Da krieg ich so den Ball und das ist ja immer das Problem. Gerald Asamoah

Kartellverband und Widerstand

20. Juli 1944. Das Stauffenberg-Attentat macht den Widerstand gegen Hitler schlagartig offenbar, unbarmherzig lässt Roland Freisler hinrichten. Kaum bekannt: Etliche Widerstandskämpfer gehören seit Uni-Tagen diversen Studentenverbindungen an. Unter denen, die Hitler töten wollen, sind einige prominente Corpsstudenten. Die größere Zahl der Opfer kommt indes aus religiös orientierten Verbindungen.

Roland Freisler (schreiend): „Bald werden Sie in der Hölle sein!“
Der KVer Josef Wirmer (ruhig): „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident!“

Die Mitglieder religiös gebundener Korporationsverbände, die unter die Widerstandskämpfer einzureihen sind, verdienen besondere Beachtung. Allein das Bekenntnis zum christlichen Glauben reichte im Regime des Nationalsozialismus, um verfolgt zu werden. Den Nationalsozialisten war bewußt, daß der gelebte Katholizismus und auch die strikt protestantische Bekennende Kirche mit ihrer Ideologie absolut unvereinbar waren. Beide Konfessionen haben ihre Widerstandskämpfer. Die katholische Seite war in der Gesellschaft insgesamt wohl ein gutes Stück weniger vereinnahmt, hier finden sich besonders viele Zeichen des Widerstands. Die ebenso im Brennpunkt stehende Bekennende Kirche bildete innerhalb des Luthertums eine Minderheit; mit Männern wie Dietrich Bonhoeffer, der der Tübinger Verbindung A. V. Igel angehörte, besitzt sie aber ebenfalls leuchtende Vorbilder.

Die heutige Kolumne ist indessen den Mitgliedern katholischer Verbindungen gewidmet, die zum Widerstand gegen das NS-Regime zu zählen sind. Es sind besondere Menschen, denn Widerstandsbiographien sind im Gesamtkontext des deutschen Verbindungswesens die große Ausnahme, das sei hier ausdrücklich betont. Erst lange nach ihrer Studienzeit gerieten die meisten ins Fadenkreuz des NS-Regimes und des furchtbaren Präsidenten des Volkgerichtshofes, Roland Freisler, der übrigens seinerseits ebenfalls zeitweilig Mitglied einer Schwarzburgverbindung, der Alemannia Jena, war. Denn Mitglied einer Verbindung bleibt jeder Mann und jede Frau im Normalfall ein Leben lang, und deshalb ist auch immer wieder von „Studenten“ die Rede. Der hier vorgelegte Text stammt aus der Monographie Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler.

CV bedeutet „Cartellverband“; damit sind katholische, farbentragende Verbindungen gemeint, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Vorbild der alten Landsmannschaften – also der Corps – entstanden, nachdem aus der Vatikan ein Mensurverbot für Katholiken ergangen war. Solche Verbindungen lehnen das Mensurfechten komplett ab. Wie zahlenmäßig stark der Widerstand aus den Reihen der Angehörigen von CV-Verbindungen war, belegt – exemplarisch für die katholischen Verbände – das von Herbert Fritz und Peter Krause herausgegebene Sammelwerk „Farbe tragen – Farbe bekennen“, das sich die Verfolgung der Korporierten in Österreich unter den Nationalsozialisten mit großer Akribie dokumentiert. In diesem Standardwerk von bleibendem Wert, das im Jahre 2013 neu herausgegeben wurde, finden sich hunderte von Lebensschicksalen, die mit der Nazi-Ideologie unvereinbar waren und mit dem NS-System kollidierten. Und die allzu oft mit dem Tod endeten.

