Calderón hat nie die Verantwortung übernommen. Sergio Aguayo

Özil-Affäre: Geht es nur um die Fußball-EM 2024?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den massiven Angriffen, die Ex-Nationalspieler Mezut Özil gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel richtet, und der Vergabe der Fußball-EM 2024? Die einzigen beiden Kontrahenten, die um die Austragung kämpfen, sind Deutschland und die Türkei. Es erscheint sonnenklar: Erdogan spielt hier mit! Ist die causa Özil ein grobes Foul gegen DFB-Präsident Grindel?

Dieser Text vom 23. Juli erhielt zum 26. Juli eine Ergänzung, denn auch prominente Kollegen sagen: Erdogan spielt hier mit!

Der kleine Mezut spielte im eher schäbigen östlichen Gelsenkirchen, wo er aufwuchs, mit Begeisterung und Hingabe in den örtlichen Jugendmannschaften. Er galt als introvertiert, etwas weltfern – aber immer fußballbegeistert. Es wäre völlig logisch, wenn es ihm auch vor ein paar Wochen nur darum gegangen wäre, „dem Präsidenten des Landes seiner Familie“ ein Fußball-Trikot zu überreichen. Vielleicht, um ihm zu zeigen, was aus einem Jungen aus seinem Land geworden ist. Ganz ohne Hintergedanken, denn ein türkischer Junge, der nicht in der Türkei aufwächst, ist ein türkischer Junge. Und er bleibt ein türkischer Junge. Der deutsche Pass? Was ist ein deutscher Pass denn mehr als ein Büchlein aus fälschungssicherem Papier?

پاشا قاپوسى – Die Hohe Pforte und das 21. Jahrhundert

Derjenige, dem der nun schon große Mezut sein T-Shirt überreichte, das war kein weltferner, fußballbegeisterter Enthusiast. Das war ein Machtpolitiker, der den Fußball so benutzt, wie er alles benutzt: zum Ruhm einer Türkei, die dem ottomanischen Reich gleichen soll. Und zum Ruhme eines konpromisslosen, sunnitischen Islam. Der Fußball kommt als Instrument gerade recht, denn dieser Sport ist tief im Herz der Europäer verwurzelt. Wer die Sprache des Fußballs spricht, der wird in Europa gehört. Das hat Erdogan sehr genau beobachtet, und er nutzt jede Chance, um sich – und seiner Religion – Gehör zu verschaffen. Der Pass, den diejenigen in der Tasche tragen, die ausersehen sind, ihm zu helfen, ist ihm ein offenkundig egal.

Nachhaltig Einfluss verschaffen möchte sich Reccep Tayyib Erdogan in Europa. Fußball ist ihm dafür ein probates Mittel, aber um was geht es eigentlich? Um eine viel ältere Machtfrage. Schon vor der Eroberung von Konstantinopel, das 1453 durch Verrat an die Türken fiel, haben seine Vorfahren eine extrem expansive Politik betrieben, der Blutzoll im einst christlichen Kleinasien und auf dem Balkan war enorm hoch. Dass die Türken im Jahre 1683 vor Wien standen, war nur logisch. Möchte Erdogan die Niederlage rächen, die seinen Vorgängern damals von den vereinten Europäern beigebracht wurde? Wird der Machthaber mit dem großen Ego hinter seinen Vorgängern, den türkischen Sultanen, zurückstehen wollen? Nun, es sieht so aus, als wolle er das nicht. Sonst hätte er nicht hunderte von türkischen Beamten nach Deutschland entsandt. Sie tun dort Dienst in den Moscheen des DITIB, die de facto türkisches Hoheitsgebiet sind – staatsrechtlich gesehen natürlich nicht. Aber was ist schon der deutsche Staat – ist er etwa mehr als ein deutscher Paß?

Sollte hier Integration auf Teufel komm raus gelingen?

