglich, an den „Führer“ heranzukommen. So war es Klaus Schenk Graf von Stauffenberg, Oberst im Generalstab, der am 20. Juli 1944 vor 70 Jahren endlich die Gelegenheit sah, den Unmensch Hitler durch einen Tyrannenmord zu töten. Der Anschlag misslang. Stauffenberg und mehrere Hundert Mitverschwörer wurden erkannt und verhaftet, mehrere Hundert wurden nach Scheinprozessen hingerichtet.

Das NS-Regime reagierte auch in Freiburg unmenschlich. Die inzwischen höchst gefährdeten Professoren wurden verfolgt, verhört, einige wurden verhaftet. Franz Böhms Name stand auf einer Todesliste der Gestapo, doch er entging der Verhaftung durch eine Verwechslung. Mutmaßlich an seiner Stelle starb ein katholischer Geistlicher gleichen Namens im KZ Dachau. Auch ein evangelischer Pfarrer, der ebenfalls Franz Böhm hieß, wurde unter dem fälschlichen Vorwurf verhaftet, zusammen mit Yorck, Goerdeler und Bonhoeffer auf wirtschaftlichem Gebiet einen Umsturz geplant zu haben. Er überlebte das NS-Regime nur, weil die Rote Armee ihn im Frühjahr 1945 befreite.

„Wehret den Anfängen!“

Die Protagonisten des Hitler-Regimes sahen ihren Führerstaat als einen sozialistischen Staat, in dem die Wirtschaft dem klaren Primat der Politik zu folgen habe. Darauf gründete das Regime zu wesentlichen Teilen seine Macht. Die Konzentrationslager wurden zum Beispiel aus dem Wirtschaftsministerium geführt. Dies alles ist eine Lehre, die nicht in Vergessenheit geraten darf. Zwar ist die EU heutiger Tage mitnichten in Gefahr, einer Diktatur von rechts zu erliegen, aber gerade auch bei der Wirtschaft, bei den Kräften des freien Marktes, kann es nicht früh genug heißen: „Wehret den Anfängen!“ Denn jedes Reglementieren schadet dem Markt und damit der Stärke der Demokratie.

Franz Böhm, der als Nationalökonom an der Vorbereitung des Attentats vom 20. Juli 1944 mitwirkte, wurde nach dem Ende des NS-Regimes Politiker. Neben vielen anderen Aufgaben war er Delegationsleiter der Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel, die Grundlage dafür, dass das demokratische Nachkriegsdeutschland Mitglied der UNO werden konnte. Auch dies ist eine Lebensgeschichte, die eng mit dem Attentat gegen den Menschheitsverbrecher Hitler verknüpft ist, das vor 70 Jahren geschah.

_Der Beitrag ist Teil einer Kooperation mit dem “Wirtschaftskurier.”:http://www.wirtschaftskurier.de/_

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