Rupert Mayer

Heute noch sehr präsent ist Pater Rupert Mayer, im Süden Bayerns wird er in vielen Kirchen verehrt. Mayer war Mitglied der CV-Verbindungen Teutonia Fribourg, Aenania München und A. V. Guestfalia Tübingen. Im Ersten Weltkrieg noch mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse dekoriert, kämpfte er mit immer neuen Predigten gegen den Nationalsozialismus. Er wurde ab 1937 von der Gestapo verfolgt und verschiedentlich inhaftiert. Im KZ Oranienburg wurde er schwer gefoltert, und die Folgen der grausigen Haft waren wohl die Ursache für seinen plötzlichen Tod am Allerheiligentag 1945. „Apostel Münchens“, so wurde Pater Rupert schon zu Lebzeiten genannt. Sein Grab auf dem Jesuitenfriedhof der 20 Kilometer südlich von München gelegenen Gemeinde Pullach wurde bald von vielen Menschen besucht, an manchen Tagen waren es Hunderte. Daher wurden seine sterblichen Überreste schon 1948 in die Unterkirche der Münchner Bürgersaalkirche überführt. 1950 begann ein formeller Seligsprechungsprozeß; am 3. Mai 1987 wurde Pater Rupert Mayer durch Johannes Paul II. anläßlich des Papstbesuches in Deutschland im Münchner Olympiastadion seliggesprochen.

Clemens August Kardinal Graf von Galen

Ebenfalls völlig furchtlos protestierte Clemens August Kardinal Graf von Galen gegen das NS-Regime. Schon in den 1920er Jahren hatte er gegen die Nationalsozialisten gepredigt, und nach der Machtergreifung tat er dies mit wachsender Vehemenz. Im Jahre 1936 wurde Graf Galen Mitglied der katholischen Studentenverbindung F. A. V. Rheno-Guestfalia Hannoversch Münden zu Göttingen im CV. Die Aufnahme war 1936 nur noch heimlich möglich, weil das NS-Regime bereits die Auflösung aller Verbindungen angeordnet hatte.

Graf Galen, seit 1933 Bischof der Diözese Münster, protestierte offen und strikt gegen die Tötung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen unter dem Decknamen „T4“. Seine drei wichtigsten Predigten dazu hielt im Mai 1941. Sie führten dazu, daß Hitler die von ihm persönlich angeordnete Aktion „T4“, also die „Tötung lebensunwerten Lebens“, und andere Morde an behinderten Menschen schließlich stoppen ließ. Karol Woityla, der spätere Papst Johannes Paul II., der als Priester unter der deutschen Besetzung in Polen ab 1942 Zwangsarbeit in einer Chemiefabrik leisten mußte, hat die Predigten des streitbaren Münsteraner Bischofs lange vor der Befreiung von der NS-Herrschaft in Abschriften erhalten. Die unbeugsame Haltung Graf Galens, des „Löwen von Münster“, hat einer unbekannten, aber mutmaßlich sehr großen Zahl von Menschen mit Behinderung das Leben gerettet. Das ist heute eine gesicherte Erkenntnis, bemerkenswert ist aber, daß dies auch viele Zeitzeugen schon so wahrnahmen.

Es gibt in der Forschung divergierende Meinungen zu der Frage, ob die Predigten eines Bischofs wie Graf Galen allein als Widerstand gegen das NS-Regime zu werten sei. Neuere Beiträge weisen indes zunehmend die Tendenz auf, dies so zu sehen. Galen wurde noch 1946 kurz vor seinem Tod, zum Kardinal erhoben. Karol Woityla, inzwischen Papst Johannes Paul II., hatte das Verfahren zu Graf Galens Seligsprechung vorangetrieben und abgeschlossen; kurz vor dem formellen Vollzug dieser Erhebung starb er jedoch. So hat sein Nachfolger, Papst Benedikt XVI., selbst CVer und KVer, den CVer Graf Galen am 9. Oktober 2005 in Rom seliggesprochen.

Georg Häfner

Knapp sechs Jahre später, am 15. Mai 2011, wurde in Würzburg die Seligsprechung Georg Häfners gefeiert. Der am 19. Oktober 1900 geborene Häfner war Mitglied der Würzburger Unitas Hetania. Eine Unitas-Verbindung folgt denselben Prinzipien wie der CV, zu den Unterschieden in der Verbindungspraxis gehört aber, daß ein Unitarier kein Couleur trägt, also kein Band und keine Mütze.

