Die Vision einer rassisch „reinen“ Türkei

Sebastian Sigler24.04.2017Außenpolitik, Europa

Der 24. April 1915 markiert den Beginn des türkischen Völkermords an den Armeniern. „Keinerlei Zweifel kann bestehen über den tödlichen Haß der jungtürkischen Gewalthaber gegen die Armenier und über ihren tiefinnersten Wunsch, die Gelegenheit des Weltkrieges, der die Türkei unbeaufsichtigt ließ, zu benutzen“, notierte ein Zeitzeuge. Und dieser Genozid sollte zum fatalen Vorbild werden. Bis heute.

Das Armenien, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts existierte, ist ausgelöscht. Das Bild, das armenische Bürger zeigt, die von ihren muslimischen Nachbarn und von jungtürkischen Gewehrmännern aus einer Stadt geführt werden, entweder in die Wüste zum Verhungern oder in den nächstbesten Steinbruch zur Massenerschießung – es ist unerträglich beklemmend. Es ist eine Originalquelle. So sah es, wer sehen wollte, vor etwas mehr als hundert Jahren überall in West- und Zentralarmenien, einem Gebiet, das heute als „Nordost-Anatolien“ bezeichnet wird. Wobei die Männer in aller Regel ausnahmslos ermordet wurden, während Frauen und Mädchen allzuoft entweder Skavinnen verkauft wurden oder zu sexueller Ausbeutung missbraucht wurden.

Die Vision von einer rassisch „reinen“ Türkei ist in der heutigen Wirklichkeit von der Vorstellung abgelöst worden, es müsse eine religiös gesäuberte, hundertprozentig dem sunnitischen Islam anhängende Bevölkerung geben. Atatürk war offenbar nur die laizistische Ausnahme. Aber die Flamme der Hoffnung, die das uralte christliche Volk der Armenier trägt, konnte nicht einmal der türkische Völkermord löschen. Auch heute gibt es einen armenischen Staat. Die Tradition eines christlichen Staatswesen in Armenien ist dabei bekanntermaßen älter als diejenige in Rom.

Nicht vergessen seien die Aramäer, die weiter südlich in Kleinasien ihre Heimat hatten, bis der türkische Völkermord auch sie traf. Ihre Tradition ist noch älter, sie reicht bis zur Urkirche des 1. Jahrhunderts zurück, ihre Liturgiesprache ist dieselbe, die Jesus sprach. Wer hören möchte, wie das Vaterunser aus dem Mund Jesu Christi geklungen hat, möge in eine aramäische Kirche gehen. Es gibt solche Kirchen auch in Deutschland, denn hunderttausende Aramäer wurden durch die türkischen Machthaber aus Kleinasien vertrieben.

Samuel Zurlinden, er lebte von 1861 bis 1926, bereiste viele Jahre lang im Orient. Als liberaler Schweizer Historiker, Journalist und Schriftsteller genoss er hohes Ansehen. Zurlinden publizierte bereits 1918 eine Abhandlung über den Völkermord an den Armeniern, noch während des Ersten Weltkrieges. Es handelt sich um die erste umfassende und bedeutende Darstellung des Völkermords an den Armeniern. Zurlinden war entgeistert und schockiert: „Keinerlei Zweifel kann bestehen über den tödlichen Haß der jungtürkischen Gewalthaber gegen die Armenier und über ihren tiefinnersten Wunsch, die Gelegenheit des Weltkrieges, der die Türkei unbeaufsichtigt ließ, zu benutzen, um so oder anders mit den Armeniern aufzuräumen. Denn schon vor dem Weltkrieg bestand jene haßerfüllte, tödliche Absicht und die Begier, sie im ersten günstigen Moment zur Ausführung zu bringen.”

Im Schatten der Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges wurde die Bestrafung der Verantwortlichen nicht einmal versucht, bis 1921 wurde schließlich auch noch in regionalen Konflikten weitergekämpft; und nachdem im Jahre 1922 und 1923 im Zuge der Gründung der heutigen Türkei weitere schreckliche Menschheitsverbrechen zu beklagen waren, vor allem an den seit knapp 3.000 Jahren in Westanatolien ansässigen Griechen, geriet der entsetzliche Völkermord aus dem Fokus. Die Vertreibung der Pontos-Griechen aus dem mehrheitlich griechischen Smyrna, dem heutigen rein türkischen Izmir, und die völkermordartige „Säuberung“ von Adrianopel, dem heutigen Edirne, mögen beispielhaft stehen. Der rassereine Staat eines türkischen „Herrenvolkes“ wurde schon 1923 zu bauen begonnen. Und ein deutscher Diktator hat sich dieses Experiment gut angeschaut.

Ein Volk, ein Reich, ein Sultan

Der Völkermord an den Armeniern blieb völkerrechtlich praktisch ungesühnt. Das haben Stalin und Hitler wohl bemerkt. Im Dritten Reich war die Auslöschung wesentlicher Teile Armeniens, war der türkische Völkermord sogar Vorbild und Blaupause für die Planung des Menschheitsverbrechens schlechthin, den Holocaust. Doch die Grundlage für die Schaffung des Staates am Bosporus war zu allen Zeiten der Islam, auch wenn der Atatürk von 1923 an den Laizismus propagierte. Seit jüngster Zeit wandelt sich die Türkei folgerichtig zurück und wird strikt islamisch, ja, islamistisch. Der neue Atatürk hat soeben sein Ermächtigungsgesetz bekommen. Was werden die Jahre ab 2019 bringen?

