Energie darf kein Luxusgut werden. Winfried Kretschmann

Ein kleines Kreisau in Norddeutschland

Geht es um ein Haus? Ja, auch, zuerst aber geht es um Menschen. Um Schicksale, die berühren. Der Fichtenhof war, und das ist die wirklich wichtige Erkenntnis, ein wichtiger Treffpunkt des Widerstands gegen Hitler. Den Forschungen von Heinrich Lohmann ist zu verdanken, dass dies nun wieder bekannt wird. Wäre es übertrieben, den Fichtenhof als ein „kleines Kreisau in Norddeutschland“ zu bezeichnen?

Der Fichtenhof und das Ehepaar Roloff: Buchcover (Ausschnitt)

Der Fichtenhof in Bremen-Schönebeck, gelegen vor den Toren der ruhmreichen Hanse- und Hafenstadt, erbaut für einen prominenten Mediziner, den Direktor der städtischen Klinik für Frauenheilkunde, Dr. Otto Schmidt. Heinrich Lohmann schildert klar strukturiert die Geschichte des Hauses, doch er geht dann unmerklich – und zum Glück – immer mehr auf die Personen ein, die dieses Haus bewohnten und prägten. Und so werden Wilhelm Roloff und seine Frau Alexandra, geborene v. Alvensleben, zum eigentlichen Mittelpunkt des Buches. 1934 zogen sie ein, zur Miete, frisch verheiratet.

Dem Autor gelingt es, sich ganz auf Roloff und sein berufliches Umfeld sowie auf „Lexi“ und ihren familiär-adeligen Hintergrund eingehend, eine dichte und kohärente Studie zu einem Personenkreis, der ab jetzt den Fichtenhof prägte, zu weben. Die Fakten sind gut recherchiert, das Ergebnis ist erstaunlich. Denn bislang war die Existenz dieses Widerstandsortes gegen den Nationalsozialismus der historischen Wahrnehmung, vor allem in Bremen, quasi völlig entgangen. Das mag damit zusammenhängen, dass es sich hier um ein gehoben-bürgerliche, teils auch adelige Gruppe handelte, die dem Widerstand gegen Hitler nahestand. Dazu später mehr. Im Jahre 1938, nachdem er vier Jahre hier wohnte, erwarb jedenfalls Roloff, der zu diesem Zeitpunkt bereits als Industriekapitän gelten konnte, den Fichtenhof. Schon damals gingen Widerstandskämpfer wie Ludwig Beck, Hans Oster und Carl-Friedrich Goerdeler dort ein und aus. Im Frühjahr 1940 schenkte Roloff den Fichtenhof seiner Frau.

Der Mitverschwörer des 20. Juli – unerkannt

Er war Firmenlenker und Manager, er gehörte dem dezidiert konservativen Kreis um Werner v. Alvensleben an – als dessen Schwiegersohn, er stand in Kontakt mit führenden Köpfen des Widerstands bis hin zu Carl Friedrich Goerdeler, Generalmajor Oster und Generaloberst Beck: Wilhelm Roloff ist eine der bedeutenden Gestalten in Bremen im 20. Jahrhundert. Es kann angesichts dessen manchem Lokalhistoriker in der Hansestadt an der Weser die unangenehme Frage nicht erspart bleiben, wie es kommen konnte, dass dieses Kapitel der Landesgeschichte bislang unerkannt war. Wurde vielleicht einseitig nach linken, gewerkschaftlichen und kommunistischen Menschen im Widerstand geforscht? Wurden die bürgerlich-konservativen Kreise dagegen ausgeblendet?

Jedenfalls blieb ein Mitverschwörer des 20. Juli unerkannt – denn das war Wilhelm Roloff. Er war nicht nur Gastgeber und engagierter Gesprächspartner für viele Widerstandskämpfer, sondern er vermittelte dem von der SS verfolgten Eduard Brücklmeier, der seine Existenz als Diplomat wegen seiner Kritik an Hitler verloren hatte, im Jahre 1941 eine Anstellung in der Verwaltung, als Spezialist für Tiefkühlkost. Das war mutig! Lohmann legt dann völlig korrekt dar, wie Roloff ein Jahr später, als Brücklmeier die Einberufung zu einem Todeskommando an der Ostfront drohte, einen Posten direkt in seiner Firma, der „Nordsee“, gab. Das rettete Brücklmeier zunächst das Leben, später, nach dem Stauffenberg-Attentat, sollte er in Berlin-Plötzensee gehenkt werden.

Die Treffen von Widerstandskreisen im Fichtenhof wurden zahlreicher, seine Bewohner gehörten zu den Verschwörern. 1944 erklärte sich Roloff sich dann gegenüber den führenden Köpfen des Kreisauer Kreises bereit, in einem Deutschland nach Hitler eine führende Rolle im Ernährungsministerium einzunehmen. Packend schildert Lohmann nun, wie Roloff nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat verhaftet und gefoltert wurde. Doch er erhielt Hilfe. Wichtig war Charlotte Pommer, wichtiger war jedoch seine Frau. „Lexi“ schmuggelte sich selbst in Gestapo-Verhöre ein, beeinflusste deren Verlauf und rettete ihrem Mann letzlich mutmaßlich das Leben. Mit einer Vielzahl von Details gewinnt das Lohmann-Buch in diesem Kapitel die Qualität eines Krimis. Doch es ist die Realität, die der Autor schildert.

Ein „kleines Kreisau“?