Häfner war ein zurückhaltender, ein äußerst bescheidener Mann. Doch er war konsequent und unbeugsam er auf Einhaltung der kirchlichen Lehre bedacht. Das zeigte sich, als er im November 1934 seine erste Stelle als Gemeindepfarrer in Oberschwarzach im fränkischen Steigerwald antrat. Er beugte er sich nicht, verweigerte konsequent den Hitlergruß, spendete weiter die kirchlichen Sakramente und wurde so bei örtlichen Parteigrößen verhaßt. 1941 erteilte er einem Gemeindeglied, das NSDAP-Mitglied war, die Sterbesakramente. Dieser Vorfall rief die Gestapo auf den Plan; Häfner wurde in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Dort starb er, geschwächt durch vielfache Folter und Krankheiten, für die ihm die medizinische Behandlung bewußt versagt worden war, am 20. August 1942 – er verhungerte schließlich, weil er zu schwach zum Essen war, niemand half. Das KZ Dachau war für eine besonders menschenverachtende Behandlung von Priestern bekannt, der sogenannte „Priesterblock“, in dem Häfner als Pfarrer einsitzen musste, war besonders berüchtigt.

Eugen Bolz

Aus seiner christlichen Haltung heraus erklärt sich die Bedeutung des Zentrumspolitikers Eugen Bolz, Mitglied der CV-Verbindungen Guestphalia Tübingen, Bavaria Bonn und Suevia Berlin. Bolz gehörte dem Landtag des Freien Volksstaats Württemberg und dem Berliner Reichstag an. Als Anhänger der katholischen Soziallehre wurde er von den Nationalsozialisten als gefährlicher Gegner eingestuft und am 19. Juni 1933, nach seiner Verdrängung aus allen Ämtern, für mehrere Wochen im KZ Festung Hohenasperg interniert. Spätestens Anfang 1942 kam er in Kontakt mit Carl Goerdeler, der selbst als Tübinger Turnerschafter Verbindungsstudent war.

Bolz leistete bedeutende geistige Beiträge zu den Planungen und Vorstellungen des Widerstands gegen Hitler. Er war zum Äußersten entschlossen; in der Kabinettsliste der Widerstandskämpfer des 20. Juli war er als Reichskultusminister nach einem Umsturz vorgesehen. Am 12. August 1944 wurde Bolz verhaftet, am 21. Dezember zum Tode verurteilt, am 23. Januar 1945 in Plötzensee enthauptet. Zum Goerdeler-Umfeld im Widerstand gegen das NS-Regime sind neben Bolz der CVer Hans Lukaschek, früherer Oberpräsident von Oberschlesien und Angehöriger der Rheno-Palatia Breslau, ebenso zu zählen wie Cuno Raabe, Oberbürgermeister von Hagen, V. K. D. St. Rhenania Marburg.

Josef Wirmer

Ebenfalls zu den katholischen Verbindungen zu zählen ist der Kartellverband, kurz KV. Die ihm angehörenden Vereine, denn sich selbst nennen die KV-Vereine nicht „Verbindung“, sind ähnlich verfaßt wie ein CV. Mit den Unitariern hat aber der KV gemeinsam, daß das tragen von Couleur abgelehnt wird. Stellvertretend für viele KVer, die zugleich Blutzeugen Christi sind, sei hier zuerst Josef Wirmer genannt. Wirmer wurde am 19. März 1901 in Paderborn geboren. Er studierte zunächst in Freiburg im Breisgau und dann in Berlin, wo er sich 1928 als Rechtsanwalt niederließ. In Freiburg wurde er Mitglied des KStV Brisgovia und später des KStV Flamberg, in Berlin gehörte er als Philister der Guestphalia, in Bonn dem KStV Langemarck an, zudem war er Ehrenphilister des Berliner KStV Semnonia.

Als engagierter Gegner der Nationalsozialisten kam Wirmer 1936 in Kontakt zum Widerstandskreis um den Gewerkschafter Jakob Kaiser, der sich bereits damals am Pro¬gramm für den Wiederaufbau eines demokratischen Gewerkschaftswesens mit dem Ziel der Errichtung einer Einheitsgewerkschaft beteiligte. Ab Ende 1941 begann die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister und Tübinger Turnerschafter Carl-Friedrich Goerdeler, einem der politischen Köpfe des deutschen Widerstandes. 1944 befürwortete und unterstützte Wirmer wie Bolz ausdrücklich den Attentatsplan Stauffenbergs.

