Gibt denn keiner, keiner Antwort???

Sebastian Sigler21.11.2017Gesellschaft & Kultur

Hamburg, 21. November 1947. Urauffführung in den Kammerspielen, restlos ausverkauft. Auf dem Programm das Drama um den Unteroffizier Beckmann, um Moral, Schuld, seelische Zerstörung: „Draußen vor der Tür“ – das Bühnendebüt für den 26jährigen Wolfgang Borchert. Der Vorhang, noch geschlossen, bewegt sich. Der Regisseur tritt vor: „Der Autor ist gestern Nacht verstorben.“ Totenstille im Publikum.

Draußen vor der Tür. Das Drama des Unteroffiziers Beckmann, der traumatisiert aus dem Krieg zurückkehrt und seinen Platz im Leben besetzt findet, der einen anderen Mann bei seiner Frau findet, der mit seiner Schuld nicht leben kann und sich darum selbstmörderisch in die Elbe stürzt – es ist ein doppeltes Drama geworden. Auch eines um Wolfgang Borchert, den Autor. Und eigentlich ist es ohnehin ein tausendfaches Drama, denn jeder im Publikum verlor liebe Menschen, trug Verantwortung oder verlor seinen Platz im Leben.

Keiner ist verschont. Alle sind sie wie Beckmann, den die Elbe als unwürdig des Selbstmordes wieder ausspeit, den sie bei Blankenese an Land spült. Alle sind sie vom Krieg, dem großen Menschenfresser verschmäht und in ein Land gespült worden, in dem ihre Welt nicht mehr ist, wie sie war. Und so nimmt das Drama, das tausendfache Drama an diesem Abend in den Hamburger Kammerspielen seinen Lauf. In der dritten Szene tritt Beckmann vor seinen Befehlshaber:

*OBERST: Was wollen Sie denn von mir?*

*BECKMANN: Ich bringe sie Ihnen zurück.*

*OBERST: Wen?*

*BECKMANN (beinah naiv): Die Verantwortung. Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück. Haben Sie das ganz vergessen, Herr Oberst? Den 14. Februar? Bei Gorodok. Es waren 42 Grad Kälte. Da kamen Sie doch in unsere Stellung, Herr Oberst, und sagten: Unteroffizier Beckmann. Hier, habe ich geschrien. Dann sagten Sie, und Ihr Atem blieb an Ihrem Pelzkragen als Reif hängen – das weiß ich noch ganz genau, denn Sie hatten einen sehr schönen Pelzkragen – dann sagten Sie: Unteroffizier Beckmann, ich übergebe Ihnen die Verantwortung für die zwanzig Mann. Sie erkunden den Wald östlich Gorodok und machen nach Möglichkeit ein paar Gefangene, klar? Jawohl, Herr Oberst, habe ich da gesagt. Und dann sind wir losgezogen und haben erkundet. Und ich – ich hatte die Verantwortung. Dann haben wir die ganze Nacht erkundet, und dann wurde geschossen, und als wir wieder in der Stellung waren, da fehlten elf Mann. Und ich hatte die Verantwortung. Ja, das ist alles, Herr Oberst. Aber nun ist der Krieg aus, nun will ich pennen, nun gebe ich Ihnen die Verantwortung zurück, Herr Oberst, ich will sie nicht mehr, ich gebe sie Ihnen zurück, Herr Oberst.*

*OBERST: Aber mein lieber Beckmann, Sie erregen sich unnötig. So war das doch gar nicht gemeint.*

*BECKMANN (ohne Erregung, aber ungeheuer ernsthaft): Doch. Doch, Herr Oberst. So muss das gemeint sein. Verantwortung ist doch nicht nur ein Wort, eine chemische Formel, nach der helles Menschenfleisch in dunkle Erde verwandelt wird. Man kann doch Menschen nicht für ein leeres Wort sterben lassen. Irgendwo müssen wir doch hin mit unserer Verantwortung. Die Toten – antworten nicht. Gott – antwortet nicht. Aber die Lebenden, die fragen. Die fragen jede Nacht, Herr Oberst. Wenn ich dann wach liege, dann kommen sie und fragen. Frauen, Herr Oberst, traurige, trauernde Frauen. Alte Frauen mit grauem Haar und harten rissigen Händen – junge Frauen mit einsamen sehnsüchtigen Augen. Kinder, Herr Oberst, Kinder, viele kleine Kinder. Und die flüstern dann aus der Dunkelheit: Unteroffizier Beckmann, wo ist mein Vater, Unteroffizier Beckmann? Unteroffizier Beckmann, wo haben Sie meinen Mann? Unteroffizier Beckmann, wo ist mein Sohn, wo ist mein Bruder, Unteroffizier Beckmann, wo ist mein Verlobter, Unteroffizier Beckmann? Unteroffizier Beckmann, wo? wo? wo? So flüstern sie, bis es hell wird. Es sind nur elf Frauen, Herr Oberst, bei mir sind es nur elf. Wieviel sind es bei Ihnen, Herr Oberst? Tausend? Zweitausend? Schlafen Sie gut, Herr Oberst? Dann macht es Ihnen wohl nichts aus, wenn ich Ihnen zu den zweitausend noch die Verantwortung für meine elf dazugebe. Können Sie schlafen, Herr Oberst? Mit zweitausend nächtlichen Gespenstern? Können Sie überhaupt leben, Herr Oberst, können Sie eine Minute leben, ohne zu schreien? Herr Oberst, Herr Oberst, schlafen Sie nachts gut? Ja? Dann macht es Ihnen ja nichts aus, dann kann ich wohl nun endlich pennen – wenn Sie so nett sind und sie wieder zurücknehmen, die Verantwortung. Dann kann ich wohl nun endlich in aller Seelenruhe pennen. Seelenruhe, das war es, ja, Seelenruhe, Herr Oberst! Und dann: schlafen! Mein Gott!*

