Das magische Auge

von Sebastian Sigler4.03.2018Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Es gab einmal eine Zeit, da diente ein Telefon dazu, ein Gespräch zwischen Menschen zu ermöglichen, die sich an weit voneinander entfernten Orten befanden. Das ist lange her. Heute ist daraus längst daraus Gerät geworden, das uns in interstellare, galaktische Räume entführt.

„Ein Pferd frisst keinen Gurkensalat!“ – Das war der erste Satz, den Philipp Reis anlässlich eines Vortrags in Frankfurt am Main in ein Gerät sprach, mit dem die menschliche Stimme übertragen werden konnte. Am 26. Oktober 1861 war das, und es war die Geburtsstunde des Telefons. Und was war das, gut 120 Jahre später, für eine ungeheure Revolution, als das Telefonieren möglich wurde, ohne dass die Apparate mit Drähten an das Telefonnetz angebunden waren. Unglaublich! Einige große Hersteller rangen schon bald um diesen Zukunftsmarkt, darunter ein Gummistiefel-Hersteller aus Finnland, den heute keiner mehr kennt. Wesentlich erfolgreicher war eine US-Firma, die angebissenes Obst in ihrem Firmenschild führt. Am erfolgreichsten aber ist Samsung. Dieser Konzern kommt aus dem Land, das alle Olympioniken jetzt gut kennen, und das eine Visualisierung von Yin und Yang in seiner Flagge führt. Yin und Yang – das klingt ja auch ein wenig wie Sam und Sung.

Sam und Sung also hat auf der weltgrößten Mobilfunkmesse Mobile World Congress, der MWC, seine neuen Spitzentelefone mit den raumgreifenden Namen Galaxy S9 und S9+ vorgestellt. Die Einladung zu der pompösen Veranstaltung stand unter einem Motto, das klar zeigt, worum es heutzutage bei dem Gerät geht, das einmal – vor langer Zeit – ein Gerät zur Übertragung des gesprochenen Wortes war: „The Camera, reimagined“ – also in etwa: „Die Kamera, weitergedacht“. Viel Weltraum und Galaxien, von Telefonie kein Wort mehr. Mit viel Sam und viel Sung wurden 2017 gut 321 Millionen Bildaufnahmegeräte des koreanischen Marktführers abgesetzt.

Nun also Galaxy S9 und Galaxy S9+

Einige der Besitzer von aktuellen Geräten der Galaxy-Klasse sollen dem Vernehmen nach versucht haben, mit ihren Kameras zu telefonieren, warum auch immer. Es klappte erstaunlich oft. Doch die Präsentation von Raumschiff Galaxy S9 und dem noch weit interstellareren Schwesterschiff Galaxy S9+ auf der MCW hatte mit Telefonie nichts, aber auch gar nichts zu tun. Miteinander reden? Das gab’s in früheren Zeitaltern. Die Veranstaltung hob stattdessen ab in völlig galaktische Dimensionen. Und so blieb es auch längst nicht beim Fotografieren – nein, da filmte ein Samsung-Astronaut mit 960 Bildern pro Sekunde, wie ein Kollege aus gefühlten Raumtiefen Wasser in ein Glas goss – um das dann in dieser eingebauten Superzeitlupe wiederzugeben. Es sah auf dem Raumzeit-Bildschirm aus wie die interstellare Masse von 30 Galaxien, die von einem Schwarzen Loch geschluckt werden. Danach machte derselbe Android ein Selfie, also ein Selbstbild, das sein Gesicht in die Physiognomie eines Außerirdischen verwandelte. Er wurde sozusagen augenblicklich zum Emoji. Sensationell! Das braucht die Welt!

Und dann schaltete die Sternenregie das Licht aus, damit per Galaxy S9 ein Foto von allen Milchstraßengesichtern im Saal gemacht werden konnte – die Galaxie, das sind ja irgendwie wir alle. Womit auch gleich bewiesen war, dass Galaxy S9 und S9+ mit ihren Bildauflösungen nach Art von Weltraumteleskopen auch noch die kleinsten Verbraucher erkennen können. Obwohl ihre Technik doch längst astronomisch ist. Und das Galaxy S9+ ist sogar dual-astronomisch! Dieses Raumschiff im Hosentaschenformat hat eine Doppelkamera, also eine mit Sam und auch mit Sung, die die eben gemachten Bilder so zusammensetzt, dass galaktische Tiefenschärfe entsteht. Auch der Konkurrent mit dem angebissenen Apfel setzt übrigens auf ein solches Verfahren, um die überzeitlichen Dimensionen der Aufnahmen von Spiegeleiern, bellenden Hunden und gurkensalatfressenden Pferden, die wir alle täglich machen, in die Unendlichkeit der dreidimensionalen Schärfe zu steigern.

Vierdimensionaler Urknall und unendlicher Bildschirm

Yin und Yang und angebissene Äpfel, ja, sogar Kameras, deren Name klingt wie der Jaulen eines Hundes, dessen Schwanz in der Tür eingeklemmt wurde, nehmen sich hier nichts. Und zu solch interstellaren Visualisierungsmaschinen mit Huawei und Sam und Sung gehören natürlich auch Lautsprecher, deren Fähigkeiten mithilfe von Dolby-Technologie einen vierdimensionalen Klang ermöglichen. Das Raumschiff S9+ mit seinem Infinity Display – also dem unendlichen Bildschirm – verschafft Eindrücke, die mit Hubble, ach, die mit der gesamten ISS kaum möglich gewesen wären. Und dazu Videos, auf denen der Urknall in Dolby-Stereo-Surround zu erleben sein dürfte. Fehlt nur noch, dass eine tiefe, ferne Stimme aus dem interstellaren, infinitybeschirmten S9+ ruft: „Fiat lux et Gurkensalat!“

Und es war nicht anders zu erwarten. Auf der Präsentation nahm niemand die Gelegenheit wahr, etwas von Pferden, die keinen Salat aus säuerlichen Feldfrüchten fressen, in das Mikrophon eines S9+ zu rufen wie einst Philipp Reis in seine einfache Membranbox. Die Experten des Portals mit dem sinnigen Namen DxO – was immer uns dies Akronym sagen soll – hoben vielmehr hervor: „Das Smartphone ist das wichtigste Aufnahmegerät für Milliarden von Hobby- und Gelegenheitsfotografen auf der ganzen Welt geworden.“ The picture, reimagined – natürlich vom fernöstlichen Sam, mit Sung. Das imaginäre Pferd des Lehrers Reis, der übrigens aus Gelnhausen stammte, knabbert derweil munter die Äpfel der US-Konkurrenz an. Wer denkt da noch an klassische Kameras? Und was war noch gleich – ein Telefon?

_Nach DAX-Rücksetzer jetzt einsteigen? Tipps dazu in Ihrer_ “*BÖRSE am Sonntag*”:http://www.boerse-am-sonntag.de/aktien/aktie-der-woche/artikel/fuenf-heisse-aktien-hier-lohnt-jetzt-der-einstieg-9122.html.

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