Nach dem mißglückten Attentat auf Hitler wurde Josef Wirmer am 4. August 1944 verhaftet und am 8. September zum Tode durch den Strang verurteilt. Sein Todesurteil, das ihm der furchtbare Roland Freisler verlas, quittierte er mit folgendem Satz: „Wenn ich hänge, Herr Präsident, habe nicht ich die Angst, sondern Sie!“ Freisler schrie ihn mit sich überschalgender Stimme an: „Bald werden Sie in der Hölle sein!“ Wirmer darauf: „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident!“

Andreas Hermes

Andreas Hermes, ein gebürtiger Kölner, studierte ab 1896 an den Universitäten Bonn, Jena und Berlin Landwirtschaft und Philosophie. 1898 trat er der katholischen Studentenverbindung K. St. V. Rheno-Borussia in Bonn, einer KV-Verbindung. In den 1920er Jahren bekleidete er höchste Ämter in der Verwaltung der Landwirtschaft, war Abgeordneter im Preußischen Landtag und bis 1933 auch im Reichstag. Im März 1933 wurde er aufgrund seiner offenen Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten erstmals verhaftet und zu vier Monaten Haft verurteilt. Er ging 1936 ins Exil nach Kolumbien, kehrte 1939 nach Deutschland zurück, um seine Familie ins Exil nachzuholen, wurde aber durch den Beginn des Zweiten Weltkrieges an der Ausreise gehindert.

Hermes engagierte sich nun energisch im Widerstand gegen das NS-Regime, hatte Kontakte zum Kreis um Carl Friedrich Goerdeler und zum Kreisauer Kreis. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Als Hauptmotiv für seine Beteiligung am Widerstand nannte er seine christliche Weltanschauung. Da er auf einer Ministerliste von Goerdeler als möglicher Landwirtschaftsminister oder Ernährungsminister genannt war, wurde er am 11. Januar 1945 zum Tode verurteilt. Die kriegerischen Ereignisse in Berlin vor der Eroberung durch sowjetische Truppen bewahrten ihn vor der Vollstreckung des Urteils. Nach 1945 war er mit bedeutenden Aufgaben in der Bundesrepublik betraut, das Wiedererstehen von Raiffeisenkasse und -versicherung ist wesentlich ihm zu verdanken.

Wilhelm Emanuel Frhr. v. Ketteler

Drei Mitglieder der Münchner Rheno-Bavaria, die mit gewisser Einschränkung zum KV gehört, sind zum Kreis der Widerstandskämpfer zu zählen; als Gegner des NS-Regime sind mehrere weitere Rheno-Bavaren in Erscheinung getreten. Hier soll zunächst Wilhelm Emanuel Frhr. v. Ketteler Erwähnung finden, ein Diplomat und erklärter Gegner des NS-Terrors, der außer bei Rheno-Bavaria auch bei der KV-Verbindung Frisia Bonn aktiv war. Ketteler gehörte zum Mitarbeiterstab des ehemaligen Reichskanzlers Franz von Papen, zu den „Papenschweinen“ – so der Jargon der Nationalsozialisten. Als Papen ab 1934 „Sondergesandter des Reichspräsidenten“ in Wien war, zählte er zu dessen Mitarbeitern. Von Wien aus schaffte er Akten, die Papen ent- und Hitler belasteten, in die neutrale Schweiz. Unter anderem deswegen wurde er von Nationalsozialisten ermordet – wahrscheinlich noch am Tag des Einmarsches der Deutschen Wehrmacht nach Österreich, am 13. März 1938.

Max Ulrich Graf von Drechsel

Ebenfalls bei der Münchner Rheno-Bavaria aktiv war Max Ulrich Graf von Drechsel. Er war über Alfred Delp in Kontakt mit Widerstandskreisen in Kontakt gekommen. Ludwig Frhr. v. Leonrod weihte Drechsel, der Offizier war, im Juni 1944 in die Pläne Stauffenbergs ein; kurz vor dem Attentatsversuch vom 20. Juli wurde Drechsel als Verbindungsmann für den Wehrkreis VII – München – vorgesehen. Weil schon sehr bald die Gestapo diese Liste fand, wurde Drechsel am 12. August 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof am 3. September zum Tode verurteilt und tags darauf in Plötzensee gehenkt.