Die Abgründe der Seele

„Draußen vor der Tür“ – dieses Stück Weltliteratur wird häufig als „Heimkehrerdrama“ bezeichnet. Aber es kann mehr darin gesehen werden. Im Jahre 1947 war Beckmann gleichbedeutend mit: jederman. „Nachts schlafen die Ratten doch“ ist einer weiterer dieser Texte, mit denen Borchert auch heute unmittelbar ins Herz trifft, in die Seele. Er handelt von einem neunjährigen Jungen, der Tag und Nacht die Ruine des Hauses bewacht, in dem seine Familie wohnte, bis es durch Bomben zerstört wurde.

*Und du paßt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann.*

*Auf die doch nicht! Und dann sagte er ganz leise. Mein Bruder, der liegt nämlich da unten. Da. Jürgen zeigte mit dem Stock auf die zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war das Licht weg im Keller. Und er auch. Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Er muß hier ja noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich.*

*Der Mann sah von oben auf das Haargestrüpp. Aber dann sagte er plötzlich: Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt daß die Ratten nachts schlafen?*

*Nein, flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, das hat er nicht gesagt.*

Von Krieg und Zerstörung gezeichnet

Wolfgang Borchert, geboren 1921, hatte schon in seiner Jugend zahlreiche Gedichte und Texte verfasst. Nach einer Schauspielausbildung arbeitete er nur wenigen Monate in seinem Beruf, dann, 1941, wurde er durch die Wehrmacht eingezogen. Ostfront. Dort zog er sich schwere Verwundungen und Infektionen zu. Mehrfach wurde er wegen Kritik am NS-Regime verurteilt und inhaftiert, der Vorwurf: Wehrkraftzersetzung. In der Haft verschlimmerte sich ein Leberleiden, das ihn schon länger quälte.

Nach dem Ende von Krieg und Diktatur litt Borchert stärker unter seiner Leberschädigung, bald schon war er ständig ans Krankenbett gefesselt. Er war todkrank durch Hunger, Entbehrung und seelische Qual. Und er wusste es. Zwischen Januar 1946 und September 1947 folgte vom Krankenbett aus eine höchst fruchtbare Schaffensperiode, es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten und mehrere größere Werke. In nur acht Tagen verfasste Borchert im Januar 1947 das Drama „Draußen vor der Tür“. Einer seiner wichtigsten Impulse war darüberhinaus die dringenden Aufforderung zum Frieden. Sein Text “Sag NEIN!”:http://www.bo-alternativ.de/borchert.htm, in dem er sich explizit an alle gesellschaftlichen Gruppen wendet, wurde zu einem der zentralen Aufrufe in vielen Friedensinitiativen nach Nachkriegszeit. Die ihn selbst betreffende Passage lautet:

*Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!*

Bereits im Februar 1947 war die Hörspielfassung von „Draußen vor der Tür“ im Radio ausgestrahlt worden. Die Produktion des NWDR war von vielen der neuen Sender übernommen worden, der Widerhall war gewaltig. Die Bühnenfassung wurde umgehend vorbereitet. Borchert, inzwischen im schweizerischen Basel, wo Ärzte sein Leben zu retten versuchten, nahm gedanklich teil, solange es die Kräfte zuließen. Doch der Dramatiker starb, von Entbehrung gezeichnet, am 20. November 1947, 26 Jahre alt. Die pathologische Untersuchung ergab, dass er an einer überempfindlichen Leber gelitten hatte, die durch andauernde Ernährungsmängel immer stärker geschädigt worden und am Ende zu enormer Größe angeschwollen war. Der Pathologe äußerte Erstaunen, „daß dieser junge Mensch hat so lange leben und arbeiten können“.

Am Tag darauf, an diesem 21. November, einem düsteren Herbsttag, an dem sich Regenschwaden über die unzähligen Ruinen ergossen hatten, die der Bombenkrieg von der ganzvollen Kulisse der Hansestadt gelassen hatte – an diesem Tag fand das Bühnendebüt Wolfgang Borchert statt. Es bedeutete den Durchbruch als Autor, als Sprachrohr einer verlorenen Generation. Bis auf den letzten Platz ausverkauft die Hamburger Kammerspiele, Menschentrauben in den Gängen und an den teils geöffneten Türen. Und mitten im Publikum: Wolfgang Borcherts Eltern.

