Die Büchse der Pandora ist geöffnet

Sebastian Sigler15.09.2016Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Das wird nicht gutgehen. Ein deutscher Konzern, der einst dem berüchtigten Chemie-Trust IG Farben angehörte, soll einen führenden US-Konzern, der zudem noch in einer Schlüsseltechnologie arbeitet, übernehmen?

Das Bild vom bösen Deutschen, es ist wieder einmal da. Ganz aktuell, denn ein Sakrileg ist geschehen. Ein deutscher Konzern, der zudem noch in den präsentesten 1.000 Jahren deutscher Geschichte eine indirekte, aber umso wichtigere Rolle spielte, übernimmt einen US-Konzern, der mit Schlüsseltechnologien hantiert, die zur Kontrolle der weltweit wichtigsten Resoourcen taugen. Das Vorhandensein von Grundnahrungsmitteln ist nicht weniger als eine Frage von Krieg und Frieden.

Schon tauchen die ersten – noch: indirekten – Vergleiche zwischen Werner Baumann, dem Bayer-CEO, und dem schlimmsten deutschen Diktator auf; „Machtergreifung auf dem Acker“ ist die Schlagzeile des Tages. „Die Übernahme von Monsanto durch Bayer wird die weltweite Abhängigkeit der Landwirte von multinationalen Konzernen verstärken, den Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut und gefährlichen Chemikalien befördern und der Ausbreitung umweltschädlicher Monokulturen Vorschub leisten“, erklärte zum Beispiel der WWF, ganz sachlich. Doch die Kritiker, die es bei sachlichen Kommentaren belassen, werden schon bald übertönt werden. Warum ist diese Vorhersage so einfach? Nun, es gibt einen Parallelfall aus dem Automobilsektor.

VW – ein Versuch eines Vergleichs

Ein Blick in die Wikipedia genügt: der Volkswagen-Konzern wurde 1937 gegründet. Als Gründer ist dort schlicht „Deutsche Arbeitsfront“ angegeben. Diese Organisation wurde niemand Geringerem als dem Reichsleiter der NSDAP, Robert Ley, geleitet. Und das ist überall auf der Welt bekannt. Und falls nun der aus dieser Wurzel stammende VW-Konzern Marktführer würde? Das ginge nicht! Das ginge auch dann nicht, wenn VW nach dem Ende der grauenvollen NS-Diktatur jahrzehntelang von ausgewiesen linken Gewerkschaftern und sozialdemokratischen Landesregierungen kontrolliert worden wäre. Was aber nun mal der Fall ist.

Nein, das ginge nicht. Zumal dieser VW-Konzern unter anderem ein Produkt im Angebot hat, das einfach nicht zu schlagen ist: die Dieselmotoren. Es hat doch nichts mit Schummelsoftware zu tun, wenn heutzutage im Normalbetrieb ein 105-PS-TDI in einem Fahrzeug der Marke mit den vier Ringen am Kühler mit durchschnittlich 3,8 Litern Diesel pro hundert Kilometer über die Autobahnen fährt, die einst ein deutscher Diktator ausbauen ließ. Und das nicht einmal langsam. Die Diesel aus Wolfsburg sind schlichtweg auf Jahrzehnte nicht zu schlagen, es sei denn, neue Technologien wie der Elektroantrieb würden noch weit massiver als bisher gefördert.

Der Diesel aus Wolfsburg und Ingolstadt – er war einfach zu gut, er ist einfach zu gut! Falls es nun wirklich kein marktwirtschaftliches Mittel gegeben hätte, diesen Diesel aus dem Arbeitsfront-Konzern weltweit abzuwürgen: man hätte einen Skandal aus getürkter Software für den Prüfungsbetrieb aufbauen müssen. Wohlgemerkt: diese besagte Software war und ist illegal, zweifelsfrei, und ihr Einsatz kann nicht folgenlos bleiben. Aber stehen Anlass und Reaktion in einer nachvollziehbaren Relation? Oder wird nicht vielmehr Industriepolitik als Vorwand genommen, um einen zu guten Mitbewerber auf dem Automobilmarkt zu entreichern? Mit einer zweistelligen Milliardensumme aus Deutschland ließe sich zum Beispiel die US-Autoindustrie im Bezug auf Elektromobilität sehr gezielt und wirksam ertüchtigen. Dies aber nur ganz am Rande. Wenden wir uns wieder dem aktuellen Thema zu.

