Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

Von wegen Trump! Das Risiko kommt aus Rom!

Die bevorstehenden Wahlen in Italien ziehen nicht dieselbe Aufmerksamkeit der Anleger auf sich wie diejenigen in Frankreich und Deutschland im vergangenen Jahr. Dabei bergen sie ein unvergleichlich höheres Risiko speziell für die europäischen Märkte. Die Augen der Marktteilnehmer, die angstgeweitet auf Donald Trump starren, sollten sich besser auf Rom richten.

Aus den meisten aktuellen Meinungsumfragen für die bevorstehenden Parlamentswahlen in Italien geht hervor, dass es am kommenden Sonntag, wenn abgestimmt wird, keinen klaren Sieger geben wird. Als wahrscheinlichsten Ausgang erwarten die meisten Beobachter entweder eine Technokraten-Regierung oder eine große Koalition. In diesen beiden Fällen sind kaum drastische Auswirkungen auf die Anleihenmärkte zu erwarten. Die Sache könnte jedoch anders aussehen, wenn eine dieser Gruppen genug Sitze für die Bildung einer Regierung gewinnen würde, insbesondere, wenn es sich bei dieser Gruppe um die Koalition der Mitte und rechter Parteien handelt.

Unwahrscheinlich ist dies nicht. Die populistische und ursprünglich europafeindliche Fünf-Sterne-Bewegung liegt mit 25 bis 29 Prozent vor den regierenden Sozialdemokraten, sie möchte im Falle eines Wahlsiegs die Einkommensteuern vor allem für die untere Mittelschicht und Alleinverdiener-Familien zu senken. Im letzten Wahlkampf hatte die Fünf-Sterne-Bewegung noch ein Referendum über Italiens Ausstieg aus dem Euro gefordert, inzwischen befürwortet diese Partei aber den Euro.

Kommt Berlusconi wieder?

Zustimmung zur Demokratischen Partei des Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni liegt derzeit bei nur noch 22 bis 25 Prozent. Mit Umfragewerten von 15 bis 18 Prozent ist die Forza Italia unter Silvio Berlusconi die drittstärkste Partei. Berlusconi sieht Italien fest in der EU verankert, kritisiert aber gleichzeitig die Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre. Sein Verbündeter, die rechtspopulistische Lega Nord per l’indipendenza della Padania, ist hingegen zunehmend fremdenfeindlich und euroskeptisch eingestellt und möchte die Verträge mit der EU neu verhandeln. Zeitweilig forderte die Partei die Abspaltung des wohlhabenderen Norditaliens von Süditalien. In einer Koalition würde diese streng europafeindliche Linie wahrscheinlich nicht zum Tagen kommen, aber die Aussicht, das Fünf Sterne, Forza Italia und Lega Nord zusammen die absolute Mehrheit erringen könnten, vertieft die Falten auf Anlegerstirnen ganz erheblich. An den europäischen Börsen könnte es am kommenden Montag ein böses Erwachen geben.

Eine kommende, europakritische Konstellation in Rom beunruhigt nicht alle. Robert Greil, Chefstratege bei Merck Finck Privatbankiers, behält zum Beispiel angesichts dieser Aussichten offenkundig die Nerven. Für ihn stehen weiter die USA im Fokus: „Die US-Zinsängste bleiben das bestimmende Thema für die Finanzmärkte. Kurzfristig rückt zwar die Italien-Wahl in den Fokus – schon weil ihr Ausgang angesichts vieler unentschiedener Wähler unsicher ist. Trumps Ankündigung von Einfuhrzöllen facht aber die Inflations- und damit Zinsängste weiter an.“ Doch Greils Ansicht teilen bei weitem nicht alle Beobachter. Und dafür gibt es gute Gründe.