Fußballfans hierzulande war schon länger aufgefallen, dass Özil nicht recht in Form war. Die Formkrise dauert, bei Licht besehen, schon mehrere Jahre lang. Von den Leistungen auf dem Platz her war er eigentlich kein Kandidat für’s Nationalteam. Aber es war ja auch keine „Nationamannschaft“ mehr, sondern nur noch „Die Mannschaft“. Wurde Mesut Özil für die Mannschaft, die mit dem Mercedes-Stern am Revers dann wohl auch für „Das Land“ – welches auch immer – spielt, dringend gebraucht? Als Beleg für eine gelungene Integration, die gelungen sein musste, weil sie – politisch gewollt – um jeden Preis gelingen sollte? Die Gedanken, die sich in diesem Zusammenhang zur Rolle und letztendlich zum wahren Wirkungsfeld eines Joachim Löw aufdrängen, überlasse ich den Kollegen aus den Sportredaktionen.

Für das hier geäußerte Gedankenspiel zur Politik – mehr als ein Gedankenspiel ist es nicht – spricht indes, was Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern, auf seine ungehobelte Weise zum Fall Özil beizutragen hat: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen“, so zitierten Sport Bild und Bild-Zeitung den Fußball-Boß. Und sportlich hat Özil seit Jahren nichts in der Nationalmannschaft verloren." Vielmehr verstecke Özil „sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto“, sagte Hoeneß mit Blick auf den Fototermin mit dem türkischen Machthaber. Seine fußballerische Leistung dagegen trage legendenhafte Züge: „Seine 35 Millionen Follower-Boys – die es natürlich in der wirklichen Welt nicht gibt – kümmern sich darum, dass Özil überragend gespielt hat, wenn er einen Querpass an den Mann bringt.“ Diese Aussagen sind mehr als eine Meinung zu einer Fußballfrage. Sie sind ein handfestes Poltikum. Und sie könnten der Wahrheit verdammt nahe kommen.

Warum wurde der DFB-Präsident zur Zielscheibe?

Denn es geht um Politik. Hoeneß bramabasiert weiter, die Entwicklung in Fußball-Deutschland sei „eine Katastrophe. Man muss es mal wieder auf das reduzieren, was es ist: Sport.“ Und darum ging und geht in der causa Özil wohl kaum noch: um den Sport. Wenn am 27. September entschieden wird, ob Deutschland oder die Türkei die Fußball-EM 2024 ausrichten, geht es um sehr handfeste Politik. Und um viel, viel Geld. Und für Erdogan um Einfluß auf Europa. Ein schwacher DFB-Präsident, ein durch den Özil-Rücktritt idealerweise an den Rand des Rücktritts gedrängt, wäre der Gegner, den der selbstermächtigte Sultan sich wünscht. Damit er die Austragung der EM in die Türkei holen kann. Welche Rolle die Kritik spielte, die Grindel an Özil übte, nachdem dieser seinen Kotau vor Erdogan gemacht hatte, sollte vor diesem Hintergrund neu und objektiv untersucht werden. Es kann sein, dass Grindel etwas weiß, was in der Öffentlichkeit nicht jeder weiß. Es kann sehr gut sein, dass der DFB-Präsident Unterstützung verdient!

Für Özil und im übrigen auch für frühere DFB-Mitarbeiterwie den ehemaligen Pressechef Thomas Stenger ist Grindel der „schlechteste DB-Präsident aller Zeiten” – ganz auffällig ist, dass Erdogan für diese Leute sakrosankt ist. Es scheint, wenn es um den türkischen Machthaber geht, völlig in Ordnung zu sein, sich mit einem Sultandarsteller zu treffen, der die ausgestreckte Hand, die Europa seinem Land bot, ausgeschlagen hat. Erdogan genießt auffällig viele Sympathien, bei Özil ebenso wie in bestimmten Kreise im DFB. Grindel aber wird auffällig ins Abseits gestellt. Und da wird sie dann auf ganz neue Weise aktuell, die Frage: Deutschland oder die Türkei?