Durch die Verfolgung durch das NS-Regime und durch die Lebensschicksale nach 1945 zerbrach die so schöne wie bedrohte kleine Welt des Fichtenhofes bald nach der Befreiung endgültig. Das betraf zum Beispiel die Witwe und die Kinder des von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers Lehndorff, die hier Zuflucht gefunden hatten, denn Alexandra Roloff verkaufte den Fichtenhof bald. Wilhelm Roloff emigrierte – nach Äthiopien, in die Schweiz, nach Kanada. Wanderte er auch deswegen aus, weil sein kompromissloser Widerstand gegen Hitler in Bremen aus politischen Gründen übergangen und missdeutet wurde? Wurde der gesamte Clan der Alvenslebens – denn von Roloffs Schwiegervater, Werner v. Alvensleben, ging die Fundamentalkritik an Hitler im Fichtenhof ja eigentlich aus – ebenfalls übersehen oder gar bewusst verdrängt? Ob dies vielleicht, wenn dem so war, am politischen Gesamtklima im Bundesland Bremen lag? Durften großbürgerlich lebende Menschen und alter Adel rückblickend einfach nicht im Widerstand gewesen sein? Viel zu lange jedenfalls waren der Fichtenhof und der dort agierende konservative Widerstand unbekannt und vergessen. Dem Autor dieses Buches und auch dem Verlag Edition Falkenberg gebührt in jedem Fall großer Dank!

Roloff ist nun als Mann des Widerstands erkannt. Und stark sind die Anmutungen an das „Berghaus“, das zum Beritt des Moltke-Gutes Kreisau in Niederschlesien gehörte. Zweifelsohne waren die Planungen des Kreisauer Kreises weit konkreter, weit größer angelegt, aber es geht um den Geist, aus dem heraus gehandelt wurde. Dieser Geist ist weit wichtiger als ein mögliches Ergebnis, das ohnehin von der Verfolgung durch das mörderische Nazi-Regime bestimmt wurde. Der Fichtenhof also als „kleines Kreisau“? Vielleicht. Den Historiker Gerd Wöbbeking zitiert Lohmann zum Leben Roloffs jedenfalls wie folgt: „In jedem Falle ist sein Leben glanzvoll und tragisch zugleich. Er hat sich mutiger als viele, gerade viele Manager, gegen Nazi-Deutschland positioniert.“ Das hat Wöbbeking dem Autor Lohmann im Mai 2015 geschrieben.

Späte Ehrung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Erst 2014 wurde Roloff von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand geehrt und wahrgenommen. Es gibt damit vom studentengeschichtlichen Standpunkt her einen weiteren Burschenschafter, der dem Widerstand zuzurechnen ist, denn Roloff gehörte der 1877 gegründeten Burschenschaft Derendingia Tübingen an. Diese Verbindung war nicht als Burschenschaft gegründet worden und pflegte auch zu der Zeit, als er dort aktiv war, ein liberales und offenes Weltbild. Gefochten wurde jedoch damals eifrig, was man Roloff auch zeitlebens ansah. Heute ist die Tübinger Derendingia – immer noch einem liberalen Weltbild verpflichtet – nicht mehr mensurbeflissen.

Der Untergang des Jahres 1945 ließ auch die kleine Welt des Fichtenhofes, die im Geist des Widerstands entstanden war, sang- und klanglos auseinanderbrechen. Lohmann beschreibt diesen Niedergang nüchtern und gut nachvollziehbar. Wilhelm Roloff sollte nie zurückkehren, seine inzwischen geschiedene Ehefrau Alexandra verkaufte den Fichtenhof im Herbst 1949 an die Stadt Bremen, die dort ein Kinderheim einrichtete, aus dem inzwischen eine größere soziale Einrichtung geworden ist. Einerseits ist dies eine tröstliche Entwicklung – andererseits ist es ein kleines Sinnbild dafür, wie der Glanz Europas mit der Katastrophe des Nationalsozialismus unterging. Das kleine Kreisau im Norden verlor die Bedeutung, die ihm in den Zeiten der Diktatur zugewachsen war, sehr rasch. Gut, dass Heinrich Lohmann, der couragierte und mutige Lokalhistoriker, dieses Kapitel des konservativ-bürgerlichen Widerstands gegen Hitler, zugleich ein Stück Geschichte der Studentenverbindungen, gegen die bremischen Zeitläufte wieder ans Licht gebracht hat!

Heinrich Lohmann, Der Bremer Fichtenhof und seine Bewohner / Ein wenig bekanntes Kapitel aus dem deutschen Widerstand, Edition Falkenberg, Bremen 2018, 311 Seiten, broschiert, 24,90 Euro.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Sigler: Auch in Deutschland lauert der Hass

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Bremen, Zeitgeschichte, Drittes-reich

Debatte

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg

Dietmar Bartsch: "Das Ende von Weimar darf sich nicht wiederholen"

Am 6. Februar 1919 trat die deutsche Nationalversammlung erstmals in Weimar mit dem Vorhaben zusammen, der noch jungen Republik eine Verfassung zu geben. Dietmar Bartsch sieht diesen Tag als Auftra... weiterlesen

Medium_e004f53d02
von Dietmar Bartsch
08.02.2019

Debatte

Wir Deutschen haben eine historische Verantwortung

Medium_79246393db

Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen

Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. Seit achtzig Jahren, seit dem 9. November 1938, ist er vor allem ein Schicksalstag der Jüdinnen und Juden. An jenem Tag brannten überall in Deu... weiterlesen

Medium_e004f53d02
von Dietmar Bartsch
09.11.2018

Debatte

Bei Adolf Hitler abgeschrieben?

Medium_1d8f4d6914

Gaulands Ghostwriter

Na, woher stammt das denn? Historiker werfen AfD-Politiker Alexander Gauland vor, Argumentation und Duktus in seinem Gastbeitrag in der FAZ von einer Hitler-Rede übernommen zu haben. Ein Kommentar ... weiterlesen

Medium_4775a73792
von Herbert Ammon
18.10.2018
meistgelesen / meistkommentiert