Das wird sich die radikale Linke nicht entgehen lassen

Die Bayer AG, die einst genuiner Teil der IG Farben war, wird alle Kräfte aufbieten und zudem enormes Glück haben müssen, um an der Übernahme von Monsanto nicht unterzugehen. Denn es ist ja nicht so, dass die Bayer AG – oder die Friedrich Bayer et comp., wie sie damals hieß – einst in dieses Kartell gezwungen wurde. Nein, aus Leverkusen kamen die Anstöße zur Gründung der IG Farben, und am 2. Dezember 1925 fand diese statt. Die britische ICI, um das nebenbei zu erwähnen, ist eine Reaktion auf die IG Farben.

Wetten werden angenommen: Wann wird die Antifa auf den Plan treten und den Flammenwerfer in erntereife Felder halten, auf denen Bayer/Monsanto-Saatgut verwendet wurde? Lange wird es nicht dauern, und die Ackerbreiten werden brennen. Oder gleich die Getreidesilos. In anderen sozialen Zusammenhängen, zum Beispiel im studentischen Milieu in Göttingen, scheuen Antifa-Mitglieder auch nicht vor Angriffen zurück, die geeignet sind, Menschen umzubringen. Anschläge auf Weizenfelder erscheinen dagegen ein Kinderspiel. Und dann wäre da noch die Frage nach bestimmten Produkten der IG Farben, damals, im Osten. Mit der wird sich der vereinigte Bayer-Monsanto-Konzern auch bald konfrontiert sehen.

„Don’t buy Bayer!”

Die Vision nicht nicht allzuweit hergeholt. Aktivisten mit umgehängten Schildern vor jeder Apotheke: „Don’t buy Bayer!” Die Älteren erinnern sich noch an die Aufkleber erinnern, mit denen so manche Rostbeule an bundesdeutschen Autos der 1980er Jahre zugeklebt wurde, falls das Loch zu groß für den Atomkraft-nein-danke-Sticker wurde: „Kauft keine Früchte aus Südafrika!“ Das war eine klare Botschaft! Danach konnte der bessere Mensch handeln! Nun ja, im Abstand von jeweils ein paar Jahrzehnten kann man sich in Deutschland offenbar auf Empfehlungen einstellen, irgendetwas bei irgendwem _nicht_ zu kaufen. Die Prognosen für das Retail-Geschäft des schönen, neuen Bayer-Konzerns – sie sind besonders düster.

Ja, die Büchse der Pandora ist geöffnet. Die extreme Linke in Deutschland wird sich diese Vorlage nicht entgehen lassen. Aber sie wird sich damit freiwillig selbst vor den Karren genau jener Kräfte in den USA spannen, die alle Hebel ziehen werden, um die Geheimnisse „ihrer“ Schlüsselindustrie, der Gentechnik, in den USA zu behalten. Es sind exakt diese Kräfte, die die Antifa nach eigenem Bekunden doch so energisch ablehnt. Und die sie mutmaßlich auch mit ihrer antifa-üblichen Gewaltanwendung bekämpfen würde, wenn nicht der Atlantik dazwischen wäre, über den ein alter VW-Transporter, schwer beladen mit Brandbeschleuniger, leider nicht ohne weiteres fahren kann. Wobei solche alten VW-Transporter meist natürlich mit Dieselmotor ausgestattet sind. Womit sich der Kreis irgendwie schließt.

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