Erdogans Blutgrätsche

Dieser Text datiert vom 23. Juli 2018. Am 25. Juli schrieb dann der Handelsblatt-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs in seinem Morning Briefing, der Fall Mesut Özil werde von Tag zu Tag politischer, absurder und geheimnisvoller. Im Mittelpunkt stehe Özils „türkischer Fotofreund” Recep Tayyip Erdogan, der die Haltung des Ex-Nationalspielers inzwischen dezidiert „patriotisch” nenne: „Ich küsse seine Augen.” Diese Formulierung deutet für in muslimischen Formulierungen geschulte Ohren darauf hin, dass Erdogan Özils als seinen metaphorischen Sohn ansieht. Das ist, ganz anders als im christlichen Kontext, von hoher symbolischer Bedeutung. Aber hier nicht nur im muslimisch-familiären Sinn. Denn die Türkei möchte die Fußball-EM 2024 veranstalten, und nun kämpft Erdogan mit seinen ureigenen Waffen: mit denen eines mohammedanischen Sultans. Dazu nochmals Jakobs: „Je rassistischer, inhumaner und unbedarfter der DFB erscheint, umso besser für Erdogans ‘Soko Bosporus’. Özils agiler Berater Erkut Sögüt hat bei dieser Geschäftsanbahnung per Augenkuss wohl einen Spezialjob übernommen.” Halt, halt! Sögüt? Ist das nicht dieser besonders gute Freund von Joachim Löw? Welches Spiel wird hier gespielt? Welche Rolle spielt Löw? Sind es wirklich sportliche Gründe, deretwegen er noch im Amt ist?

Wie kurzsichtig ist dagegen der wohlfeile Vergleich mit Lothar Matthäus, der sich mit Russlands Machthaber Putin getroffen hat. Einen Aufschrei der Empörung habe es nicht gegeben, so wird verwundert festgestellt. Die Antwort, warum das so ist, möchten all diejenigen nicht hören, die an die Integration alles in alles und von jedem in jede Gesellschaft glauben wollen. „Glaube“ ist nämlich das Stichwort. Putin mag ein brutaler Machthaber sein, und von Demokratie ist sein Herrschaftsstil weit entfernt. Aber dieser Herrschaft liegt kein religiöses Buch zugrunde, das zum Mord an Andersgläubigen aufruft. Muslime in Russland sind keine Dhimmi, sie müssen kein Ghibli zahlen. Sie werden nicht als Untermenschen behandelt, sondern sind gleichwertig zu Christen. So, wie das die Bibel lehrt. Das ist der Unterschied. Und wer diesen Unterschied nicht sieht, der wird auch nicht verstehen, warum eine knappe Million junger, muslimischer Mäner sich nie und nimmer in ein westeuropäisches Land integrieren lassen. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück zum Fußball.

Özil ist ein Werkzeug Erdogans

Am 27. September wird also entschieden: Deutschland oder die Türkei? Vor dieser Frage stand Mezut Özil, und er hat sich nun doch für die Türkei entschieden. Warum es dazu kam, weiß er vielleicht nicht. Doch die Vermutung bleibt: Der „Präsident des Landes seiner Familie“ hat ihn zu seinem Werkzeug gemacht. Soll Özil helfen, das große europäische Fußballfest in ein Land zu holen, dass sich aus just Europa rasant entfernt hat? Möchte der der autokratische, mutmaßlich diktatorische Erdogan in europäischer Sonne glänzen? Jener Erdogan, der seine DITIB-Beamten zu Hunderten in Moscheen hierzulande schickt, der auch sonst so gern nach Deutschland blickt: Hat er hierzulande vielleicht sogar ein Vorbild für ein Sportfest in der jüngeren Vergangenheit gefunden, das als gigantische Propaganda-Maschine perfekt funktionierte?

Und Özil? Der ist zwar inzwischen ein mit allen Themsewassern gewaschener Multimillionär, aber er wird seine Vereinnahmung durch Erdogan vielleicht nicht gemerkt haben, wenn – nun ja, falls er denn der fußballverrückte, aber ein wenig weltferne Einzelgänger aus Gelsenkirchen-Ost ist, für den ihn hierzulande sehr viele Menschen immer noch halten.

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