Karl Ludwig Reichsfreiherr von und zu Guttenberg

Der dritte aus dem Kreis der Münchner Rheno-Bavaren ist Karl Ludwig Reichsfreiherr von und zu Guttenberg. Der kam bereits 1942 als Mitarbeiter Hans Osters in Kontakt mit Carl Goerdeler. Im Verlauf des Jahres 1943 geriet er in Kroatien in das Visier der dortigen Gestapo-Agenten, weil er auf eigene Faust Gefangenenaustausche organisiert und grausame Befehle abgeschwächt hatte. In die Attentatsvorbereitungen der Widerstandskämpfer um Graf Stauffenberg war zu Guttenberg eingeweiht; nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und nach Berlin in das Gefängnis Lehrter Straße gebracht. Trotz Folter hatte er offenbar keine Namen von Mitverschwörern preisgegeben.

In der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945, Berlin war bereits teilweise von der Roten Armee erobert, wurde Guttenberg von SS-Leuten abgeholt und auf einem Ruinengrundstück im Zentrum Berlins ermordet. Sie hatten vorgegeben, ihn zusammen mit Mitgefangenen in die Prinz-Albrecht-Straße bringen zu wollen, um ihn von dort aus auf freien Fuß zu setzen. Herbert Kosney, ein Mitgefangener, dem dasselbe Schicksal tags zuvor durch die SS zugedacht war, der aber „nur“ in Wange und Hals getroffen wurde, bei Bewußtsein geblieben war und sich, obschon lebensgefährlich verletzt, geistesgegenwärtig totgestellt hatte, übermittelte wenige Tage später, im Gesicht entsetzlich gezeichnet, die Nachricht von dieser mehrere Tage andauernden Todesmission der Gestapo. In seinen Erinnerungen erwähnt Kosney auch den Dichter der „Moabiter Sonette“, Albrecht Haushofer, der eine Nacht vor Guttenberg sein Leben lassen mußte.

Die militärische Lage in Berlin-Moabit war in der Nacht zum 24. April nochmals ungleich prekärer als tags zuvor. Die sowjetischen Soldaten, die zu Guttenberg hätten befreien können, standen zu diesem Zeitpunkt nur wenige Kilometer entfernt. Guttenberg wurde wahrscheinlich wie Haushofer durch einen Genickschuß getötet. Seine Leiche wurde nie gefunden. Nur durch Herbert Kosney haben wir Angaben zu seinem Schicksal.

Johannes Prassek und Joseph Schmidlin

Ebenfalls Unitarier – Alter Herr bei Rheno-Moenania Frankfurt und der heute in Essen ansässigen Ruhrania Münster – war Johannes Prassek. Er hatte sich intensiv um die Seelsorge für polnische und ukrainische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gekümmert. Diese Geste der Mitmenschlichkeit wurde ihm als Widerstand gegen die Maßnahmen des menschenverachtenden NS-Systems ausgelegt. Prassek wurde deswegen am 10. November 1943 im Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel ermordet. Am 25. Juni 2011 wurde Prassek seliggesprochen. – Mindestens 500 Unitarier, viele davon Kleriker oder Priester, dürften insgesamt unter Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes schwer gelitten haben. Stellvertretend für die Professoren sei hier Joseph Schmidlin genannt, Mitglied bei Unitas Freiburg und Unitas Frisia. Schmidlin ist als Wissenschaftler bedeutend, er ist kein Geringerer als der Begründer der katholischen Missionswissenschaft.

Widerstand im katholischen Rheinland

Mehrere Bonner Arminen haben sich aktiv dem NS-Regime widersetzt; einige schreckte dabei weder persönliche Verfolgung noch der Tod. Zu diesen gehören Leo Trouet, „Märtyrer des Erzbistums Köln“, in der Haft in Köln zu Tode gefoltert, Benedikt Schmittmann, ebenfalls „Märtyrer des Erzbistums Köln“, 1933 von der Gestapo erstmals verschleppt und 1939 im KZ Sachsenhausen-Oranienburg zu Tode gefoltert. Walther Hensel, Mitglied des Rheinischen Widerstandskreises, von der Gestapo in Düsseldorf verhaftet und gefoltert, ist ebenso zu nennen wie Paul Franken. Letzterer war außerdem Philister der Semnonia Berlin; seit 1930 war er führend im KV-Verband tätig. Ab 1936 trug Franken in Bonn wider Willen den vom NStSTB verfügten Titel „Korporationsführer“, denn er war Vorsitzender des Altherrenbundes der Arminia bis zu dessen Auflösung, die schließlich 1938 verfügt wurde. Franken war ebenfalls aktiv im Rheinischen Widerstandskreis, ab November 1937 saß er für fünfzehn Monate wegen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ in Düsseldorf in Gestapohaft. Nach dem Ende der NS-Diktatur war er in der Bundesrepublik an führender Stelle publizistisch tätig.