Samuel Zurlinden beschreibt anschaulich, was im Vorgängerstaat der heutigen Türkei vor nur 100 Jahren möglich war: „Donnerstag, den 1. Juli (1915), wurden alle Straßen von Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett bewacht, und das Werk der Austreibung der Armenier aus ihren Häusern begann. Gruppen von Männern, Frauen und Kindern mit Lasten und Bündeln auf dem Rücken wurden in einer kleinen Querstraße in der Nähe des Konsulats gesammelt und, sobald etwa hundert zusammengekommen waren, wurden sie von Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett am amerikanischen Konsulat vorüber in Hitze und Staub auf der Straße nach Erzerum hingetrieben. (Eine solche Szene, vielleicht sogar exakt diese, zeigt übrigens das obige Bild – d. Red.) Außerhalb der Stadt ließ man sie halten, bis etwa 2.000 beisammen waren; dann schickte man sie weiter. Drei solcher Gruppen, zusammen etwa 6.000, wurden während der ersten drei Tage verschickt und kleinere Gruppen aus Trapezunt und der Umgebung, die später deportiert wurden, beliefen sich auf weitere 4.000. Das Weinen und Klagen der Frauen und Kinder war herzzerreißend.“

„Es gab Städte und Dörfer, in denen die armenische Bevölkerung voll Mitleid ihren, in bejammernswertem Zustand durchziehenden Stammesgenossen Hilfe und Unterstützung bot, ohne zu ahnen, daß in Konstantinopel schon Tag und Stunde festgesetzt war, da auch sie an die Reihe kommen und in das gleiche Elend hinausgestoßen werden sollten. (…) Mit dieser feigen und gemeinen Brutalität, die den Militarismus – und nicht nur den türkischen – auszeichnet, hat man das armenische Volk zuerst wehrlos gemacht und dann massakriert.“

Christenverfolgung damals – und heute?

„Der durch die Proklamierung des ‚Heiligen Krieges’ – des Dschihad, d. Red. – entfesselte Religionsfanatismus der Moslem hat in unsern Tagen eine Christenverfolgung hervorgebracht, welche alle ähnlichen Perioden der Weltgeschichte tief in den Schatten stellt. Daß man vor allem das Christentum und die Christen treffen wollte, beweist schon die lange Liste von Namen armenischer Bischöfe und Metropoliten, welche eingekerkert, gefoltert, ausgewiesen, gehängt, lebendig verbrannt oder ertränkt wurden, zum Teil ehrwürdige Greise bis zu neunzig Jahren, die auch der größte Lügen-Virtuose der deutsch-türkischen Propaganda (…) nicht als einer Verschwörung fähig und schuldig erklären würde. Es beweist dies der Hohn der mohammedanischen Henkersknechte, welche Jesus lästerten und ihre röchelnden Opfer fragten, ob ihr Prophet ihnen nun helfen könne. Dafür sprechen auch die Schändungen der christlichen Kirchen, von denen die Kreuze heruntergerissen wurden, die man plünderte, verunreinigte oder als Markthallen und Läden zum Verkaufen der Effekten der getöteten Verbannten verwendete.“

„In manchen Städten und Dörfern wurden die christlichen Kirchen sofort in Moscheen umgewandelt (in Erzerum auch die katholische Kirche); in Gürün hörte noch während des Auszugs der Deportation die dem Tode geweihte Schar, wie die Mollahs von den Dächern der christlichen Kirchen zum Gebet der (muslimischen – d. Red.) Gläubigen riefen. In Erzingian machte man aus der armenisch-gregorianischen Kirche einen öffentlichen Abort. In Tarmeh, zwischen Samsun und Unjeh, wurde nach der Verwandlung der Kirche in eine Moschee dem armenischen Priester zum Spott ein Turban umgewickelt. Alsdann mußte er den Namas machen (das mohammedanische Gebet) und den muhammedanischen Gottesdienst halten. Die Frage, ob ein Armenier ‚schuldig’ oder ‚unschuldig’ ist, (…) existiert für das Bewußtsein eines Mohammedaners nicht, da es sich um Christen handelt.“

Was werden die Jahre ab 2019 bringen?

Ja, es ist wahr: historisch gesehen gehört die heutige Türkei den Türken nur zu einem kleinen Teil – wenn überhaupt. Ein wichtiger Hinweis in dieser Sache: Nicäa, wo das christliche Glaubensbekenntnis formuliert wurde, liegt mitten in Anatolien. Nicht nur die Armenier und die Aramäer, nein, das gesamte, neutestamentarisch fundierte christliche Glaubensgebäude hat seinen Bauplatz in Kleinasien. Hier ist es errichtet worden. Genau dort also, wo heute die Türkei die absolute Macht beansprucht und nicht einmal den Bau christlicher Kirchen zulässt.

Das Armenien, das zu Beginn des 20. jahrhunderts existierte, ist ausgelöscht – das heutige Armenien ist nur noch ein kleiner Teil dieser uralten Kulturnation, und der Völkermord von türkischer Hand hat von Grund auf das verändert, was „Armenien“ genannt wird, auch wenn Tradition und Glauben – beide übrigens um Äonen älter als alle türkische Tradition – natürlich ungebrochen sind. Süleyman der Prächtige, der Eroberer des christlichen Konstantinopel, scheint das Vorbild heutiger Tage zu sein. Atatürk war nur ein laizistischer Schlenker in der muslimisch-osmanisch-türkischen Geschichte. Und ein neuer Sultan möchte nun, im 21. Jahrhundert, das erschaffen, was noch nie existierte: eine rassisch-religiös reine Türkei unter dem Banner des Propheten, der die Missionierung mit dem Schwert befohlen hat. Ab 2019 wird dieser Sultan über eine quasi totalitäre Machtfülle verfügen. Gott sei den Christen in ihren uralten, angestammten Gebieten in Kleinasien gnädig.

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