Jamaika-Aus: Aktien steigen teils deutlich

Sebastian Sigler20.11.2017Innenpolitik, Wirtschaft

Hat das Aus für die Jamaika-Sondierungen ein Einknicken der Börsenkurse ausgelöst? Mitnichten! Einzelne Aktienwerte legen deutlich zu. Speziell die Sorgen angesichts einer möglichen Regierungseteiligung der Grünen scheinen größer gewesen zu sein als letzthin gedacht. Ideologien jeder Art sind etwas, das Börsianer abschreckt.

Das Ende der Jamaika-Sondierungen sorgt bei den Aktionären von Autoaktien für Erleichterung. Für die VW-Papiere ist ein deutliches Plus von deutlich über fünf Prozent auf gut 167 Euro pro Aktie am „Tag danach“ die erfreute Reaktion darauf, dass nun nicht mehr über eine Erhöhung der Dieselsteuer, Fahrverbote und allerlei andere Restriktionen verhandelt wird. Auch bei RWE löste das Aus für die Jamaika-Verhandlungen eine Erleichterungsrallye auf rund 20 Euro pro Anteil aus. Eine ganze Reihe von vergleichsweise hocheffizienten Kohlekraftwerken, die sich noch nicht amortisieren konnten, muss nun weniger schnell vom Netz. Der Versorger produziert in Deutschland rund 60 Prozent seines Stroms in Kohle-Kraftwerken.

VW also ist der größte Gewinner vom Untergang Jamaikas. Vor dem Wochenende hatte Volkswagen zusätzliche Milliarden-Investitionen angekündigt,um Tesla & Co die Stirn zu bieten. Den tiefgreifenden Wandel in der Branche will der weltgrößte Autobauer mit zusätzlichen Milliarden-Investitionen in E-Mobilität bewältigen, die höher ausfallen als erwartet. In die Entwicklung von Elektroautos, autonomem Fahren, neuen Mobilitätsdiensten und Digitalisierung sollen von 2018 bis 2022 mehr als 34 Milliarden Euro fließen. Heute gab es nun die dazugehörigen Finanzziele für die Investoren, und möglicherweise wurden hier schon die günstigeren politischen Vorgaben eingepreist. Der Konzern will nun den Umsatz bis zum Jahr 2020 nicht nur um 20 Prozent, sondern um mehr als 25 Prozent steigern. Das klingt nach richtig großem Innovationskino.

_20. November 1947: Wolfgang Borchert stirbt. Einen Tag später fand das Bühnendebüt seines wichtigsten Dramas statt und machte ihn unsterblich. Mehr dazu_ “*hier*”:http://www.theeuropean.de/sebastian-sigler/13089-wolfgang-borchert-70-todestag.

Börsianer misstrauen offenbar den Grünen

Doch die Grünen scheinen VW nicht über den Weg zu trauen. Unbeschadet der beeindruckenden Zahlen des Autobauers ließ der grüne Politiker Daniel Mack verlauten: „Das schwarz-gelb-grüne Bündnis hätte zum Hub für neue Ideen und dringend benötigte Innovationen werden können.“ Was, wenn nicht 30 Milliarden Euro für die E-Mobillität hätten sich die Grünen wünschen können? Vielleicht gehen dort die Überlegungen über ein Ende des Verbrennungsmotors hinaus. Grüne Blütenträume ganz ohne Autos – die gab es durchaus schon. Rücksicht auf Industrie, Arbeitsplätze und die mehrheitlich gewählten Lebenswelten – von einigen speziellen Vertretern der Grünen ist die nicht zu erwarten.

Genau das, was die Grünen als Veränderung letztendlich wünschen, möchte eine Mehrheit im Lande nicht. Freilich ist dies eine theoretische Mehrheit, die sich in den Stimmen für Union, FDP und AfD niederschlägt. Doch diese drei arbeiten in dieser Kombination nicht zusammen. Und auch eine Blockade-Mehrheit ist: eine Mehrheit. Die vielen Diesel-Fahrzeuge im Lande werden nicht mit der Absicht gefahren, eine makabre Lust an der Vergiftung von Mensch und Natur auszuleben – aber fast klingt es, als sei es so, glaubt man zum Beispiel den Grünen durchaus nahestehenden Deutschen Umwelthilfe. Es sind vielmehr hart arbeitende Menschen, zum Beispiel Handwerker und Landwirte, die auf preiswerten Treibstoff angewiesen sind.

Die Zahlen sind es wohl nicht

Die Umweltfragen waren es wohl nicht, die Jamaika zum Kippen gebracht haben. Deutschland hat seine Emissionen von Treibhausgasen (THG) zwischen 1990 und 2016 um 27,6 Prozent reduziert, wie Eric Heymann, Analyst bei der Deutschen Bank, festhält: Lasse man die Effekte der ersten Jahre nach der Wiedervereinigung außer Acht, ergebe sich zwischen 1995 und 2016 immerhin eine Reduktion um gut 19 Prozent. Heymann dazu: „Das ist beachtlich, gerade im internationalen Vergleich. Denn auf globaler Ebene sind im gleichen Zeitraum die energiebedingten CO₂-Emissionen um mehr als 50 Prozent gestiegen.” Und so waren es denn auch nicht die Unterschiede in Sachfragen, die die Gespräche zu Scheitern gebracht haben, sondern Fragen des ideologischen Gedankengutes. Diese Formulierung an sich lässt deutlich vermuten, wo diese Art der Ideologie zu verorten ist: bei den Grünen.

Insgeheim hoffen Parteigänger der Grünen darauf, dass die SPD in ihrer Oppositions-Quarantäne neue Stärke gewinnt – und dann natürlich für Rot-Rot-Grün. Laut Mack „hätte die SPD in der Opposition die Chance gehabt, sich inhaltlich und personell zu erneuern und jenes Profil zurückzugewinnen, was ihr in den großen Koalitionen abhanden gekommen ist, um wieder zu alter Stärke zurückzukehren.“ Denn dass SPD und Grüne ohne die SED-Nachfolger von der Linken eine Mehrheit erhalten könnten, ist höchst unwahrscheinlich. Zu deutlich ist nach der Flüchtlingskrise die bürgerliche – allerdings nicht zur Zusammenarbeit bereite – bürgerliche Seite. Es kann also nur um klandestine rot-rot-grüne Träume gehen. Doch diese Träume sind zu hypothetisch, um die Börsianer ernsthaft beunruhigen zu können. Jedenfalls derzeit.

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