Schicksale im Süden und Südosten

In der Erinnerungskultur der Stadt Bamberg heute noch präsent ist der KVer Hans Wölfel, der am 30. März 1902 im österreichischen Bad Hall geboren wurde. Als Jurastudent war er Mitglied im KStV Ottonia München und dann beim KStV Rheno-Frankonia in Würzburg geworden. Später, als Rechtsanwalt, ließ er sich durch die Nationalsozialisten nicht vereinnahmen, zudem stand er mit verschiedenen Widerstandskreisen in Kontakt. Im berüchtigten Zuchthaus Brandenburg wurde er am 3. Juli 1944 ermordet. In Bamberg erinnert ein Denkmal an ihn, zugleich wurde es übrigens Claus Schenk Graf von Stauffenberg gesetzt.

Im Widerstand aktiv waren auch die Rechtsanwälte Reinhold Frank und Otto Lenz; beide waren Freiburger Arminen. Der österreichische Bauernführer Joseph Reither gehörte dem ÖCV an. Stellvertretend für viele Todesopfer sei der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuss genannt, Angehöriger der K.D.St.V. Franco-Bavaria Wien und der K.D.St.V. Germania Berlin, später Mitgründer des K.D.St.V. Pflug zu Wien, der am 28. Juli 1934 einem Terroranschlag von Untergrund-Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Ergänzend sei darauf schlußendlich hingewiesen, daß die Mehrzahl der österreichischen Widerstandskämpfer und Glaubenszeugen in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden ist.

Ehrendes Gedenken

Alle Menschen, derer in diesem Text gedacht wird, haben eines gemeinsam – das Eintreten für ihren christlichen Glauben, gegen die unmenschliche Diktatur. Sie alle haben dafür einen hohen Preis gezahlt – allzu oft war dieser Preis ihr Leben. Diese Menschen stehen nicht exemplarisch für Studentenverbindungen allgemein, denn über alle Dachverbände hinweg waren die Verbindungsstudenten nicht besser und nicht schlechter als der Durchschnitt der Bevölkerung; einzelne Ausnahmen ändern dieses Bild nicht. Alle, die hier genannt sind, handelten aus persönlicher Verantwortung, nicht etwa als Mitglieder oder gar im Auftrag ihrer Verbindung. Hier kann es nicht um eine Apologie einer bestimmten Form der studentischen Form der Gesellung gehen, diese wäre an hier unangebracht. Doch es gab sie: Korporierte, die als leuchtendes Beispiel des Widerstehens gegen den NS-Staat gelten können. Auch 74 Jahre nach dem Attentat des Grafen Stauffenberg in der Wolfsschanze.

Dieser Text ist ein erweiterter Auszug aus:
Sigler, Sebastian (Hg.), „Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler“, Berlin 2014, 2. Auflage 2015, erschienen bei Duncker & Humblot.

Hinweis in eigene Sache: Dieser Text ist ein Nachdruck. Dem Originaltext ist ein umfangreicher Textapparat mit einer Fülle von Quellenangaben beigegeben, die hier aber aus Erwägungen zur Übersichtlichkeit nicht annotiert sind. In Zweifelsfällen gilt der Text des Originalwerkes inclusive der dortigen Anmerkungen. Das Buch ist in vielen Bibliotheken einzusehen, Interessierte werden aber auch den Kauf nicht bereuen.

Für einige ergänzende Angaben danke ich Christian Delhey, Münster.

Weiterführende Literatur: Fritz, Herbert / Krause, Peter, „Farbe tragen – Farbe bekennen: 1938 – 1945, Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung“, Wien 2013, wesentlich erweiterte Neuherausgabe eines bereits 1988 erschienenen Werkes mit gleichem Titel. Es finden sich in der Neubearbeitung die Namen von rund 800 Korporierten, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Sebastian Sigler: Özil-Affäre: Geht es nur um die Fußball-EM 2024?

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