Im Gegensatz zum traditionellen Mitte-Rechts-Dogma würden laut Wahlprogramm der Koalition von Berlusconi deutliche Mehrausgaben und ein größerer Haushalt zu erwarten sein. Das wäre Gift für die europäischen Aktienmärkte. Negative Auswirkungen sind auch bei italienischen Schuldtiteln zu erwarten. Die Zentralbank des Landes würde wahrscheinlich mehr Staatsanleihen (BTP) emittieren, und zwar exakt zu einem Zeitpunkt, zu dem der größte Käufer, nämlich die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Käufe von Staatsanleihen zurückfährt. So zumindest erwartet es David Zahn vom Vermögensverwalter Franklin Templeton. Und er hält es durchaus für möglich, dass die Wahlen auf der italischen Halbinsel, bei denen eine europafeindliche Mehrheit durchaus möglich erscheint, eine „übermäßige Marktreaktion“ auslösen könnten.

Ist sogar der „Italexit“ in Sicht?

Die Finanzexpertin Sandra Navidi geht noch einen Schritt weiter. Sie weist darauf hin, dass die Arbeitslosenzahlen in Italien mit rund zehn Prozent sehr hoch sind. Das Staatsdefizit sei zudem auf Rekordniveau, das Bankensystem insegesamt noch nicht über den Berg. Verschuldung und Steuern könnten nach einem Rgierungswechsel in Italien im Gleichschritt steigen, die Erholung der letzten Monate könnte dahin sein. Das Wirtshaftswachstum zwischen Mailand und Palermo lag ohnehin unter dem EU-Durchschnitt. Es erscheint möglich, dass die Anleger italienische Anleihen in großen Stil abwerfen und dass in der Folge der Euro-Rettungsschirm aufgespannt werden muss. Aber wird der groß genug sein?

Das erscheint mehr als unsicher. Falls der Rettungsschirm benötigt wird, drohen in Rom sogar Athener Verhältnisse, denn Italien ist ein Schwergewicht unter den Euro-Ländern – Griechenland ist dagegen ein Wirtschaftszwerg. „Italexit“ ist deswegen das Schreckenswort, das viele Analysten denken, das aber kaum einer ausspricht. Und währenddessen sorgen sich viele Anleger lediglich um die Politik der USA, was aber kein Wunder ist: Donald Trump ist von einer Mehrheit der Journalisten zu einem überlebensgroßen Schreckgespenst aufgeblasen worden. Die erkennbare Hysterie, mit der nach Washington D. C. geblickt wird, ist dabei rational nur schwer zu begründen – trotz drohenden Handelskriegs. Auseinandersetzungen über Strafzölle gab es immerhin schon öfter. Sie waren gewiss nicht hilfreich, sind aber immer auch vorbeigegangen.

A propos lockere Finanzpolitik…

Italien hin, Frankfurt her: Viele Anlegersorgen scheinen auch der weitere Entwicklung der Geldpolitik der Eurozone zu gelten. Denn könnte gute Gründe dafür geben, dass sich die Europäische Zentralbank noch bis 2020 zurückhalten wird, bevor sie die Zinsen anhebt. Mario Draghi hat nach wie vor das langfristige Ziel sei, die Inflation der Eurozone bei „knapp unter zwei Prozent“ zu zementieren. Doch angesichts der Lage in Italien scheint dieses Szenario derzeit in weitere Ferne gerückt, auch kleine Zinsanhebungen durch die EZB werden unwahrscheinlicher. Für Beobachter wie den Franklin-Templeton-Mann Zahn liegt es sogar nahe, dass sich die EZB gut damit abfinden könnte, wenn die Inflation kurzfristig über zwei Prozent steigen würde. Nur – dorthin muss sie erst einmal kommen!

Werden mit der Wahl in Italien, und das ist die aktuell wirklich drängende Frage, die verhalten positiven Aussichten im ökonomischen Bereich stärker an den Märkten auswirken als der „double trouble“ aus Rom und Washington? Große Zweifel scheinen angebracht. Anleger sollten vielleicht etwas abwarten, bevor sie sich engagieren.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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