Das Debüt – ein Requiem

Das Drama um den Unteroffizier Beckmann, das an diesem Tage unversehens zum Drama um Borchert geworden ist, erschüttert das Publikum, erschüttert die vom Krieg traumatisierten Hamburger. Viele Tränen im Publikum, immer wieder Seufzen, leises Schluchzen. Und es kommt der Schlussmonolog des Protagonisten, des Unteroffiziers Beckmann, dieses neuen „Jedermann“ des 20. Jahrhunderts.

*Ein Mann kommt nach Deutschland! Und dann kommt der Einbeinige – teck – tock – teck – kommt er, teck – tock, und der Einbeinige sagt: Beckmann. Sagt immerzu: Beckmann. Er atmet Beckmann, er schnarcht Beckmann, er stöhnt Beckmann, er schreit, er flucht, er betet Beckmann. Und er geht durch das Leben seines Mörders teck – tock – teck – tock! Und der Mörder bin ich. Ich? der Gemordete, ich, den sie gemordet haben, ich bin der Mörder? Wer schützt uns davor,daß wir nicht Mörder werden? Wir werden jeden Tag ermordet, und jeden Tag begehn wir einen Mord! Wir gehen jeden Tag an einem Mord vorbei! Und der Mörder Beckmann hält das nicht mehr aus, gemordet zu werden und Mörder zu sein. Und er schreit der Welt ins Gesicht: Ich sterbe!*

*Und dann liegt er irgendwo auf der Straße, der Mann, der nach Deutschland kam, und stirbt. Früher lagen Zigarettenstummel, Apfelsinenschalen und Papier auf der Straße, heute sind es Menschen, das sagt weiter nichts. Und dann kommt ein Straßenfeger, ein deutscher Straßenfeger, in Uniform und mit roten Streifen, von der Firma Abfall und Verwesung, und findet den gemordeten Mörder Beckmann. Verhungert, erfroren, liegengeblieben. Im zwanzigsten Jahrhundert. Im fünften Jahrzehnt. Auf der Straße. In Deutschland. Und die Menschen gehen an dem Tod vorbei, achtlos, resigniert, blasiert, angeekelt und gleichgültig, gleichgültig, so gleichgültig! Und der Tote fühlt tief in seinen Traum hinein,daß sein Tod gleich war wie sein Leben: sinnlos, unbedeutend, grau.*

*Und du – du sagst, ich soll leben! Wozu? Für wen? Für was? Hab ich kein Recht auf meinen Tod? Hab ich kein Rechtauf meinen Selbstmord? Soll ich mich weiter morden lassen und weiter morden? Wohin soll ich denn? Wovon soll ich leben? Mit wem? Für was? Wohin sollen wir denn auf dieser Welt! Verraten sind wir. Furchtbar verraten. Wo bist du, Anderer? Du bist doch sonst immer da! Wo bist du jetzt, Jasager? Jetzt antworte mir! Jetzt brauche ich dich,Antworter! Wo bist du denn? Du bist ja plötzlich nicht mehr da! Wo bist du, Antworter, wo bist du, der mir den Tod nicht gönnte! Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht!! Gebt doch Antwort! Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner eine Antwort? Gibt keiner Antwort???*

*Gibt denn keiner, keiner Antwort???*

Vorhang. Totenstille im Publikum, minutenlang

Stille, immer noch. Ein Memento für die Unzähligen. Und zu diesen Unzähligen gehört jetzt auch der Autor des Stückes, der gefeierte Wolfgang Borchert. Die Augen richten sich auf den Vater, die Mutter. Sie sitzen mitten unter den Zuschauern, ganz still auch sie. Er hält ihre Hand.

Schmerzhaft ist sie, diese Stille. Doch dann, dann brandet der Beifall, hört gar nicht mehr auf. Die Menschen applaudieren im Stehen, und wieder fließen die Tränen. Viele Tränen. Und es ist, als ob sich die Last von 100 Bombennächten, von 1.000 Gemeinheiten der Nationalsozialisten, vom 10.000fachen Leid der Entrechteten aus den Seelen zu lösen begänne. Als ob alles herausdringe, in diesem Strom von Tränen. Endlich. An diesem 21. November 1947, zweieinhalb Jahre nach dem Ende des Krieges, der Befreiung von der Diktatur, nicht aber dem Ende des Mordens. Vor genau 70 Jahren.

_Die Reaktionen auf die Uraufführung waren euphorisch, soviel ist bekannt, und Borcherts Eltern waren wirklich anwesend; die Schilderung der übrigen Ereignisse im Theater sind indes einem Ereignis in Braunschweig entlehnt, im Juli 1945, als erstmals wieder Shakepseare gegeben wurde. Der Hamlet._

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